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Der „Quassel-Imam“ bei Jauch: die verpasste Chance

Nach der Talkshow am Sonntag Abend mussten sich Günther Jauch und die ARD harter Kritik stellen: Der Moderator habe kapituliert und den Imam Abdul Adhim Kamouss ungestoppt reden lassen. Tatsächlich war die Sendung eine verpasste Chance zur Diskussion und hinterließ das Publikum mit mehr Fragen als Antworten. Auch zwei Tage nach der Ausstrahlung diskutiert die Presse hitzig über Günther Jauchs Sendung zum Thema „Gewalt im Namen Allahs – Wie denken unsere Muslime?“.

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Was war passiert? Wie hätte man es besser machen können? Und wie gefährlich ist der Imam wirklich?

„Diese Sendung war eine Katastrophe“

Fakt ist, dass in der Sendung keine konstruktive Diskussion über den Islam in Deutschland zustande kommen konnte: Abdul Adhim Kamouss redete die anderen Gäste in Grund und Boden, diese vergruben ihren Kopf in den Händen, wirkten wie der Fuchs vor dem Scheinwerferlicht oder blafften irgendwann hilflos „Halten Sie doch mal die Backen“ – eine souveräne Auseinandersetzung mit einem derart schwierigen Thema sieht anders aus. Und genau dieser unprofessionelle Umgang wird Jauch und seiner Redaktion nun angekreidet. „An Stelle von Aufklärung, klaren Definitionen und Diskussion gab es Chaos, Geschrei und Pauschalurteile“, schreibt zum Beispiel der stern. Und die FAZ stellt fest, Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister in Berlin-Neukölln sei aus dem Konzept gebracht worden, hatte er doch „einen Salafisten erwartet und bekam nur dessen Weichspüler-Version präsentiert.“ Das Deutsch Türkische Journal (DTJ) zeigt sich schwer enttäuscht: „Bereits nach dem ersten Viertel der Sendung wusste ich nicht, ob ich wütend oder traurig sein sollte. Ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: Wir Muslime sind immer noch nicht in Deutschland angekommen!“ Claudia Dantschke von der Gesellschaft Demokratische Kultur, die in Berlin eine Beratungsstelle in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus aufbaut, urteilt gegenüber dem stern: „Diese Sendung war eine Katastrophe. Man muss erstmal einen Plan haben, was man eigentlich will und dann die richtigen Gäste einladen. Da hatte keiner einen Plan“

Die Sendung hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet

Die Frage: „Wie denken unsere Muslime?“ wurde tatsächlich nicht im Ansatz beantwortet, der Zuschauer wusste nach Ende der Sendung weder mehr über Muslime oder Salafisten noch darüber, welche Thesen der Imam wirklich vertritt. Es wurde ein Video gezeigt, mit dem die ARD-Redaktion das Frauenbild des Imam präsentieren wollte: Abdul Adhim Kamouss predigt, Frauen dürften das Haus ohne Zustimmung ihrer Ehemänner nicht verlassen. Aussagen, die ihn als Hass-Prediger entlarven sollten – aber leider schon über zehn Jahre alt sind. Journalistische Sorgfalt sieht anders aus. Und damit konnte der Imam den schwarzen Peter wieder der „Gegenseite“ zuschieben: Er habe sich weiterentwickelt, schließlich dürfe doch jeder Fehler machen. Damals sei er jung gewesen, heute sehe er die Rolle der Frau „ganz anders“. Aber wie sieht dieses „ganz anders“ konkret aus? Diese Frage wurde – wie viele andere – nicht gestellt.

Die Sendung hat insgesamt mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet: Wer ist Abdul Adhim Kamouss? Ist er gefährlich? Wie gehen wir mit ihm um? Und wofür steht er eigentlich? Oder wie die Bild platt titelt: „Ist Jauchs Quassel-Imam gut oder böse?“ Auf YouTube finden sich zahlreiche Videos des Predigers, in einem Beitrag vom vergangenen August äußert er sich zum Beispiel ausführlich zur ISIS. Eines dieser aktuelleren Videos hätte die Diskussion professionalisiert – und den Imam wahrscheinlich zu klareren Stellungnahmen gebracht.

Schlechte Sendungsvorbereitung

Den Islamismus in Deutschland zu thematisieren, ist wichtig – und schwierig. Günther Jauchs Talkshow und die anschließende Debatte haben gezeigt, wie groß der Redebedarf tatsächlich ist. Vor allem hat sie aber gezeigt, was passiert, wenn eine Sendung – vor allem zu einem derart heiklen Thema – nicht ordentlich vorbereitet und geplant wird. Auch Heinz Buchowsky kritisiert die mangelhafte Vorbereitung und sagt zum stern: „Ich habe eine Stunde vor der Sendung erfahren, dass Herr Abdul Adhim Kamouss einer meiner Gesprächspartner sein wird. Ich hätte mich gerne gründlicher auf ihn vorbereitet.“ Am Ende war die Sendung vor allem eins: die verpasste Chance, eine konstruktive Diskussion zu einem hochgradig relevanten Thema zu führen.

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