Anzeige

Die Fifa, der Fall Blatter und die Ohnmacht der Medien

Sepp Blatter herrscht über einen Verband mit vielen korrupten Führungskräften. Die Fifa scheint mehr Mafia, als ein gemeinnütziger Verein zu sein. Doch wo ist die News? Das ist alles seit Jahren bekannt. Die Kollegen von der SZ oder auch von der ARD haben das längst recherchiert und veröffentlicht. Geändert hat sich seit Jahren: nichts. Auch weil ARD/ZDF trotzdem hunderte Millionen Euro an die Fifa zahlen und Zuschauer und Journalisten doch wieder jubeln, sobald der Ball rollt.

Anzeige

In den vergangenen Tagen berichteten alle Medien ausgiebig über den Korruptions-Skandal beim Weltfußballverband Fifa, die Verhaftungen von hochrangigen Fifa-Delegierten, die Wiederwahl von Präsident Sepp Blatter, die vermeintlich krummen Vergabeverfahren der Weltmeisterschaften nach Russland und Katar oder auch die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen des Wüstenemirats.

Krasses Beispiel, wie machtlos Medien und Zuschauer sind

Salopp gesagt: Der Fußballweltverband ist ein Sauhaufen, bei dem dringend mal aufgeräumt werden müsste. Doch das ist bislang noch nicht passiert und wird – Stand Montagmorgen -auch nicht in absehbarer Zeit passieren.

Der Fall ist nicht nur eine Lektion für die Funktionsweise von Bestechung in globalen Systemen, sondern vor allem auch ein krasses Beispiel dafür,  wie machtlos Medien und Zuschauer tatsächlich sein können.

Als Beispiel für die Hilflosigkeit der Journalisten seien in den vergangenen Tagen nur zwei Szenen in zwei unterschiedlichen TV-Sendungen genannt. Alleine sie erklären vieles.


Erste Szene:

Bildschirmfoto-2015-06-01-um-12.12.22

Bei Günther Jauch diskutiert eine Runde über den Themenkomplex. Offizieller Titel der Sendung: „Der FIFA-Sumpf – Wie schmutzig ist unser Fußball?„. Als Gäste befragte der ARD-Talker Politikerin Claudia Roth, TV-Reporter Florian Bauer, der selbst schon häufig sehr kritisch über die Fifa berichtete, Fußball-Reporter Marcel Reif, Fifa-Sprecher Alexander Koch und den ehemaligen Mediendirektor des Weltfußballverbandes, Guido Tognoni.

Als zum wiederholten Male eine weitere vermeintliche Verfehlung des Weltfußballverbandes aufgezählt und von der Runde besprochen wurde, platzte Tognoni der Kragen: „Das sind doch alles keine Neuigkeiten“, sagte der Schweizer. „Das können sie alles seit Jahren in dem Buch ‚Fifa-Mafia‘ von Thomas Kistner nachlesen„.

Recht hat er. In dem Buch hat der SZ-Journalist schon unzählige Verfehlungen der weltweiten Fußball-Familie aufgelistet und hart recherchiert. Auch sein Journalisten-Kollege Jens Weinreich schreibt sich seit Jahren die Finger wund. Beide sammeln akribisch Verfehlung um Verfehlung. Sie horten Dokumente und Argumente. Doch gebracht hat es nichts. Am vergangenen Freitag wurde Sepp Blatter wieder in seinem Amt bestätigt.

Bildschirmfoto 2015-06-01 um 11.26.18

Zweite Szene:

Am Freitag beschäftigte sich auch die „heute Show“ mit dem Thema. Wie sollten sich die Mainzer Nachrichten-Satiriker auch einen solchen Lächerlichkeits-Leckerbissen entgehen lassen. Doch anstatt den Zuschauern ein bissiges Gag-Menü zu servieren, blieb vor allem ein schaler Nachgeschmack.

Denn es zeigte sich: Oliver Welke kann einfach nicht so richtig über Blatter, den Weltverband und die WM-Vergabe herziehen, da er selbst Teil der Maschinerie ist. Zusammen mit Oliver Kahn kommentiert er die Auftritte der Fußball-Nationalmannschaft. Bei der vergangenen WM in Brasilien war er das Fußball-Gesicht des ZDF.

Und dieser Spagat geht weiter. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden auch die kommenden Weltmeisterschaften zeigen. „Mit dem Rechteerwerb ist sichergestellt, dass alle wichtigen Spiele der FIFA WM live im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden“, heißt es in der entsprechenden Pressemitteilung. Auch wenn über die Konditionen Stillschweigen vereinbart wurde, sind sicherlich mehrere hundert Millionen Euro geflossen.

Wie ein Feigenblatt liest sich in der entsprechenden Medienmitteilung das Zitat von Ulrich Wilhelm, der seitens der ARD für Sportrechte federführende Intendant des BR: „Wie gewohnt werden ARD und ZDF sowohl von den WM-Spielen als auch über die politische, kulturelle und gesellschaftliche Situation intensiv berichten.“

Diesen Auftrag erfüllen seine Journalisten, wie Florian Bauer, tatsächlich auch mit Bravour. Doch was bringt es? Nicht viel bis nichts.

Vor rund einem Jahr knöpfte sich der NBO-Late-Night-Talker John Oliver die Fifa vor. In einer bitterbösen Satire rollte er den Themenkomplex einmal aus der Perspektive eines verwunderten US-Amerikaners auf. Er kam zu dem Schluss, dass hinter dem Verhältnis der meisten Medien, den Zuschauern und der Fifa das Wurstprinzip steckt: Allen schmeckt die Wurst und keiner will wissen, was drin ist.

Auch hierzulande gilt das Wurstprinzip

Damit liegt Oliver völlig richtig. Denn am Ende des Tages lieben alle den Fußball und die deutsche Nationalmannschaft. Bei „Günter Jauch“ konnte sich noch nicht einmal Claudia Roth zu einem klaren Bekenntnis durchringen, dass sie die WM in Katar via TV-Fernbedienung boykottiert.

Wenn das FBI nicht noch weitere spektakuläre Verhaftungen vornimmt und neue Ermittlungsergebnisse präsentiert, könnte nur eine konsequente, gemeinsame Haltung der TV-Stationen, der Sponsoren und der Zuschauer etwas ändern. Da können die Journalisten so lange und so viel recherchieren, wie sie wollen. Doch was soll sich ändern? Es scheint die einfache Regel zu gelten: Sobald der Ball rollt, ist alles vergessen.

Anzeige