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Einzelhändler boykottieren „Bild“: Meinungsfreiheit oder Bevormundung?

Der Umgang vieler Medien mit der Germanwings-Tragödie hat auch Bild-Gegner wieder auf den Plan gerufen. Eine kleine Gruppe Einzelhändler boykottiert den Verkauf des Springer-Blattes. Kritiker werfen ihnen vor, ihre Kunden zu bevormunden. Der Springer-Konzern selbst zeigt sich gelassen.

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Die Bild-Zeitung polarisiert gerne. Ihre Arbeit erfüllt in den Augen vieler nicht den journalistischen Standard, den ein Presseerzeugnis, das rund elf Millionen Menschen täglich lesen, haben sollte. Bild-Boykotts gab es daher bereits zuhauf, initiiert von verärgerten Bürgern, wenn das Blatt aus dem Hause Springer mal wieder in allen Briefkästen der Bundesrepublik landen sollte oder auch von der Titanic-Redaktion, die ihre eigene Publikation gegen denn Bild-„Müll“ tauschte.

Seit dem Absturz der Germanwings-Maschine 4U9529 am 24. März, ist die Anti-Bild-Bewegung wieder in ihrem Element, so könnte man zumindest meinen. Die Tragödie stellte die gesamte Medienwelt vor eine schwierige Aufgabe und viele sahen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht ethisch korrekt mit dem Ereignis umgegangen zu sein. Vor allem die Bild-Zeitung rief Empörer auf den Plan, mit einem unverpixelten Bild des Co-Piloten, der den Absturz der Maschine absichtlich herbeigeführt haben soll, und dessen vollständigen Namen – zu einer Zeit, in der nicht mehr im Raum stand als ein Haufen von Vermutungen. Ein Beitrag der „Bild“-Kolumne „Post von Wagner“ verärgerte einige sogar derart, dass sie eine Online-Petition gegen den Kolumnisten starteten.

Einzelhändler boykottieren „Bild“

Auf Twitter und Facebook riefen alsbald unzählige Nutzer zum Boykott der Zeitung auf, unter ihnen auch Einzelhändler, die das Blatt aus ihrem Sortiment nahmen. Ein Bildblog-Beitrag darüber ermunterte den Journalisten Sebastian Peitsch gar dazu, die Bild-Verweigerer auf einer Deutschlandkarte zu sammeln.

Sehr geehrte Kundschaft,auch wir werden unprofessionellem Journalismus keine Plattform mehr geben und haben beschlossen…

Posted by Edeka Heymer on Monday, 30 March 2015

Liebe Kunden! Nach (sehr) kurzer Rücksprache mit meinen beiden Auszubildenden und ein wenig Rechnen haben wir von der…

Posted by Post Rutesheim on Sunday, 29 March 2015

Liebe Kunden, bei uns gibt es heute KEINE BildZeitung mehr! Wir unterstützen diese Hetzkampagne nicht!Wir hoffen auf Ihr Verständnis!

Posted by aral bendorf on Friday, 27 March 2015

Die kritische Masse fehlt der vermeintlichen Protest-Bewegung aber noch: Gerade mal ein gutes Dutzend Verkaufsstellen haben sich laut Bildblog bisher dazu bekannt, die Zeitung aus ihrem Sortiment genommen zu haben. Nutzer würdigen die Bekundungen der Einzelhändler auf Facebook und Twitter zumindest jedoch mit unzähligen“Gefällt mir“-Angaben und lobenden Kommentaren.

Es gibt aber auch kritische Stimmen unter ihnen, sie werfen den Verkäufern vor, mit ihrem Vorgehen selbst Populismus betreiben zu wollen und die Pressefreiheit eigenmächtig einzuschränken. So schrieb ein Nutzer: „Pressefreiheit ist ein wichtiges Gut und steht im Grundgesetz. Wer dagegen wettert ist auch gegen Meinungsfreiheit und Demokratie. Erst denken dann schreiben!“

Richtige Entscheidung oder Bevormundung?

Auch Björn Harste, Betreiber eines Spar-Supermarkts in Bremen, hinterfragt seine eigene Entscheidung auf seinem Blog Shopblogger: „Ist es meine Aufgabe, diese Leute zu bevormunden? Ist es nicht eher die Aufgabe des Kunden, bestimmte Produkte zu boykottieren, so dass ich erst gar keinen Grund mehr hätte, diese im Rahmen meines Geschäfts anzubieten? Wie weit kann und möchte ich überhaupt moralisch vertreten, „unethische“ (ob mit oder ohne Anführungsstriche) Produkte anzubieten?“, schreibt Harste. Denn, fange man einmal an, das Sortiment nach subjektiven Moralvorstellungen zusammenzustellen, wo zieht man dann die Grenze?
„Ist es richtig, die BILD aus dem Sortiment zu nehmen? Diese Frage stelle ich mir schon seit gestern Abend immer wieder. Mein Bauch sagt zwar ja, mein Kopf sagt aber eigentlich nein.“

Trotz aller Überlegungen will der Supermarkt-Betreiber das Springer-Blatt vorerst nicht verkaufen. Wirklich lange wird er damit aber nicht durchkommen, zumindest wenn es nach Kai-Christian Albrecht geht, Hauptgeschäftsführer Bundesverband Presse-Grosso, indem alle deutschen Pressegroßhändler vertreten sind: „Alle Presseerzeugnisse müssen freien Marktzugang erhalten“, sagt Albrecht. „Relevant ist dabei nicht die Meinung des Groß- oder Einzelhändlers sondern die Entscheidung des Käufers.“

Presse-Grosso und Axel Springer bleiben gelassen

Presse-Einzelhändler sind grundsätzlich dazu verpflichtet, jedes Presseprodukt im Rahmen ihrer Präsentationsmöglichkeiten, also Regalflächen, anzubieten, solange sie nicht gegen strafrechtliche Bestimmungen verstoßen. Da naturgemäß nicht alle verfügbaren Publikationen Platz finden, wird das Sortiment nach einem standortspezifischen Schlüssel vom Pressegroßhändler festgelegt. „Man kann aber davon ausgehen, dass die Bild-Zeitung so gut wie immer dazugehört“, so Albrecht.

Die aktuelle Boykott-Bewegung bewertet der Presse-Grosso-Chef aber eher als vorübergehendes Phänomen. „Wir stellen hier keinen Trend vor. Es gibt immer mal wieder Ereignisse, die solche Reaktionen hervorrufen und durch die sozialen Medien finden Interessengruppen schneller zusammen.“

Tatsächlich, so Albrecht, einigen sich Pressegroßhändler mit den jeweiligen Verkaufsstellen meistens recht schnell wieder. „Das bedeutet aber nicht, einen Kompromiss zu suchen, sondern Einzelhändler an seine Pflicht des Verkaufs zu erinnern.“ Ultima Ratio wäre die komplette Einstellung der Presselieferungen – der Einzelhändler könnte dann keine Presseerzeugnisse mehr verkaufen.

Im Hause Axel Springer zeigt man sich daher auch recht gelassen. Wie eine Sprecherin mitteilte, suchen die Vertriebsmitarbeiter das Gespräch mit den betreffenden Händlern. „Es handelt sich hier um wenige Einzelfälle, von denen wir die meisten auch schon direkt zurück gewinnen konnten.“

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