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Bericht über Germanwings-Attentäter: Spiegel Online gegen den Rest der Medienwelt

Um den redaktionellen Umgang mit Fotos und Namen des Co-Piloten, hier ein Screenshot von Focus Online, ist eine Debatte entbrannt

Für die Chefredaktion von Spiegel Online ist es eine Frage der Ethik: Als die französischen Ermittler am Donnerstag den Co-Piloten der abgestürzten Germanwings-Maschine als Attentäter identifizierten, verzichtete man im Spiegel-Newsroom auf Fotos und volle Namensnennung des Täters. Derlei Bedenken haben Qualitätsmedien in aller Welt offenbar nicht – sie verbreiten offen sämtliche verfügbaren Informationen.

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Auch am Freitagmorgen ist auf der Spiegel-Homepage noch kein Foto; das von Chefreporter Jörg Diehl verfasste Portrait des Attentäters ist mit einem Detailfoto aus dem Cockpit bebildert. Unter einem weiteren Artikel schreibt die Redaktion: „Hinweis an unsere Leser: Die Redaktion von SPIEGEL ONLINE hat sich entschieden, den Namen des Co-Piloten derzeit nicht vollständig zu nennen und ihn auch nicht im Bild zu zeigen.“ Warum „derzeit“ und welcher Art die Beweggründe sind, erklären die SpOn-Macher nicht. Spiegel Online steht damit als renommiertestes Portal stellvertretend für eine offenbar typisch deutsche Haltung.

MEEDIA hat die Websites von Qualitätszeitungen in Europa sowie den USA angesehen und festgestellt, dass die Bedenken sowie die Sichtweise der deutschen Kollegen weder bei der New York Times noch beim britischen Guardian oder französischen, spanischen oder italienischen Leitmedien geteilt werden. Hier ein Auszug der Berichte über den Co-Piloten, der für das wohl größte zivile Massaker in Europa nach Ende des Zweiten Weltkriegs verantwortlich ist:

Nytimes.com

Theguardian.com

Liberation.fr

Internacional.elpais.com

Repubblica.it

Corriere.it

Washingtonpost.com

Thetimes.co.uk

Wsj.com

Aftonbladet.se

Elperiodico.com

Telegraaf.nl

Latimes.com

Die Frage ist: Haben all diese Medien Unrecht, machen sie sich eines Verstoßes gegen elementare journalistische Grundsätze schuldig? Liegen die alle falsch? Oder stehen sich manche Chefredakteure in der deutschen Medienlandschaft mit ihren Bedenken selbst im Weg und enthalten ihren Lesern Informationen vor, die bei einem solchen Vorfall Teil der Geschichte sind?

Warum die Debatte bei manchen deutschen Medien (und auch im Social Web) in diesen Tagen so hitzig geführt wird, ist nicht leicht nachzuvollziehen. Als etwa ein 19-Jähriger 2002 in einem Erfurter Gymnasium einen in Deutschland beispiellosen Amoklauf verübte und dabei 16 Menschen sowie sich selbst erschoss, berichteten alle Medien mit Bildern und Namensnennung über den Heranwachsenden Robert Steinhäuser, dessen Tat noch heute einen Wikipedia-Eintrag hat. Nach den jetzt propagierten Maßstäben hätte es diese Berichte nicht geben dürfen, von einem toten Uwe Barschel in der Badewanne ganz zu schweigen.

Einen ungewöhnlichen Weg, sich in der Frage der Legitimität einer Fotoveröffentlichung Klarheit zu Verschaffen, wählte Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Er fragte kurzerhand per Twitter bei US-Journalismus-Professor Jeff Jarvis nach – und erhielt auf gleichem Wege „grünes Licht“.

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