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Acht Digital-Trends von Burdas DLD14

Die Konferenz ist gut, war 2014 besser als im vergangenen Jahr, als die Zusammenführung kluger Digitalvordenker stellenweise zu sehr einem Fachkongress glich. Aber gleich die Neuerfindung der Menschheit? Die Menschheit war auch beim DLD oft damit beschäftigt, sich einen Kaffee, etwas zu essen oder eine Steckdose zu organisieren.

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Old white guys with Google Glass
Die Zahl der Medienprofis, die auf ihren Facebook-/Twitter-/LinkedIn-/Xing-Seiten ein Profilbild von sich mit Google Glass eingestellt haben, ist in den vergangenen Monaten bedrohlich gestiegen. Beim DLD gab es zum Glück nur eine Handvoll von Gestalten, die ganze drei Tage mit dem Nasenfahrrad des Suchmaschinenkonzerns herumvagabundierten. Seltsamerweise alles ältere Herrschaften mit Bauchansatz und hoher Stirn. Einer erinnerte entfernt an Robert Scoble, der wars dann aber doch nicht. Okay Glass, ehm, Kollegen: Toll, ihr habt eine Brille von Google! Macht euch das jünger und hipper, so wie eine bunte Hose helfen soll, das gefühlte Alter einer Person um zehn Jahre nach unten zu drücken? Man weiß es nicht, man mag euch auch nicht direkt danach fragen. Denn das wollt ihr doch nur – angesprochen werden.

Europa muss kräftig auf die Tube drücken
Die Tendenz, das Wirken der europäischen Tech-, Medien und IT-Szene als bislang nicht wirkungsmächtig genug einzustufen, ist ausgeprägt. Nicht ganz zu Unrecht, ein Blick auf die Rankings der einflussreichsten Internet- und Technologiekonzerne genügt. Alle ziehen an uns vorbei. Amerika und Asien machen es besser. Es sei einfacher, Geschäfte in China zu machen als in Europa, lautete das Urteil des Finnen Peter Vesterbacka, des Mannes mit den „Angry Birds“. Nur beim Datenschutz sind wir vorne. Hat uns das was gebracht? Nö. Außer dem Bewusstsein, kritischere Geister als unsere Mitmenschen in anderen Erdteilen zu sein, was die Sensibilität im Umgang mit Daten angeht. Dazu später.

Telekom-Boss Tim Hoettges jedenfalls warnte vor einer neuen „digital divide“ zwischen Europa und Asien/USA. Zuvor hatte Verkehrs- und Infrastrukturministerminister Alexander Dobrindt versprochen, Deutschland in die „digitale Champions League“ zu befördern und „high-speed networks“ zu bauen. Seltsamerweise sprach er von der „digitilation“ und brachte es fertig, auch Franz Josef Strauß in seinen 10-minütigen Vortrag einzubauen. Mit Hoettges und Co. wollte Dobrindt aber dann doch nicht diskutieren, obwohl es ursprünglich so vorgesehen war. Angeblich, weil er seinem Englisch nicht über den Weg traute. Der Mann fährt ja seit Jahren eine Art persönliches Optimierungsprogramm im Dienste der Karriere, darum wird sich auch sein Sprachrepertoire wohl bald verbessern.

Junge Menschen mit eigenen Ideen und Ausdauer
Sein Startup an einen Verlag verkaufen wie Mendeley es mit Reed Elsevier getan hat? Ijad Madisch, Gründer von ResearchGate, winkt ab. „Wir haben viel größere Ambitionen“, sagt er über das Netzwerk für Wissenschaftler. Auch für diesen Gründer- und Unternehmergeist, nicht bei der erstbesten Gelegenheit einen Exit zu suchen, gab es beim DLD den Focus Digital Star Award. Selbstverständlich sei das ja nicht gerade, befand ein Kenner der deutschen Szene am Rande des DLD. Madisch hat übrigens rund 35 Millionen Dollar an Investorengeld eingesammelt, u.a. von Bill Gates. Die Entscheidung, mit ResearchGate nach Berlin zu gehen, sei genau die richtige gewesen. Geraten hatte ihm das Matt Cohler von Benchmark Capital.

Seinen Sitz in San Francisco hat derweil das Startup Prezi, das Ende Februar eine deutsche Version des Präsentationsprogrammes launcht. Die Wurzeln des Mitgründers Peter Arvai liegen aber in Ungarn. Auch er will die europäische Startup-Szene stärken. In Budapest beschäftigt Prezi mehr Mitarbeiter als im Valley. Die Summen, die im Spiel um das „next big thing“ sind, haben sich indes radikal erhöht. „Es geht nicht mehr um Millionen, sondern um Milliarden“, sagte beispielsweise der Gründer von Waze, Noam Bardin, der vor einigen Monaten an Google verkaufte. Die gleiche Prognose gilt wohl auch für WhatsApp, die unaufhaltsam wachsende Messaging-Dampfwalze. Gründer Jan Koum hatte beim DLD einen seiner seltenen Auftritte. Lakonisch erklärte Koum, der mit 16 Jahren aus der Ukraine in die USA einwanderte, man beschäftige 50 Leute und verschicke täglich rund 50 Milliarden Botschaften. Das sei aber noch gar nichts. WhatsApp soll auf jedes verdammte Smartphone dieser Welt.

Der Internet-Optimismus hat ’nen Knacks bekommen
„Das Internet ist kaputt“, hatte Sascha Lobo neulich wie gewohnt zugespitzt und diskussionsfördernd in die Runde geworfen. Aber war’s schon jemals heile, fragte darauf so sinngemäß wie rhetorisch Evgeny Morozov. Antwort: Nein, ihr Dummies. Freiheit im Netz, eine Lachnummer. Nun ist die Burda-Konferenz eigentlich das Happyhappy-Superdupergutelaune-Dings vor Davos. Optimismus dominiert für gewöhnlich, Technik in Kombination mit menschlicher Ambition, Vernunft und Verantwortung wird es schon richten. Positive Beispiele will die Konferenz geben, sich nicht im Destruktivismus üben. Ganz so war das dieses Jahr nicht möglich. Siehe NSA.

„Everything networked can be hacked. Everything is networked. Everything can be hacked.“ So lautete die Conclusio von Rod Beckstrom, der mal Chef der ICANN war. „Technologie“, so Beckstrom, arbeite gegen die Wahrung der Privatsphäre. Es sei eben eine „mad, mad, mad world“. Cyberspace-Legende und Electronic Frontier Foundation-Mitbegründer John Perry Barlow drückte es ganz zum Schluss der Konferenz so aus: „Ich habe keine Probleme damit, keine Privatsphäre im Netz zu haben. Solange ich weiß, was die mit der ganzen Information anfangen. Und warum sie damit etwas anfangen.“ Ein europäisches Gesetz müsse her, befand CCC-Mann Frank Rieger, das alle Unternehmen und die Regierungen dazu verpflichte, alle Daten über Kunden respektive Einwohner eines Landes den entsprechenden Personen zugänglich zu machen. Denn: „Es sind ja meine Daten.“ Der Technologie müssten wir wieder trauen dürfen – den Regierungen aber könnten wir keinesfalls trauen. Ein positiver Nebeneffekt für Rieger, Barlow und Co. ist übrigens – die Zeiten, in denen ihre Warnungen vor Datenmissbrauch durch Regierungen verlacht wurden, sind vorbei.

Beim DLD gab es gleich mehrere Panels zum Oberthema Datenmissbrauch/Spionage/NSA. Die Grundtonalität blieb auch dieses Jahr positiv, doch der ungebremste Optimismus früherer Jahre hat einen Knacks bekommen. Das ist gut. Und es ist absolut anzuerkennen, dass aus der Konferenz eben keine kritikfreie Zone gemacht wurde, in der es nur darum geht, Wagniskapitalgebern eine gute Story zu liefern. Genausowenig wie es darum geht, das Internet auf dem Müllhaufen der Kommunikationsgeschichte zu entsorgen.

Wo sind die „guten“ Daten und wie machen wir sie zu Geld?
Daten sind nicht gut oder böse, schon klar. Für jeden profitorientierten Datensammler geht es aber darum, selber als einer von den Guten dazustehen. Darum ist es für Unternehmer wie Tony Fadell, der sein Startup Nest just für 3,2 Milliarden Dollar an Google verkaufte, so wichtig zu betonen, man wolle die Welt zum Besseren verändern. Das sagte Fadell wirklich, und zeigte dann ein herzerwärmendes Video im Apple-Stil mit weich leuchtenden Rauchmeldern, die Mütter und ihre Babys vor dem Feuertod bewahren. Ebenso warmherzig versicherten diverse Cloud Computing-Unternehmen, die Datenwolke sei der nächste, quasi logische Schritt in der Evolution der IT-Historie. Wer sicher mit Daten arbeiten wolle, brauche die Cloud, bekräftigte etwa Werner Vogels von Amazon. Der Mitarbeiter eines Autokonzerns, der den DLD besuchte, merkte dazu in einem Gespräch am Rande der Konferenz nur an, man werde keineswegs auf Cloud-Dienste umsteigen.

„Es gibt doch sehr viele Möglichkeiten für Unternehmen, auf eine gute Art und Weise mit Daten umzugehen“, sagte Jeff Jarvis, ein Freund größtmöglicher Transparenz und Offenheit, auch der Freigiebigkeit, was persönliche Informationen angeht. Das ist halt die Herausforderung: Neue web-basierte Geschäftsmodelle müssen in vielen Fällen auf große Datenmengen zurückgreifen, um überhaupt zu funktionieren. Daten sind die Grundlage dieser Modelle. Die Frage aller Fragen: wie diese Daten verantwortungsvoll sammeln, auswerten und einsetzen? Um damit wiederum die Internet-Wirtschaft in Gang zu bringen, ergo: Kohle zu verdienen? Ohne smarte Lösungen in der Datenfrage gerät die Internet-Wirtschaft Europas noch weiter ins Hintertreffen gegenüber den USA und Asien.

Stichwort Kohle: Zum Phänomen Bitcoin gab es auch ein Panel. So richtig Licht ins Halbdunkel, wie das System eigentlich genau funktioniert und wer davon letzten Endes profitiert, kam nicht.

Mehr Kontext, bitte
„Content & Context“ lautete das Motto der Konferenz. Mit Kontext gemeint sind vor allem Technologien, die Beziehungen zur Außenwelt herstellen, die das Leben schlicht gesagt vereinfachen sollen, wie auf einer niedrigen Ebene beispielsweise eine App, die eine Route zum nächsten Supermarkt in der Umgebung anzeigt. Sensoren spielen eine große Rolle, auch das persönliche, möglichst genau vermessene Leben und Verhalten. Die Hypothese: Inhalte können nur gut sein, wenn der Kontext, in dem Inhalte abgefragt werden, möglichst genau erfasst werden kann. So albern besagte Herren mit Google-Brillen auch ausgesehen haben mögen – fortgeschrittenere Varianten solcher „Wearables“ werden wir alle in gar nicht allzu ferner Zukunft vielleicht tragen. Das nächste große Ding beim „Internet der Dinge“, also mit dem Netz verbundenen Sachen, sei jedenfalls erstmal – surprise, surprise – das Auto, „prophezeite“ Nest-Mann Fadell.

Mobile. For real.
Was im stationären Web funktioniert, funktioniert auch im mobilen Web? Ein Irrglaube, sagt Waze-Gründer Noam Bardin. Das haben inzwischen vermutlich auch schon andere Netz-Unternehmer kapiert, inklusive der Medienbranchenvertreter. Klar ist: Wo es bisher hieß, das mobile Netz lasse sich noch viel schlechter monetarisieren als das stationäre Web, gilt dieses Argument nicht mehr. Mobile ist die Realität, also wird es wohl a) einen Weg geben, Geschäftsmodelle (auch für Medien) zu finden, und b) wo Nutzer sind, dahin fließt auch Geld. Dass wir in das Zeitalter der mobilen vernetzten Geräte hineinwachsen, unterstrich auch das neue Projekt von Jimmy Wales. Der will als Chef eines „guten“ Mobilfunkanbieters einen Teil der Gewinne zur Verfügung stellen, um beispielsweise Menschen in Afrika die Informationen der Welt zugänglich zu machen. Natürlich via Mobiltelefon. Überhaupt: Afrika wird zum mobile continent. Viele Unternehmen, darunter auch Startups der Rocket Internet-Schule, sind in afrikanischen Ländern mit mobilen digitalen Geschäftsmodellen präsent.

Qualitätsjournalismus und das (mobile) Netz – forget it? Not.
Schließlich hatte auch DLD-Gastgeber Hubert Burda einen Auftritt mit einer Art Rant. Eine von Burdas Kernaussagen: „You cannot live just with Qualitätsjournalismus on the web.“ Um eben diesen finanzieren zu können, brauche es andere Geschäftsmodelle. Der Journalismus im Web diene höchstens als eine Art Ouvertüre, bzw. eine Art Eingangstor zu profitableren Geschäften wie etwa E-Commerce. Burdas Auftritt wurde beklatscht, doch hinter den Kulissen liefen offenbar die Mobiltelefone heiß. War das abgesprochen? Was bedeutet das? Gibt der Verleger uns ein Zeichen für eine anstehende wichtige Entscheidung in seinem Medienunternehmen? Das er zwar nicht mehr operativ leitet, das er aber eng begleitet? Man weiß es (noch) nicht.

Sinnvoll wäre es aber mal, das Wort „Qualitätsjournalismus“ zu streichen oder zumindest einer Neubewertung zu unterziehen. Denn es ist ja keineswegs so, dass im Web keinerlei Form von Journalismus funktioniert, Geld abwirft, etc. pp. Sowohl innerhalb wie außerhalb der klassischen Medienbranche gibt es Beispiele für neue Inhalteformate. Die traditionellen Journalisten nicht immer gefallen (müssen), die aber in neue Richtungen und auf neue Einkommensströme weisen können. Native advertising, wie es beispielsweise BuzzFeed und neuerdings auch die New York Times anbietet, ist pfui? Unklar. Darf man damit experimentieren? Aber warum denn nicht!

Der 18-Jährige Vorzeigeknabe von Yahoo, Nick D’Aloisio, war übrigens der älteste 18-Jährige der Konferenz. Wo dreimal so alte Männer mit iPads auf Konferenzen herumlaufen und das Ende aller Mediennutzungsgewohnheiten verkünden, erklärt D’Aloisio, dessen Startup Summly Yahoo für 30 Millionen Dollar übernahm: auch eine App kann ein Anfang und ein Ende haben. Der Yahoo News Digest aktualisiert sich nur zweimal am Tag. Die Leute wollten das so, wegen der Abgeschlosssenheit. Wegen der Befriedigung, mal was bis zum Ende durchgelesen zu haben. Hat man alles schon irgendwie gehört. Aus dem Munde eines Justin Bieber des Webs kommend, wirken solche Worte allerdings fast schon irritierend weise, wenn nicht zukunftsweisend. Was beweist: es kommt manchmal nicht darauf an, was gesagt wird, sondern wer es sagt.

Um es mit Hubert Burda zu sagen: So, das war zu viel. Danke, Wiederschaun.

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