Anzeige

Das Grexit-Drama und der Bankrott unserer Medienrepublik   

Die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union (EU), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der griechischen Regierung beherrschen die Nachrichten. Allein: Je mehr Nachrichten man zum Thema Grexit konsumiert, desto wirrer wirkt die Lage. Die Griechenland-Krise ist auch ein kollektives Versagen von Medien und Politik, das sich rational kaum erklären lässt.

Anzeige

Fangen wir also mal mit dem Guten an. Man findet durchaus  intelligente, abwägende, Erkenntnis bringende Beiträge zum Thema Griechenland in den Medien. Bei Spiegel Online beispielsweise veröffentlichte Wirtschaftsressortleiter Christian Rickens einen Fünf-Punkte-Plan zur Rettung Griechenlands, der nachdenkenswert erscheint.

Die Berliner Zeitung brachte einen Artikel, in dem klar benannt wurde, wie Indiskretionen aus EU-Kreisen den gefürchteten Banken-Run von Sparern in Griechenland befeuern und die EU damit auf ziemlich fiese und gefährliche Weise die griechische Regierung in den aktuellen Verhandlungen unter Druck setzt. Eine ähnliche Argumentation findet man in einem Blog der Washington Post. Und in der Financial Times hat der Chef-Ökonom der Citi-Bank, Willem Buiter, ebenfalls einen Rettungsplan für Griechenland entworfen, der über die mantraartig wiederholten Spar-Appelle des deutschen Finanzministers hinausgeht.

Doch: Es ist allzu leicht, diese Stimmen im Konzert der Medien zu überhören. Da ist einmal natürlich die Bild-Zeitung, die mit ihrem populistischen Anti-Griechenland-Kurs immer noch den Takt angibt. Ihre Artikel sind bisweilen von einer solchen Häme und Böswilligkeit durchwirkt – man könnte meinen, die Bild-Redaktion habe mit der Regierung Griechenlands persönlich eine Rechnung offen. Allein dieses Beispiel einer unfairen Gegenüberstellung des diabolisch lachenden griechischen Finanziministers und der scheinbar armen, bedröppelten Kanzlerin sei hier genannt.

Jede Handlung der griechischen Regierung wird systematisch als “frech”, “dreist” oder als “Erpressung” beschrieben, obwohl es doch die EU-Institutionen sind sind, die Griechenland unter massiven Druck setzen. In der Gefolgschaft der Bild haben viele deutsche Medien erstaunlich unreflektiert über den anstehenden Banken-Run in Griechenland berichtet, fast schon mit einer unheilvollen Lust am drohenden Untergang.

A propos Lust am Untergang – da haben wir noch den Spiegel. Ganz anders als oben erwähnter Kommentar bei Spiegel Online präsentierte sich diese Woche die Titelgeschichte des gedruckten Spiegel, die von der Griechenland-Krise ausgehend den Untergang ganz Europas heraufbeschwört. Von “Horrorszenarien” ist die Rede, vom “Anfang vom Ende des geeinten Europa”. Das könnte man als typische Spiegel-Apokalypse-Folklore abtun. Immerhin beschwört das Hamburger Fachmagazin für Welt- und Gelduntergänge das Ende des Euro seit 2009 (Titel damals: “Der Jahrhundertfehler – Wie die Pleite einer einzigen Bank die Weltkrise auslöste”). 2010 schrieb der Spiegel “Euroland abgebrannt – Ein Kontinent auf dem Weg in die Pleite”.2011 stand laut Spiegel sogar die ganze “Welt am Abgrund”, 2011 drohte dann immerhin noch der “Gelduntergang”. “Das Beben” steht also in einer gewissen Tradition. Das Abendland ist mal wieder abgebrannt – so what?

Diesmal reiht sich die Weltuntergangs-Metaphorik des Spiegel aber ein in einen allgemeinen medialen Kanon. In fast allen Medien werden die immergleichen Stereotype und Unwahrheiten über Griechen und Griechenland wieder und wieder verbreitet. Es gibt zwar andere Stimmen (siehe oben), die muss man aber aktiv suchen und ihre Zahl ist überschaubar. Leute wie Michalis Pantelouris reden sich in Talkshows den Mund fusselig und müssen jedesmal aufs neue die gleichen Halb- und Unwahrheiten in Bezug auf Griechenland zurechtrücken. Zuletzt in der jüngsten “Hart aber fair”-Sendung. Es scheint niemand zuzuhören. Am Ende stehen die Zurechtrückungen dann in einem “Faktencheck” online, den die wenigsten TV-Zuschauer zur Kenntnis nehmen dürften. Die besten Analysen zum Thema Griechenland finden sich hierzulande bezeichnenderweise oft in Blogs. Wer sich auf etablierte Medien verlässt, steht am Ende erschreckend einseitig informiert da.

Die großen Medien marschieren in der Masse in eine Richtung. Der berühmt, berüchtigte Herdentrieb ist am Werk. So meldet der Nachrichtensender n-tv beispielsweise, der griechische Regierungschef Tsipras habe das “Blame-Game” gewonnen, also Kanzlerin Merkel und der EU die Schuld in die Schuhe geschoben, falls der Deal platzt, und zeigt dazu einen verschmitzt grinsenden Tsipras. Der Artikel erweckt, wie so viele, den Eindruck, die EU, der IWF und die reichen EU-Länder würden von Tsipras  & Co. permanent an der Nase herumgeführt. Eine groteske Verdrehung der Verhältnisse.

In der FAZ redet der Ökonom Hans-Werner Sinn unwidersprochen zum x-ten mal davon, dass die Renten in Griechenland höher seien als in Deutschland. Dazu betreibt die Zeitung für “kluge Köpfe” aus Frankfurt einen Live-Ticker zur Griechen-Krise. Kaum ein Thema erscheint weniger geeignet für einen Live-Ticker als ein derart kompliziertes Wirtschafts-Thema. Zu recht erinnert die Berliner Zeitung in dem oben verlinkten Artikel an die Zurückhaltung, die deutsche Medien 2008 während der Weltfinanzkrise übten, als Kanzlerin Merkel und der damalige Finanzminister Steinbrück die Spar-Einlagen der Deutschen mal eben für sicher erklärten. Die Erklärung damals war reine Psychologie, die einen Banken-Run verhindern sollte. Das hat auch geklappt, nicht zuletzt, weil die Medien mitspielten und auf Panikmache verzichteten. Die fluffige Aussage von den sicheren Einlagen zu zerpflücken wäre ein Leichtes gewesen. Und jetzt? Im Falle von Griechenland schüren die Medien geradezu die Lust am Untergang. Munitioniert von der EU.

Aber warum? Warum lassen die meisten Medien unerwähnt, dass Griechenland vor Zinsen einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftet? Warum werden Falschaussagen wie die über die angeblich hohen Griechen-Renten immer weiter und weiter verbreitet? Warum dieser Hass der Bild-Zeitung auf Griechenland? Warum dieses Herumreiten auf Äußerlichkeiten wie den offenen Hemden von Tsipras und Varoufakis?

Was die Medien betrifft, könnte dies an einem gewissen Hang zur Obrigkeitshörigkeit liegen. Und im Falle Griechenlands ist es so, dass die Politiker-Kaste erkennbar mit der aktuellen griechischen Regierung fremdelt. Die Sturheit, mit der ein Wolfgang Schäuble rationale Argumente scheinbar nicht zur Kenntnis nimmt, macht rat- und atemlos. Ebenso das brandgefährliche Zündeln der EU mit dem Banken-Run. Die Medien wittern diese Stimmungslage und überbieten sich geradezu darin, wer den grauen Herren an der Eurokasse am eifrigsten nach dem Munde schreiben und senden darf. Medien und Politik bewegen sich einmal mehr im Gleichschritt. War es 2008 im Sinne der Politik, Zurückhaltung zu wahren, so transportieren die Medien in Sachen Griechenland nunmehr eine aggressive Grundhaltung, die in der politischen Klasse ihren Ursprung zu haben scheint.

Liegen ganz am Ursprung der Probleme möglicherweise persönliche Animositäten. Kann es sein, dass einer wie Schäuble Leute wie Varoufakis und Tsipras einfach nicht mag? Haben die Syriza-Leute vor und direkt nach der Wahl den Mund einfach zu voll genommen und damit bei den Schäubles dieser Welt eine Trotzreaktion ausgelöst? Einen Reflex, das Power-Game durch zu exerzieren, diesen hochnäsigen, Krawattenverweigerern mal zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt? Das aktuelle Griechenland-Drama als Geschichte einer ganz persönlichen Antipathie. Es wäre beängstigend, würden Politik und Medien so funktionieren. Es würde aber auch einiges erklären.

Anzeige