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Umstrittener CEO

Zuckerberg riskiert, den Rest von Facebooks Reputation zu verspielen

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Copyright: imago images / Christophe Morin

In den vergangenen Wochen ist Facebook-Chef Mark Zuckerberg erneut scharf in die Kritik geraten. Während die CEOs der Social Media-Rivalen Twitter und Snap auf Donald Trumps Ausfälle in den sozialen Medien reagieren, lässt Zuckerberg den US-Präsidenten auf Facebook wie eh und je gewähren. Die Resonanz in den Medien ist scharf, während die Stimmung im Unternehmen zu kippen droht. Zuckerberg ist dabei, Facebooks Reputation zu beschädigen – wieder einmal

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Mark Zuckerberg ist ein viel verachteter Mann. Das hat seine Gründe – und geht zurück bis zur Verfilmung der Facebook-Gründung, buchstäblich hollywoodreif in „The Social Network“ (2010) von David Fincher in Szene gesetzt.

Auch das weniger Internet-affine Massenpublikum lernte seinerzeit einen schlicht unsympathischen jungen Mann kennen, der an der Elite-Uni Harvard von seiner Freundin versetzt und als „Arschloch“ bezeichnet wird und dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Rohfassung von Facebook programmiert, dabei aber die Idee von zwei Kommilitonen stiehlt. Das ist (großes) Kino, natürlich, und doch kann man sagen, die öffentliche Person Mark Zuckerberg hat sich von dem Tiefschlag nie erholt.

Mark Zuckerberg, „der gefährlichste Mensch der Welt“?

Daran hatte der junge Multimilliardär mit seinen Auftritten durchaus maßgeblichen Anteil.  Legendär war etwa vor ziemlich genau zehn Jahren Zuckerbergs „Meltdown-Moment“ – jener Augenblick, als er auf der Bühne der Tech-Konferenz D8 in Angstschweiß ausbrach und sich bis auf die Knochen blamierte. Kara Swisher, die damalige Co-Chefin des Tech-Portals AllThingsD, aus dem später re/code werden sollte, zog dem Facebook-Chef buchstäblich den Hoodie aus.

Weitaus schwerwiegender als ungeschickte öffentliche Auftritte wog seit jeher jedoch Zuckerbergs eigentümliches Verständnis von der Privatsphäre seiner Nutzer, die er nicht nur mit immer neuen Einstellungen in seinem Netzwerk verwirrte, sondern von allem mit der Nutzung ihrer Daten, wie der große Skandal um Cambridge Analytica und Facebooks Rolle bei der US-Wahl offenbarte. (Mark Zuckerberg: „Die Idee, dass Fake News auf Facebook die Wahl beeinflusst haben, ist ziemlich verrückt.“) Marketing-Guru Scott Galloway nannte Zuckerberg in der Folge „den gefährlichsten Menschen der Welt“. 

Mark Zuckerberg störte sich am Gegenwind wenig. Er verfiel nach so ziemlich jedem größeren Skandal immer wieder reflexartig in die wenig glaubwürdige Büßerpose: Es wurde zugegeben, was zugegeben werden musste, sich entschuldigt, ein bisschen Besserung gelobt – doch im unübersehbaren Dickicht von inzwischen mehr als 2,5 Milliarden Nutzern schien ohnehin eher schneller als langsamer Gras über jeden PR-Skandal zu wachsen.

Für Zuckerberg schien die auch bislang schwerste Krise gut auszugehen – wieder einmal. Zwar wurden Facebook Milliardenstrafen für den Umgang mit Nutzerdaten aufgebrummt, doch Zuckerberg überstand das Stahlbad weitgehend unbeschadet. Am besten in Erinnerung aus der Causa Cambridge Analytica blieb Zuckerbergs legendärer Konter in der US-Senatsbefragung: „Senator, we run ads“. 

Das verschmitzte Grinsen, das sich der heute erst 36-Jährige am Ende doch nicht ganz verkneifen konnte, kann man stellvertretend für sein Weltbild interpretieren: Wer zuletzt lacht, lacht man besten – und das war in den vergangenen 16 Jahren immer Facebook.

„Teflon Zuckerberg“

Klar wurde irgendwann in den vergangenen Jahren, dass an „Teflon Zuckerberg“ jede noch so beharrliche Kritik abperlte – er wurde zum Silicon Valley-Äquivalent von Donald Trump. Und mehr noch: Zuckerberg, der – anders als etwa Amazon-CEO Jeff Bezos – von der Schelte des amtierenden US-Präsidenten bislang weitgehend ausgespart wurde, ist in der jüngeren Vergangenheit durchaus überraschend durch Trump-freundliche Aussagen und Aktionen aufgefallen. 

Anders als die Social Media-Rivalen Twitter und Snap, die jüngst auf kontroverse Aussagen des US-Präsidenten (etwa: „Wenn das Plündern beginnt, beginnt das Schießen“) mit der Einführung von Faktenchecks (Twitter) bzw. der Verbannung aus dem Discover-Bereich (Snapchat) reagierten, will Zuckerberg nicht gegen umstrittene Äußerungen von Donald Trump vorgehen. „Ich glaube einfach fest daran, dass Facebook nicht der Schiedsrichter über die Wahrheit bei allem sein sollte, was die Leute online sagen“, erklärte Zuckerberg vorvergangene Woche ausgerechnet gegenüber dem konservativen TV-Sender Fox News.

Zuckerberg spaltet Facebook

In einem Facebook-Post rechtfertigte sich der 36-Jährige weiter: „Meine Verantwortung ist es, nicht nur persönlich zu reagieren, sondern als Chef einer Institution, die sich der Redefreiheit verschrieben hat“, schrieb der CEO des drittwertvollsten Internetkonzerns in der vergangenen Woche. 

This has been an incredibly tough week after a string of tough weeks. The killing of George Floyd showed yet again that…

Posted by Mark Zuckerberg on Friday, May 29, 2020

Doch Zuckerbergs Versuch, um jeden Preis Neutralität zu wahren, kommt in diesen bewegten Tagen mit nunmehr seit zwei Wochen andauernden Unruhen in den USA denkbar schlecht an – sowohl medial als auch in der eigenen Belegschaft.   

Sogar 140 Wissenschaftler der Chan Zuckerberg-Stiftung wandten sich am Wochenende in einem offenen Brief an ihren Finanzier und erklärten, die Verbreitung von „absichtlichen Fehlinformation“, wie sie auf dem weltgrößten Social Network möglich sei, stehe im Widerspruch zu ihrer Arbeit.

Galloway über Zuckerbergs Motivation: „Wie bekomme ich die Aktie hoch?

Für Scott Galloway ist die Motivation hinter Zuckerbergs Weigerung, Beiträge auf dem weltgrößten Social Network stärker zu kontrollieren, schnell erklärt. „Jede Handlung, jede Entscheidung, die er je gefällt hat, deutet auf eine Zielsetzung hin: Wie bekomme ich die Aktie hoch. Deswegen lieben ihn Anleger“, erklärte Galloway Ende vergangener Woche im Pivot-Podcast mit Kara Swisher.

Tatsächlich steht Facebook so gut da wie nie zuvor: Die Werbeeinnahmen ziehen weiter zweistellig an, die Aktie notiert trotz der Corona-Krise bemerkenswerterweise auf neuen Allzeithochs, die Facebook zum 650 Milliarden Dollar schweren Koloss und Mark Zuckerberg mit 85 Milliarden Dollar zum siebtreichsten Mann der Welt machen.

Zuckerbergs Kalkül ist dabei nur allzu offensichtlich: Ähnlich wie Tim Cook bei Apple versucht der Facebook-Chef, sich mit der Trump-Administration so gut wie möglich zu stellen, um einer möglichen kartellrechtlichen Zerschlagung zu entgehen, wie sie etwa die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Elizabeth Warren gefordert hatte.

FT: „Facebook kann es sich nicht leisten, die Regierenden des Landes zu verärgern“

„Wenn es so groß und unkontrolliert bleiben will, kann es sich Facebook nicht leisten, die Regierenden des Landes zu verärgern, so abscheulich ihre Handlungen auch sein mögen“, folgert die Financial Times am Wochenende in einem Meinungsbeitrag. Kolumnist Rana Forooshar sieht bereits den Beginn einer „oligarchischen Symbiose“.

Doch nach 16 Jahren in der Chefrolle, droht Zuckerberg sich diesmal zu verzocken. Moralisch scheint Facebook mit seiner betonten Laissez-faire-Haltung in einer der prägendsten Perioden der jüngeren amerikanischen Zeitgeschichte eben auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.

Politisch möglicherweise ebenfalls: Wenn man den jüngsten Umfrageergebnissen trauen kann, scheint die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Trump-Präsidentschaft inzwischen täglich zu schwinden. Die gefühlt überfällige Abrechnung mit dem weltgrößten Social Network könnte unter einem demokratischen Präsidenten Biden und einem entsprechend progressiven Kabinett unerwartet heftig ausfallen. Der perfekte Sündenbock wäre Facebooks streitbarer CEO allemal.

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