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Acht Gründe, warum der Bildungs-Tweet von Naina zum Medien-Hit wurde

Ein Tweet und seine Folgen

Ein eigentlich banaler Tweet einer 17-jährigen Schülerin aus Köln macht Medien-Karriere. Zahlreiche Medien – von der Bild über Handelsblatt bis zu Focus und N24 – haben den Tweet, in der die Schülerin Naina Kritik am Bildungssystem übt, aufgegriffen. Fast 14.000 mal wurde der Tweet alleine auf Twitter weitergeleitet, fast 25.000 mal favorisiert. Was ist dran an diesem Tweet, dass er Menschen und Medien so elektrisiert? MEEDIA geht auf Spurensuche.

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Hier der Tweet, der laut zahlreichen Medien für eine „Bildungs-Debatte“ gesorgt hat:

Subtext: Das deutsche Bildungssystem taugt nix, lehrt nur Weltfremdes Zeug (Gedichtsanalysen) und bereitet nicht auf das wahre Leben (Steuererklärung) vor.

Warum spricht dieser Tweet so viele Menschen offenbar an? Ein Erklärungsversuch in acht Schritten:

1. Schule ist ein Reizthema für ALLE

Schule geht mehr oder weniger Alle an. Das sind einmal Eltern mit schulpflichtigen Kinder. Die anderen müssen/dürfen selbst noch die Schulbank drücken. Und selbst wer keine Kinder hat und dem Schul-Alter entwachsen ist, hat meist eine Meinung zu Schule. Den: Jeder war zumindest mal Schüler. Es ist ein bisschen wie mit Fußball: Jeder denkt für sich, genau zu wissen, was im Schulsystem gerade mal wieder schiefläuft. Damit ist Schule – ähnlich wie eben Fußball oder die Bahn – ein prädestiniertes Mitrede-Thema.

2. Der Tweet verkürzt und spitzt extrem zu

Der Tweet von Naina bedient sich typischer Boulevard-Methoden. Es wird ein maximaler Gegensatz aufgebaut zwischen öden Alltagsverpflichtungen (Steuern, Miete, Versicherungen) und scheinbar praxisfernen Gedichtsanalysen. Durch diese pointierte Verkürzung und Gegenüberstellung haben viele einen Aha-Effekt: „Stimmt eigentlich!“ Dann ist schnell der Retweet- oder Like-Button gedrückt, ohne weiter nachzudenken.

3. Der Social-Herdentrieb der Medien

Medien sind heiß auf Social-Web-Aufreger. Ein Tweet, der zig tausende Retweets hat, verspricht ein sicherer Klick-Hit für Online-Redaktionen zu werden. Sobald erste Redaktionen berichten und ihrerseits tweeten und auf Facebook teilen, werden andere Redaktionen aufmerksam und greifen das Thema ebenfalls auf. Dann war es nur eine Frage der Zeit, bis TV-Teams bei der Schülerin vorstellig wurden und die junge Frau zum „Twitter-Star“ hochgeschrieben wurde.

4. Ganz platt: Sie sieht gut aus

Dass die twitternde Schülerin Naina attraktiv ist, spielt natürlich für Medien auch eine Rolle. Die schöne Schülerin, die vermeintlich pfiffig das Bildungssystem in einem einzigen Tweet als Unfug demaskiert – das ist einfach eine nette Story. Nicht nur die Botschaft ist hier von Bedeutung, sondern auch die Absenderin.

5. Der Tweet bedient ein Klischeebild der Generation-Y

Der Tweet passt zum herrschenden Klischeebild der so genannten Generation Y:  Junge Leute, die intelligent sind, Social Media virtuos nutzen und für die das Smartphone zu einer Art Erweiterung ihres Körpers geworden ist. Hier entsteht der maximale Gegensatz zu vermeintlich verknöchernden Bildungs-Politikern oder Eltern, die glauben, mit einem Facebook-Account seien sie am Puls der Zeit.

6. Im Kern wird ein real existierendes Problem angesprochen

Aber natürlich hätte der Tweet nicht für ein derartig großes Echo gesorgt, wenn er nicht im Kern etwas Relevantes transportieren würde. Tatsächlich hat das deutsche Bildungssystem Defizite. Das liegt vor allem auch daran, dass Bildung in die Hoheit der Bundesländer fällt und Deutschland darum extrem unterschiedliche Schulsysteme hat. Ein zugespitzter Tweet zu einem irrelevanten Thema hätte nicht ein solches Echo hervorrufen können.

7. Die Story lässt sich leicht „weiterdrehen“

Der Tweet lädt Medien geradezu ein, Nachfolge-Stories zu zimmern. Die Schülerin wird besucht, es werden Umfragen auf Schulhöfen und unter Lehrern gemacht, Eltern und Politiker werden befragt etc. Das alles ist mit relativ wenig Aufwand verbunden und findet garantiert ein großes Publikum (siehe oben).

8. Der Tweet fordert Reaktionen heraus

Ob Widerspruch oder Zustimmung – man will eigentlich sofort was zu dem Tweet sagen. Dabei ist es ebenso leicht, dem Tweet zuzustimmen (siehe oben), wie ihn argumentativ auszuhebeln. Denn natürlich sollte sich Schulbildung nicht auf das Abarbeiten von lästigen Alltagsdingen beschränken. Schule sollte das Denken lehren – und kaum jemand wird behaupten wollen, dass dafür das Ausfüllen einer Steuererklärung hilfreich ist.

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