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Charlie Hebdo und die Medienmoral: Darf man ein Exekutionsvideo zeigen?

Während die Nachricht vom Blutbad in der Redaktion von Charlie Hebdo um die Welt ging, waren auf Youtube bereits Augenzeugen-Videos zu sehen und wurden millionenfach geklickt und geteilt. Besonders umstritten ist eine Sequenz, in der ein Attentäter einen verletzt auf dem Boden liegenden Polizisten regelrecht exekutiert.

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Ein niederländisches Nachrichten-Portal hatte das Amateur-Video ungeschnitten veröffentlicht. Anschließend griffen auch deutsche Medien das Material auf und verlinkten die kaltblütige Hinrichtung, die ein Zeuge offenbar von einem Hochhaus aus und unbemerkt von den Attentätern aufgenommen hatte. Unter den Verbreitern war auch Jörg Diehl, Chefreporter bei Spiegel Online. Er hatte den Link als Tweet über seinen offiziellen Twitter-Account @SponDiehl gepostet und wütende Proteste von Lesern auf sich gezogen. Die taz berichtet darüber und zitiert neben Kritikern („Sie sind eine Schande für den Berufsstand“) auch Medienanwalt Tim Hoesmann, der solche Darstellung auch strafrechtlich relevant findet: „Gewaltdarstellungen wie die Tötung des Polizisten in dem Charlie Hebdo-Video im Internet sind verboten.“

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Internationale Zeitungstitel von heute: Der Moment des Todesschusses auf Seite eins

Wenn dem so ist, hätten sich – zumindest mittelbar – eine ganze Reihe von Medien strafbar gemacht. Darunter: die International New York Times, El Pais oder die britische The Times, die am Donnerstag das aus dem Video geprintete Foto vom tödlichen Schuss groß auf der Titelseite drucken. Auch die Bild-Zeitung illustriert ihre Aufmacherzeile „Feige Mörder!“ mit diesem Bild. Wie die taz berichtet, hat auch der Brandenburger Landesverband des Deutschen Journalisten-Verbandes und dessen Vorsitzender Klaus Minhardt den Link zum Video weiterempfohlen, zum Ärger von Bundesverbandssprecher Hendrik Zörner. Auch französische Fernsehsender wie France24 sendeten das Video ungekürzt.

Für Medienmacher gilt es in Nachrichtenlagen wie beim Charlie Hebdo-Anschlag zu sichten und zu entscheiden, was zu zeigen ist und was die Redaktion zurückhält, um Opfer zu schützen oder fanatischen Tätern durch die mediale Präsenz der Szenen nicht (zusätzliche) Genugtuung zu verschaffen. Im Verhaltenskodex des Deutschen Presserats heißt es: „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.“ Aber ist es wirklich „unangemessen sensationell“, die Momentaufnahme des Pariser Attentats zu publizieren? Oder handelt es sich doch eher um ein Dokument der Zeitgeschichte, das die Brutalität des Terrors auf den Punkt bringt? Die Frage ist erlaubt und die Diskussion darüber für Medienmacher wichtig.

In den den späten 70er Jahren hing in etlichen Studentenbuden ein Poster, das den Moment des Todes eines Soldaten im spanischen Bürgerkrieg zeigt, der wie ein Gekreuzigter Arme und Gewehr zur Seite gestreckt hat, während der stahlbehelmte Kopf nach hinten kippt, aufgenommen vom preisgekrönten Kriegsfotograf Robert Capa. „Why?“ lautete die Zeile darüber, und für viele Kriegsgegner war dieses Bild Symbol der Sinnlosigkeit von Kriegen. Später war der Vietnamkrieg im Fernsehen und Zeitungen in seiner ganzen Brutalität gegenwärtig. Wohl jeder, der die Fotos von einem vor dem Napalm-Inferno der US-Bomber fliehenden nackten Mädchens oder die Erschießung eines jungen Vietnamesen durch den Polizeichef in Saigon gesehen hat, wird diese Bilder nie vergessen. Genauso wenig das Bild des toten Uwe Barschel, das der stern auf dem Cover zeigte.

War das alles falsch? Hat nicht gerade die eindringliche und geradezu unerbittliche Berichterstattung der Medien dazu beigetragen, den fatalen Krieg in Südostasien zu beenden, weil die amerikanische Regierung ihrer Bevölkerung den hohen Preis für den Einsatz nicht mehr vermitteln konnte? Bilder, die in die Geschichtsbücher eingingen, wären nach den jetzt in der Diskussion von vielen eingeforderten Verhaltensrichtlinien heute journalistische No-Gos. Auch am 11. September 2001 waren die Bilder von Menschen, die von den Twin Towers stürzten, live im Fernsehen zu sehen. Bilder haben als eigenständige journalistische Darstellungsform eine suggestive Kraft, über deren Gefährlichkeit aber auch über deren Wert sich jeder Medienverantwortliche bewusst sein sollte.

Wo ist die Grenze, wo schaltet man ab, wo löscht man die Bilder für den Leser und Zuschauer? Die Abwägung ist in der Praxis nicht immer einfach und erfordert ein Gespür für Szenen und Umstände, weshalb es womöglich ebenso richtig ist, ein barbarisches und entwürdigendes Enthauptungs-Video von IS-Milizen redaktionell zu zensieren (hier sind sich alle Medien einig) und zugleich den Schuss auf den sich am Boden krümmenden Polizisten zu zeigen, zumal die Szene aus so großer Entfernung gefilmt wurde, dass das Oper nicht identifizierbar ist. Richtlinien und Grundsätze sind das Eine, aber jeder Bericht, jede Zeitungsseite und jeder Filmbeitrag basiert im Nachrichtenjournalismus auf einem Abwägungsprozess, bei dem Schwarz-Weiß-Maler fehl am Platze scheinen.

Anmerkung: Danke an Stefan Jaitner, die fehlerhafte Passage der Ursprungsfassung über das Foto von Robert Capa wurde korrigiert.

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