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„Die Geissens“: die dunkle Seite des TV-Kults

Man muss aufpassen, wenn man über „Die Geissens“ bei RTL II schreibt. Da liegen Einstiegssätze wie „Jetzt heißt es wieder ,Roobäärt!“ griffbereit ganz weit oben in der Phrasen-Schublade. Der Stern hat die Trash-TV-Millionäre jüngst erst mit einer Titelgeschichte geadelt, bei Bunte waren sie als „TV-Kultpaar“ auch schon auf dem Cover und die Quoten stimmen ja. Aber es ist nicht alles so harmlos, wie es aussieht. Der Fun-Kult um „die Geissens“ hat auch eine hässliche, eine dunkle Seite.

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21, 22, „Roobäärt!“ Carmen Geiss hat wahrscheinlich mittlerweile eine Drehbuchanweisung, dass sie alle zwei bis drei Minuten den Vornamen ihres Mannes mit ihrer markant rauchigen Stimme rufen soll. Der Ausruf „Roobäärt!“ ist zu einem Markenzeichen der Serie „Die Geissens“ geworden. „Die Geissens“ sind eine Millionärs-Familie aus Köln. Zu Geld gekommen sind sie, indem Robert Geiss seine Anteile an der von ihm in Deutschland mit-gegründeten Fitness-Bekleidungsmarke Uncle Sam verkauft hat.

Der Spiegel zitierte ihn 2008 mit den Worten: „Es war Mode für die Jungs mit den dicken Oberschenkeln, die in keine Jeans passten.“ Oder, wieder mit „Roobäärts“ eigenen Worten: Zuhälter. Spiegel-Autor Alexander Osang schrieb in dem Text damals: „Robert Geiss hat keine Berührungsängste zum Milieu“. Eigentlich ging es in dem Artikel gar nicht um ihn, sondern um den so genannten „Puff Prinzen“, den Groß-Bordell-Betreiber Prinz Marcus Eberhard Edward von Anhalt , Herzog zu Sachsen und Westfalen, Graf von Askanien, zu dem Robert Geiss eine gute Bekanntschaft pflegte. Wenn man sich die scheinbar harmlosen Spässken anschaut, die die Protz-Familie jetzt wieder Woche für Woche bei RTL II abzieht, schadet es nicht, sich in Erinnerung zu rufen, wo diese Leute ihre Wurzeln haben.

Es schimmert unter dem ganzen grellen Luxus-Lack ja auch immer wieder durch. Das Milieu. Es ist die breitbeinige Art, wie Robert Geiss geht. Die Art wie er redet („Kacke!“). Die Art, wie er „das Personal“ behandelt. In der Auftakt-Folge zur neuen Staffel schüttete er Sand aus seinem Turnschuh auf die Treppe seines Monaco-Anwesens um kurz danach Anweisung zu geben: „Die Putzfrau soll das wegmachen“. Als die Geissens in einem Luxushotel in Las Vegas in einer grotesk riesigen Suite einquartiert wurden, ließ er seine Lederjacke auf den Boden fallen. „Die wird schon einer aufheben.“ Machte tatsächlich einer.

Auch das „Untenrum“ wird häufig thematisiert. Es geht gerne derb zu, latent frauenfeindlich, menschenverachtend sowieso und natürlich homophob („Wat willste denn mit orangenen Kissen, willste aussehen wie en Schwuler?“). Wenn auf Sylt bei einem Segway der Ständer ausgeklappt werden soll, heißt es: Hö, hö, hö. Ständer raus. Schon nestelt Robert Geiss an seinem Hosenlatz. Wenn sein sonnenbebrillter Blick über den Luxus-Overkill in Las Vegas schweift, sinniert er: „Bei Cäsar und mir hat‘s zwei Sachen jemeinsam jegeben. Das sind die acht Zentimeter, die wir mehr in der Hose hamm als Frauen.“ Es ist eine Welt, in der solchen Sprüche ebenso zum guten Ton gehören wie die Brustvergrößerung bei Frauen.

Der Reiz der Serie besteht nach landläufiger Meinung darin, dass die sympathisch-prolligen Geissens durch eine obszön zelebrierte Luxuswelt tappen. Die Geissens stiefeln und stöckeln also durch Suiten, Edel-Restaurants und Nobel-Discos. Sie quetschen sich in ultrateure Autos mit Flügeltüren oder schälen sich aus den weißen Ledersesseln eines Privatjets. Und wirken dabei doch stets wie falsche Fuffziger.

Um die Geissens herum hat RTL II eine glitzernde Welt des Product Placements gebaut. Überall kleben Logos und es werden Namen von Hotels, Veranstaltern, Automarken etc. gezeigt. Die Reiseziele der Geissens wirken wie abgefilmt vom jeweiligen Tourismusverband, PR-Sprecher und Hotelchefs treten auf und dürfen etwas sagen. Der Schriftzug „Unterstützt durch Produktplatzierungen“ taucht folgerichtig ab und an am oberen Bildschirmrand auf.

Die Geissens selbst sind wohl wie sie sind. Zitat des Familienoberhaupts: „Ich leb hier ein geiles Leben, alles andere interessiert misch nischt.“ Sie sind halt eine Proletentruppe, die durch eine Verkettung von Ereignissen zu Geld gekommen ist. Früher hätte Robert Geiss vielleicht einen Boxstall gegründet. Oder sonstwas. Heute macht er eben Dokussoap und is ‘ne Marke.

RTL II kann den Geissens dankbar sein. Der Sender, zeigt ja sonst Formate wie „Das Messie-Team“, „Extrem schön!“, „Teenie-Mütter“, den Trash-Klassiker „Frauentausch“ und vieles, vieles mehr in dieser Preisklasse. Es gab auch schon diverse Puff-Dokusoaps. Ein Tiefpunkt war erreicht, als RTL II eine Dokusoap über den Bordellbesitzer Bert Wollersheim ins Programm hievte, Titel: „Die Wollersheims – eine schreckliche schräge Familie.“ Im Juli wurde der RTL-II-“Star“ Wollersheim verhaftet. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf warf ihm vor, dass in von ihm betriebenen Bordellen Männer betäubt und anschließend beraubt worden seien.

Gegen solche Leute wirken die Geissens dann tatsächlich wieder wie lupenreine Sympathieträger, mit denen man prima Zeitschriften und Milchprodukte verkaufen kann. Mit den Geissens ist das Milieu im Mainstream angekommen.

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