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Wochenrückblick

So subtil stichelt Ex-Chef Klaus Brinkbäumer gegen den „Spiegel“

Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Die Debatte um den „Panorama“-Beitrag über „rechte Likes“ des Bundeswehroffiziers Marcel Bohnert ist in dieser Woche komplett entgleist. Nicht jeder findet gut, dass Funk die Vernehmungsvideos aus dem Lübcke-Mordprozess im Internet zeigt. Mit Michael Spreng trat ein in jeder Beziehung Großer unserer Zunft ab. Und Klaus Brinkbäumer stichelt subtil gegen den Spiegel. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Draußen ist es heiß, die Luft steht, Fliegen surren und eine Ahnung von Verwesung liegt in der Luft. Vielleicht die richtige Grundstimmung, um sich mit dem Medien-Fall zu befassen, den manche „Panorama-Gate“ nennen. Wir stehen vor dem Scherbenhaufen dessen, was mal eine Diskussion oder Debatte hätte werden können, im Internet und insbesondere auf Twitter aber zu einem Hass-Festival ausgeartet ist. Zunächst aber, worum geht es? Das ARD-Magazin Panorama brachte einen Beitrag über den Bundeswehroffizier Marcel Bohnert, der bei der Truppe u.a. für Social Media zuständig ist. Er hatte drei Likes auf Instagram an einen Account verteilt. Auf einem der Fotos sind Bücher des neurechten Antaios Verlags zu sehen. Ein weiteres von Bohnert geliktes Bild bezieht sich auf einen Rap-Song, der Verschwörungstheorien verbreitet. Der Account-Inhaber selbst bekennt sich in mehreren Posts zur rechtsextremen „Identitären Bewegung“. In einem später veröffentlichten Beitrag wird Bohnert von Panorama zudem vorgehalten, mal bei der Münchner Burschenschaft Cimbria und beim Studienzentrum Weikersheim aufgetreten zu sein. Die Burschenschaft sei, so der Beitrag, „extrem rechts“ und das Studienzentrum ein „Zentrum der Neuen Rechten“, wie eine Politikwissenschaftlerin zitiert wird. Wobei dort auch schon Leute wie Gesine Schwan, Wolfgang Schäuble, Gerhard Schröder und sogar Papst Johannes Paul II. auftraten, die des Rechtsextremismus eher unverdächtig sind.

Keine Frage: Das Like-Verhalten des Offiziers ist mindestens verstörend. Ob drei Likes aber gleich so eine einigermaßen sensationelle Aufmachung wie bei Panorama bedürfen, sei dahingestellt. Vielleicht hätte man auch erst einmal ein bisschen weiter recherchieren können/sollen. An der Art und Weise der Beichterstattung gab es jedenfalls Kritik. Explodiert ist die Sache dann, als der Welt-Autor Rainer Mayer, besser bekannt unter seinem Nom de Guerre „Don Alphonso“, auf den Plan trat. Er verfasste mit dem ihm eigenen Furor zwei Texte, in denen er in erster Linie die Autorinnen des Panorama-Beitrags und eine dort zitierte Politikwissenschaftlerin als voreingenommen darstellte. Vor allem die Expertin nahm bei ihm breiten Raum ein, er sammelte im Netz allerhand Links, Tweets und Verweise, die belegen sollen, dass die Frau eine linksextreme Aktivistin ist, bzw. linksradikalen Kreisen mindestens nahesteht. Seither tobt so eine Art Shitstorm-Gewitter in alle Richtungen. Die Expertin bekommt schlimmste Bedrohungen und Beschimpfungen in großer Zahl ab. Der Offizier muss fürchten, seinen Job zu verlieren. Es wird geschimpft und geblockt, als gäbe es kein Morgen mehr. Alle stehen mehr oder minder begossen da.

Hengameh Yaghoobifarah (jene Taz-Kolumnistin, die Polizisten am liebsten auf dem Müll entsorgen würde, wir erinnern uns) twitterte:

Das scheint mir ein Grundproblem zu sein, dieses „Die oder wir“. Und dieses „bedingungslos“.

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Das Reportageformat STRG_F des ARD/ZDF Jugendprojekts Funk hat diese Woche mit einem Video für Aufsehen gesorgt, das Ausschnitte aus der Vernehmung des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübcke zeigt. Darf man das? Soll man das? Zeigen darf man es wohl, denn das Vernehmungsvideo wurde zuvor bereits im Prozess als Beweismittel gezeigt. Hätten die Reporter das Material gezeigt, bevor das Video vor Gericht vorgeführt wurde, wäre das illegal. Die schwierigere Frage ist: Soll man das zeigen? Der ehemalige Bundesrichter und Spiegel-Online-Kolumnist Thomas Fischer (er hat früher auch mal für MEEDIA geschrieben) sagt ganz klar: nein! Fischer:

„Ich halte es für unvertretbar. Die rechtfertigende Behauptung, es handle sich um ein „Dokument der Zeitgeschichte“, das „Auskunft gibt über den Zustand unserer Gesellschaft“, ist an den Haaren herbeigezogen. Mit derselben Begründung könnte man Videos vom Zähneputzen der Redakteure veröffentlichen.“

Das Video bediene „eine abstoßende Geilheit auf fremde Intimität und die Lust an der vorgeblichen Authentizität fremden Leidens, die heute als Billigstform von ‚Empathie‘ durchgeht“, so Fischer. Ich teile seine Meinung nicht. Nach Ansicht fand ich das Video durchaus interessant. Zu sehen, wie der Verdächtige hier spricht, mit welcher seltsam aufgesetzt wirkenden Strukturiertheit er die Tat schildert, bringt einen Erkenntnisgewinn, der nur mit einer textlichen Beschreibung nicht herzustellen wäre. Interessant ist auch, die zweite Vernehmung, bei der er die direkte Tat abstreitet und behauptet es sei ein Unfall gewesen, im direkten Vergleich zur ersten zu sehen. Man kann sich so einen eigenen Eindruck von der Glaubwürdigkeit des Auftritts des Angeklagten verschaffen. Sensations-Geilheit sieht nach meinem Empfinden anders aus.

Was ich indes kritikwürdig finde, ist ein Anklang von Inszenierung. So unaufgeregt und kundig die beiden Journalisten Nino Seidel und Julian Feldmann durch das Video führen: An einer Stelle zeigen sie ein Whiteboard mit ein paar Fotos des Angeklagten und den Daten seiner Vernehmungen. Das hat nun wirklich null Aussagekraft und kann nur als Referenz an diese typischen Profiler-Tafeln aus US-Krimis verstanden werden, bei denen mit reichlich Bindfadeneinsatz irgendwelche Beziehungen visualisiert werden. Das hätten sich sich die Macher von STRG_F sparen können. Zumal Seidel zu Beginn selbst sagt: „Das wirkt jetzt wie bei diesen US-Crime-Serien“. Ja warum nur? Bei einem so sensiblen Stoff sollte maximale Nüchternheit das Gebot sein. Zumal bei einem öffentlich-rechtlichen Format, das nicht auf Klicks angewiesen ist.

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Die traurige Nachricht der Woche ist, dass Michael Spreng im Alter von 72 Jahren an Krebs gestorben ist. Spreng war einer, bei dem die Zuschreibung Charakterkopf tatsächlich zutraf. Stets dröhnend, nie um eine Meinung verlegen aber zivil im Umgang und politischer Journalist durch und durch, das war Spreng. Viele sind immer noch der Meinung, dass es seine kritischen Kommentare zum Spendensumpf von Helmut Kohl waren, die ihn seinen Job als Chefredakteur der Bild am Sonntag gekostet hatten. Damals war Kohl-Spezi Leo Kirch schließlich noch Mit-Eigentümer von Axel Springer gewesen. Wäre heute im Journalismus und Medienzirkus noch Platz für einen wie Spreng? Ich habe da meine Zweifel.

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Man muss auf Twitter nicht immer mit der Abrissbirne operieren, es gibt sogar hier so etwas wie ein Florett. Wie das geht, zeigte diese Woche der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Der New-York-Times-Kulturredakteur Matthew Anderson fand auf Twitter den aktuellen Spiegel-Titel mit der Zeile „The Presidend“ zu Donald Trump wenig gelungen. Brinkbäumer drückte aufs Herzchen und schon stand unter dem Anderson-Tweet „Klaus Brinkbäumer gefällt das“, wenn man diesen in seine Timeline gespült bekam.

Dass das Like in diesem speziellen Fall aus Versehen oder Unachtsamkeit abgegeben wurde, darf wohl ausgeschlossen werden.

Schönes Wochenende!

PS: In der neuen Folge unseres Podcasts Die Medien-Woche geht es auch um die Panorama-Like-Debatte und das Video von STRG_F. Außerdem spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt über die geplante Verfilmung des Wirecard-Skandals. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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