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Lügenfernsehen „Newtopia“: der systematische Betrug am Zuschauer

Dass auf spektakulär peinliche Weise aufgeflogen ist, dass die angebliche Sat.1 Reality-Show „Newtopia“ gescripted ist, ist für Sender und die Produktionsfirma Talpa TV der Super GAU. Der Fall legt die Verachtung für Zuschauer, die in Teilen der Branche herrscht, auf schmerzliche Weise bloß.

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Wenn der Partner fremdgeht ist das Schlimmste ja wohl diese plötzliche Erkenntnis, dass womöglich das ganze bisherige gemeinsame Leben gelogen war. Plötzlich stellt man jede Berührung, jedes Geschenk, jedes Wort der vergangen Jahre in Frage. Alte Versprechen taugen nichts mehr. Was kann man noch glauben, wenn man so lange belogen und getäuscht wurde?

Jetzt ist aufgeflogen, dass das Fernsehen uns Zuschauer betrogen hat. Vorsätzlich. Dreist. Über einen langen Zeitraum hinweg. Natürlich ist da sofort der Verdacht, dass wir in der Vergangenheit vielleicht schon des öfteren hinters Licht geführt wurden, ohne dass wir es gemerkt haben. Wer will diesem Privat-Fernsehen jetzt noch glauben?

Es gibt natürlich wie immer Schlaumeier und scheinbar Abgebrühte, die meinen, das sei „ganz normal“, es sei „klar gewesen“, dass im TV ohnehin alles Fake ist. Nein, war es eben nicht. Die Verantwortlichen von Sat.1 haben sich im Fall von „Newtopia“ vor Medien und die Zuschauer gestellt und Realität und Authentizität bei diesem TV-Format zum Prinzip erklärt. Sat.1-Unterhaltungschef Taco Ketelaar sagte DWDL zu „Newtopia„: „15 Menschen schaffen ihre eigene Gesellschaft. Niemand gibt ihnen Regeln vor.“ Auf der Website zur Sendung steht unter den Frequently Asked Questions sogar die Frage, ob „Newtopia“ echt oder gescripted ist. Die Antwort:

Newtopia ist ein klassisches Realityformat ohne Drehbuch. Es gibt keinerlei Einfluss von Seiten der Programmmacher. Außerdem handelt es sich bei den Pionieren keineswegs um Schauspieler, sondern um „reale“ Menschen, die für Newtopia ihr altes Leben zurücklassen und einen Neuanfang wagen.

Das nennt man Fallhöhe erzeugen. Wie kann man sich nur hinstellen und so etwas sagen, wenn man doch wissen muss, dass in Wahrheit alles Lüge ist? Die Zuschauer werden hier belogen und für dumm verkauft. Man muss es so hart sagen. Die erste Stellungnahme von Sat.1 auf der Newtopia-Facebook-Seite war schwach und macht das Dilemma deutlich, in dem die Verantwortlichen offenbar stecken. Was will man auch noch sagen, wo doch alles für Jedermann klar zu sehen ist? Wenn einer mit runtergelassenen Hosen erwischt wird, sind Rechtfertigungen nur noch peinlich.

Der Sender entschuldigt sich dafür, dass die Sache öffentlich wurde, nicht für den Betrug am Zuschauer. Das Ganze sei, so die Wortwahl, „eine doofe Aktion“. Die Live-Kamera mitlaufen zu lassen, während eine offenbar angetrunkene Produktionsmitarbeiterin die Seifenblase vom Reality-TV platzen lässt, das war vermutlich wirklich doof. Für diese Doofheit muss man aber sogar dankbar sein, sonst würden einem Sender und Produktionsfirma heute noch vorlügen, bei „Newtopia“ gehe es ganz und gar „echt“ zu.

SAT.1 sagt Entschuldigung! Heute in der Nacht war eine Mitarbeiterin der „Newtopia“-Produktionsfirma Talpa Germany…

Posted by Newtopia on Montag, 13. April 2015

Der Shitstorm, den sich „Newtopia“ nun einfängt, ist ausnahmsweise mal gerechtfertigt. Die meisten Wortmeldungen bei Facebook sind zudem nicht beleidigend, sondern enttäuscht bis fassungslos. Die Forderung, die Sendung abzusetzen, ist allgegenwärtig.

Sat.1 hat allerdings angekündigt, an dem Format festhalten zu wollen. Man glaube weiterhin an die Sendung und die „Pioniere“, wie die Kandidaten genannt werden. Was für eine Farce! Der wahre Grund dürfte sein, dass man eine derart teure und aufwändige Reihe, die über ein ganzes Jahr laufen soll, nicht so schnell entsorgen will oder kann.

Mittlerweile hat sich auch die Produktionsfirma Talpa geäußert:

Stellungnahme Talpa Germany:Die 15 Pioniere in Newtopia sind vollständig selbst dafür verantwortlich, wie sie ihr Leben…

Posted by Newtopia on Montag, 13. April 2015

Das Motto bei der Krisenkommunikation lautet nun offenbar: Augen zu und durch! Hier geht es nicht um ein Quoten-Debakel, es geht um keine peinliche Show, schlecht vorbereitete Moderatoren, ein gescheitertes TV-Experiment oder miese Drehbücher. Es geht auch nicht um eine technische Panne. Hier geht es darum, dass ein Sender und eine Produktionsfirma systematisch die Zuschauer belogen und betrogen haben. Und sie wurden in flagranti dabei erwischt.

Das Schlimme ist nicht die Panne mit der laufenden Live-Kamera. Das Schlimme ist die Verkommenheit des Systems, die dadurch ans Licht gekommen ist.

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