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Ex-Kanzler als lupenreiner Lobbyist: Schröder klagt gegen Spiegel-Titel

Verführt, aber nicht überführt: Der aktuelle Spiegel berichtet über Gerhard Schröders Kontakte zur Kasachstan-Connection, der Ex-Kanzler geht dagegen vor

Ex-Gattin Doris Schröder-Köpf hatte es bereits vor Tagen gegenüber der Welt angekündigt, nun hat Gerhard Schröder Taten folgen lassen und den Anwalt Michael Nesselhauf beauftragt, juristisch gegen den aktuellen Spiegel-Titel vorzugehen. Nesselhauf verlangt die Entfernung des Covers von Spiegel Online.

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Eine Spiegel-Sprecherin zu MEEDIA: „Wir können bestätigen, dass sich Herr Schröder über seinen Anwalt bei uns gemeldet hat mit der Aufforderung, die Veröffentlichung des aktuellen Spiegel-Titelbilds auf Spiegel Online zu unterlassen. Wir haben dieses Begehren zurückgewiesen.“ Das Cover-Motiv zeigt ein Porträt des ehemaligen Bundeskanzlers im Stil eines Polizeifotos aus einer Verbrecherkartei, dazu die Headline „Die Verführung“. Neben Schröder sind auch Ex-Innenminister Otto Schily und der frühere Bundespräsident Horst Köhler zu sehen. In der Titelgeschichte geht es um die Anwerbung ehemaliger Spitzenpolitiker als Lobbyisten für den Staat Kasachstan und dessen Diktator Nursultan Nasarbajew. Das Nachrichtenmagazin stützte sich bei der Berichterstattung auf brisante Unterlagen einer österreichischen Kanzlei, die u.a. Kontakte zu den deutschen Politikern dokumentieren. Unterzeile: „Das Kasachstan-Komplott: Wie sich deutsche Politiker von den Millionen eines Diktators und seiner Diener locken ließen.“

Es klingt nach einer Mega-Story, und so kommt der Titel auch daher. Das Problem: Nicht alles ist neu, denn die gezielten Bemühungen Kasachstan, auf der europäischen Bühne trotz eklatanter Menschenrechtsverletzungen salonfähig zu werden, sind seit Jahren bekannt; der Spiegel bediente sich bei der Aufbereitung u.a. auch im eigenen Archiv. Hinzu kommt, dass die Geschichte ziemlich kompliziert erzählt wird und man sie mehrfach lesen muss, um zu verstehen, worum es im Kern geht. Das könnte damit zusammenhängen, dass – im Fall Schröder – zwar aus Mails zitiert wurde, die nahelegen, dass der Ex-Politiker den Anwerbeversuchen aufgeschlossen gegenüber gestanden haben dürfte. Aber: Zu einem Vertragsabschluss kam es nicht, und der Spiegel kann über die Gründe letztlich nur spekulieren.

Ob also tatsächlich Geld lag (300.000 Euro pro Jahr waren Schröder möglicherweise zu wenig), wie der Spiegel mutmaßt, oder grundsätzliche Vorbehalte gegen ein Engagement (die Lesart, die Doris Schröder-Köpf verbreitet) ausschlaggebend waren, dass der Berater-Deal nicht zustande kam: Man weiß es nicht oder kann es nicht beweisen. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum die Spiegel-Titelgeschichte in den tagesaktuellen Medien erstaunlich wenig Nachhall fand. Zum handfesten Skandal hat es trotz aller Verdachtsmomente und Enthüllungen nicht gereicht.

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung Schröders zu sehen, der nun dagegen kämpft, in Verbrecher-Pose auf dem Titel gezeigt zu werden. Da das Printheft bereits ausgeliefert ist, bleibt ihm und seinem Anwalt nichts übrig, als gegen die Abbildung im Internet zu klagen. Die Spiegel-Redaktion hat bereits klargestellt, dass man nicht daran denke, das strittige Cover-Motiv von Spiegel Online zu verbannen. Ob dies am Ende doch noch passiert, wird nun vermutlich die Pressekammer des Hamburger Landgerichts im Wege eines Eilverfahrens entscheiden. Dies ist der juristische Teil. Aus publizistischer Sicht bleibt festzuhalten, dass das Titelbild mit dem Ex-Kanzler mehr verheißt als die Story einlöst – als lupenreinen Lobbyisten hat der Spiegel Gerhard Schröder nicht überführt, zumindest nicht in dieser Woche.

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