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„Günther Jauch“: PEGIDA-Fans stänkern gegen die “ARD-Jauchegrube” im Ersten

Kontroverses und schwieriges Thema bei “Günther Jauch” am Sonntag: “Frustbürger und Fremdenfeinde – wie gefährlich sind die neuen Straßenproteste?” Es ging um die immer größer werdenden PEGIDA-Demos, die vor allem in Dresden stattfinden. Die TV-Diskussion lief Jauch-typisch aus dem Ruder und gab PEGIDA-Anhängern Gelegenheit, ihre Wut auf der ARD-Facebook-Seite abzuladen.

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“Wieder eine systemkonforme Hetz/Talkrunde aus der ARD-Jauchegrube!”, “Dass ein gebildeter Mann wie Günther Jauch für die herrschende Politikerkaste den Lakaien macht,ist nahezu grotesk.”, “Ich hoffe unsere linken sog. Eliten werden nicht eines allzu fernen Tages dafür voll zur Rechenschaft gezogen werden. Die Schwan ist ein einziger Albtraum.”, “Hätte nicht gedacht das Jauch auch so ein dreckiger Vaterlandsverräter IST!!! “

Das sind nur einige Beispiele von teils drastischen Kommentaren unter dem Facebook-Eintrag der ARD zur “Günther Jauch”-Sendung vom vergangenen Sonntag. In der Sendung diskutierten der CDU-Politiker Jens Spahn, die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach, Politik-Blogger Michael Spreng und AfD-Chef Bernd Lucke über das Phänomen PEGIDA. Die Abkürzung steht für “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”. Die Bewegung hat ihren Ursprung in Dresden, greift seit einiger Zeit aber auch auf andere deutsche Städte über. Immer wieder Montags demonstrieren PEGIDA-Anhänger für ihre nicht ganz klaren Ziele. Sie sind irgendwie “dagegen”. Gegen “die da oben”, die mit der “Systempresse” unter einer Decke stecken. Gegen vermeintliche Überfremdung, gegen “anti-russische West-Propaganda”. Es ist ein vielfarbiges, bisweilen übel riechendes Stimmungs-Gebräu, das da angerichtet wird. Aber es gibt auch Nuancen und die sind wichtig.

Ein besonderes Kennzeichen dabei: Sie schweigen und verweigern der “Systempresse” jede Auskunft.

PEGIDA ist ein gesellschaftliches Phänomen, das jede Debatte wert ist. Günther Jauch und seine Redaktion sind aber leider die falsche Adresse, wenn man sich einen klugen Umgang mit komplizierten Themen erhofft. Schon der Titel der Sendung schert die PEGIDA-Bewegung über einen Kamm: Frustbürger und/oder Fremdenfeinde, die irgendwie “gefährlich” sind. Als die Jauch-Redaktion das Positionspapier von PEGIDA einblendet, werden selektiv bestimmte Slogans herausgegriffen, die in ihrer Singularität Fremdenfeindlichkeit suggerieren. Andere Punkte, wie etwa, dass das PEGIDA-Positionspapier ausdrücklich Migration befürwortet, werden schlicht ignoriert.

Und Jauch stützte sich, wie viele andere Medien auch, auf die dubiose Vorgeschichte des PEGIDA-Initiators, der mehrfach vorbestraft ist. Die PEGIDA-Anhängern kontern dies in den sozialen Netzen damit, dass sie eine Liste mit Vorstrafen von Politikern etablierter Parteien veröffentlichen. Das Herumreiten auf dem früheren Fehlverhalten des PEGIDA-Initiators wirkt in der Tat wie eine Art Ablenkung, ein Versuch, die Bewegung zu diskreditieren. Medienmacher scheinen nicht zu merken, dass sie mit solchen Methoden und mit dem selektiven Weitergeben von Thesen genau den gegenteiligen Effekt erzeugen, den sie eigentlich erzeugen wollen.

Sie schaffen so keine Aufklärung und sie überzeugen niemanden davon, dass PEGIDA irgendwie “böse” ist. Sie erzeugen stattdessen den Eindruck, dass sie doch alle unter einer Decke stecken und zur “Systempresse” gehören, mit der man gar nicht mehr zu reden braucht. Und wenn Gesine Schwan in der Jauch-Sendung unwidersprochen von sich gibt, dass das, was früher Juden waren, heute der Islam sei, dann ist das gelinde gesagt nicht hilfreich. Juden waren im Dritten Reich eine zuerst unterdrückte und später für die Ausrottung vorgesehene Minderheit, ein Universal-Sündenbock. Die Lage von Juden im Dritten Reich – und nur so konnte man Schwans Einwurf verstehen – mit der von Muslimen heute in Deutschland zu vergleichen, ist über alle Maßen unstatthaft.

Neben dem PEGIDA-Phänomen zeigte die Jauch-Show auch einmal mehr die Unfähigkeit von Medien und Politik, sich vernünftig mit der AfD und Bernd Lucke auseinanderzusetzen. Es scheint ein Reflex zu sein, Lucke immer wieder in die rechtsradikale Ecke stellen zu wollen. Dafür werden nicht belegbare Aussagen Luckes herangezogen, es werden ihm und seiner Partei Absichten unterstellt und Diskussionen innerhalb der AfD aufgebauscht. Dabei gibt es auch bei den Christsozialen Kritikwürdiges Immerhin war es die Union in Gestalt der CSU, die jene dämliche Formulierung in die Debatte brachte, dass Migrantenfamilien dazu “angehalten” werden sollten zu Hause deutsch zu sprechen.

Man kann Lucke und seine Truppe oder auch Thilo Sarrazin nicht einfach gleichsetzen mit tatsächlichen Demagogen wie Akif Pirinçci und seiner Hetzschrift “Deutschland von Sinnen”. Es ist gut möglich,dass einige oder sogar viele der PEGIDA-Marschierer mit der AfD sympathisieren. Dass bei diesen Protesten NPD-Typen und Hooligans Seite an Seite mit Mittelstands-Muttis und Rentnern und Normalos marschieren, ist auch ein Beleg dafür, dass Politik und Medien da einen Blind Spot haben, der immer größer zu werden droht. Das kann gefährlich werden und sollte sich schnell ändern. Medien und Politik sollten anfangen, dieses Phänomen ernst zu nehmen. Die bisherige Taktik – Ignorieren und Stigmatisieren – sorgt dafür, dass alle in einen Topf geworfen werden, die da ihr Unbehagen mit dieser Gesellschaft äußern.

Wir müssen unseren Blick schärfen, um echte, gefährliche Radikale zu trennen von Mitläufern und Leuten mit berechtigten Sorgen. Der “Günther Jauch”-Sendung ist dies nicht gelungen. Vielleicht sollte “Anne Will” das Thema nochmal aufgreifen.

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