Anzeige

Germanwings und die „Tagesschau“: Wie unabhängig können Luftfahrt-Experten sein? 

Bei Katastrophen wie dem Absturz der Germanwings-Maschine 9525 vergangene Woche gibt es seitens der Medien einen großen Bedarf an Experten, die dem Publikum Zusammenhänge erklären und Fakten darlegen. Gerade bei einer überschaubaren Branche wie der Luftfahrt-Industrie gibt es aber mannigfaltige Verbindungen zwischen Experten, Industrie, Verbänden und auch Journalisten, die oft nicht transparent gemacht werden. Zwei aktuelle Beispiele …

Anzeige

von Marvin Oppong

Die ARD hat in der Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine vermeintlich unabhängige Experten aufgeboten, die Verbindungen zur Luftfahrt-Industrie haben. Vergangenen Mittwoch lief in der 20 Uhr-Tagesschau ein Beitrag über „Trauer und Betroffenheit bei Mitarbeitern von Germanwings“. Darin hieß es im Off-Kommentar: „Auch Experten halten Gerüchte, die Crews seien aus Sicherheitsbedenken nicht zum Dienst erschienen für Spekulation.“ Daraufhin wurde stellvertretend für die nicht näher benannten „Experten“ Gerhard Fahnenbruck eingeblendet und als „Luftfahrtexperte“ eingeführt. „Die Argumentation, die ich jetzt in den Medien häufiger gehört hab – es geht um ein Sicherheitsproblem bei der Germwanwings – ist eine Idee, aber nur eine Idee und hat mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun. Es geht tatsächlich um rein menschliche Reaktionen und, dass man dann eben am nächsten Tag vielleicht nicht ganz fit ist“, sagte dieser.

Was die ARD-Zuschauer nicht erfahren: Fahnenbruck hat Verbindungen zur Germanwings-Mutter Lufthansa. Im Karrierenetzwerk Xing gibt Fahnenbruck an, „bis heute“ als „Consultant“, also Berater, für die Lufthansa tätig zu sein. Darüber hinaus gibt Fahnenbruck dort an, als „Aviation Psychologist“ für die Lufthansa und als Pilot für Lufthansa CityLine tätig gewesen zu sein. Weder Fahnenbruck noch die Lufthansa wollten sich auf Anfrage dazu äußern. Fahnenbruck ist auch für die Firma Criseadvice tätig, die sich unter anderem auf „Krisenkommunikation“, „Krisenconsulting“ und „Krisenmanagement“ spezialisiert hat, den Angaben in seinem „Xing“-Profil zufolge als „Human Factor Specialist“. Der Geschäftsführer von Criseadvice, Peter Höbel, war nach eigenen Angaben „langjähriger Pressesprecher und Nachrichtenchef der Deutschen Lufthansa AG“. Die Lufthansa bestätigte dies auf Anfrage, ein Sprecher erklärte: „Auch die Krisenkommunikation zählte seinerzeit zu seinen Aufgaben.“

Für die Krisenkommunikationsfirma Criseadvice ist auch der frühere Leiter der WDR-Pressestelle, Peter H. Goebel, tätig. Produziert wurde der besagte Beitrag von der WDR-Autorin Kirsten Rulf, die sich zu der Auswahl Fahnenbrucks als Experte auf Anfrage nicht äußern wollte. Beim WDR heißt es nur, Fahnenbruck verfüge „über eine ausgewiesene Expertise zum Thema Luftfahrt“, so Sprecherin Annette Metzinger.

In den Tagesthemen vom vergangenen Dienstag führte Moderatorin Caren Miosga ein Studiogespräch mit Cord Schellenberg, der ebenfalls als „Luftfahrt-Experte“ vorgestellt wurde. In dem Gespräch kam Miosga auf einen Vorfall im November zu sprechen, bei dem der Bordcomputer eines Airbus auf dem Flug von Bilbao nach München von vereisten Sensoren mit falschen Daten versorgt wurde und die Maschine deshalb in steilen Sinkflug ging. Schellenbergs Urteil fiel für die Airline überaus freundlich aus: „Das war im November und das ist jetzt also schon fast fünf Monate her. Die Lufthansa hat reagiert. Sie hat sowohl dort eine Analyse gestartet als auch die Computer ausgetauscht und da man eine große Flotte von Airbussen betreibt, wird man das auch an allen Airbussen überprüft haben beziehungsweise ausgetauscht haben. Germanwings gehört zu dieser Technik-Betreuung von Lufthansa.“ Der Tag des Unglücks sei schrecklich, aber die Luftfahrt sei generell „sicher“, so Schellenbergs Fazit.

Schellenberg war Live-Kommentator bei der Taufe des Flugzeuges „Hamburg Shopper“ von Germanwings. Er ist Gründer und Inhaber der Schellenberg & Kirchberg Public Relations GmbH & Co. KG. Auf der Unterseite „Kunden“ ihrer Webseite bietet die PR-Firma „maßgeschneiderte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ an. „Jeder Kunde ist Experte auf seinem Gebiet und nutzt unsere PR-Kompetenz zur externen und internen Kommunikation seiner Leistungen.“ Eines der dort aufgeführten Unternehmen aus dem Kundenportfolio der PR-Firma: Lufthansa Technik. Wie Bernd Habbel, Leiter der Unternehmenskommunikation von Lufthansa Technik, auf Nachfrage mitteilte, übernahm Schellenberg zuletzt 2010 für Lufthansa Technik „die Moderation einer internen Großveranstaltung“.

Vor Jahren moderierte Schellenberg die Präsentation des neuen Super-Airbus A380 in Toulouse. Das NDR-Fernsehen sendete dazu eine 90-minütige Sondersendung, innerhalb derer teilweise live zu Airbus nach Toulouse geschaltet wurde, sowie eine 30-minütige Zusammenfassung der Sendung am Abend. „Cord Schellenberg war jeweils einer von mehreren Studiogästen“, so Iris Bents vom NDR. Für seinen Besuch in der Sendung hat Schellenberg laut NDR-Sprecher Martin Gartzke eine Aufwandsentschädigung „im unteren bis mittleren dreistelligen Eurobereich“ erhalten.

Auf Anfrage teilte Schellenberg mit, er moderiere seit rund 20 Jahren „Luftfahrt-Veranstaltungen, dabei handelt es sich zumeist um Bühneninterviews und Podiumsdiskussionen. Veranstalter sind beispielsweise Airbus Operations, der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften, der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Hamburg Airport, Lufthansa Technik“.

Im Vorstand des Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften ist der Chef der Lufthansa-Passagiersparte vertreten, Germanwings und Lufthansa sind Mitglieder des Lobbyverbandes. Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft ist der frühere Fernsehjournalist Klaus-Peter Siegloch. Siegloch war lange Zeit in führender Position für das ZDF tätig (u.a. als Moderator des „heute journals“), zu Beginn seiner Karriere arbeitete er für den NDR, war dann „Tagesschau“-Redakteur und Moderator der „Tagesthemen“. Im Präsidium der Lobbyvereinigung hat Lufthansa-Chef Carsten Spohr Platz genommen. Für ARD-aktuell war Schellenberg aber offensichtlich dennoch unabhängig genug. Die Verquickungen zwischen Luftfahrtbranche, vermeintlich unabhängigen Experten und Journalisten sind weitläufiger, als es sich mancher Zuschauer vielleicht denkt.

Auch in der 20-Uhr-Tagesschau von Donnerstag wurde der Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg als „Luftfahrtexperte“ zitiert. Schellenberg kam zu dem Schluss, dass eine Regelung, wonach bei einem Passagierflugzeug während des Fluges stets zwei Crewmitglieder im Cockpit anwesend sein müssen, nicht notwendig sei, obwohl laut „Tagesschau“ die Airlines Air Berlin und Easyjet nun eine solche Pflicht eingeführt haben und dies in den USA vorgeschrieben ist. Es handele sich, so Schellenberg in der Tagesschau, um einen „optischen Sicherheitsgewinn“. Ein Flugbegleiter könne den Piloten nicht beaufsichtigen.

Schellenberg erklärt auf Anfrage, er sei „überzeugt davon, dass kein Sicherheitsgewinn dadurch erreicht wird, dass ein Mitglied der Kabinenbesatzung ins Cockpit geht, wenn ein Flugzeugführer das Cockpit während des Fluges kurzzeitig verlässt. Die US-Regelung überzeugt mich nicht. An meiner Meinung ändern auch aktuelle, meiner Meinung entgegenstehende Entscheidungen mehrerer europäischer Fluggesellschaften nichts. Zumal mir diese zum Zeitpunkt der Fernsehaufnahme gar nicht bekannt waren“.

Bei der ARD erklärt man den Einsatz Schellenbergs als Experte folgendermaßen: „ARD-aktuell ist insbesondere in Breaking-News-Situationen auch auf externe Experten der verschiedenen Fachrichtungen angewiesen. Wichtig ist der Redaktion, ein breites Spektrum an Informationen zu erhalten.“ Schellenberg habe sich „in der Vergangenheit immer wieder kritisch mit der Luftfahrtbranche auseinandergesetzt“, so NDR-Sprecher Gartzke.

Zwar ist die Luftfahrtbranche verhältnismäßig klein und es liegt auf der Hand, dass Experten auch für Fluggesellschaften und Flugzeughersteller tätig sind. Das Aufzeigen und Transparentmachen von möglichen Interessenkonflikten sollte jedoch auch die Aufgabe von Journalisten sein.

Update:

Wir haben den Text am 16. April 2015 um die Information ergänzt, dass der Geschäftsführer der Firma Criseadvice, für die der Experte Gerhard Fahnenbruck tätig ist, lange Jahre Pressesprecher der Lufthansa und dort auch für Krisenkommunikation zuständig war.

Anzeige