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Die Kai-Blasberg-Kolumne

„Weniger als in anderen Ländern“

Kai Blasberg – Zeichnung: Bertil Brahm

Alle Not kommt vom Vergleichen, sagte mal Kierkegaard. Stimmt leider. Und gerade in Pandemie-Zeiten pflegen die Medien diesen Kretin-Sport
mit wirklich hingebungsvoller Liebe. Kai Blasberg ist Geschäftsführer von Tele 5 und macht am liebsten das, was ihm selbst gefällt. Meinungen verzapfen etwa. Jetzt auch bei MEEDIA.

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Von Kai Blasberg

3 ist mehr als 2. 1,90 ist größer als 1,70. 5:0 ist höher als 3:0. Verstehen Sie? 300 ist besser als 2000. 2,6 kann phantastisch sein. 13,2 aber enttäuschend. Verstehen Sie? Die Antwort auf die Fragen ist: Nein. Der Leser aber meint: Ja (seien Sie ehrlich). Und das ist das Problem. Zahlen. Zahlen fluten unser Hirn. Zahlen werden benutzt. Zahlen scheinen zu erklären. Dabei sind Zahlen von Menschen erdachte Schöpfungen, die Maß und Orientierung dem geben soll, wo meist tiefe Verschiedenheit die Dinge unfassbar erscheinen lässt.

„Schluchtenscheißer“

Die Überschrift dieser Kolumne wurde in diesen Corona-Tagen der Kronen Zeitung aus unserem seltsamen Nachbarland Österreich entlehnt. Ähnlich wie die Ober-und Niederbayern leiden die „Schluchtenscheißer“, wie sie sich selber nennen oder genannt werden – so genau müssen wir hier nicht sein – unter multiplen Minderwertigkeitskomplexen hinsichtlich Ihrer Vergangenheit (Sissi), Ihrer Vergangenheit (1938) und Ihrer Vergangenheit (Kurt Waldheim). Ihre Gegenwart (Nationalmannschaft, Ibiza, Ischgl) hilft ihnen auch nicht, also versteigt sich das Skilehrer-Volk zu Vergleichen, für die arglose Zahlen allerbestens geeignet scheinen. So meinte der Schreiber besagter Überschrift anmerken zu müssen, dass es in Österreich weniger Tote durch Corona gäbe als in anderen Ländern. Nun sollte man das in Österreich ja gewohnt sein, weil da nahezu alles weniger ist. Außer vielleicht die Ohren des Kinder-Kanzlers. Die sind allerdings, im Gegensatz zu Toten schwer in Zahlen zu erfassen.

Wenn man als irgendein Land weniger Tote hat als irgendein anderes Land, hat man immer noch Tote – mit teils furchtbaren Schicksalen. Aber abgesehen davon liefert man in diesem Vergleich nichts anderes als dummdreiste Ignoranz, die nach Ätschibätsch und Fingerpointing riecht: Seht mal, wir sind besser als ihr. Bei uns sterben weniger. Dämlich, und ohne einen Hauch von Demut. Die arme Zahl ist ohne Schuld, da der, der sie verwendet entweder böse oder doof ist. Beides ist besonders schlimm.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Oder auch: nur Pflaumen vergleichen Äpfel mit Birnen. Doch das ist die Krux unserer Zeit: Überall tauchen Zahlen für Vergleiche, Forecasts, Schätzungen, Vorhersagen, Prognosen, Planungen und Indizes auf.

Das zarte Pflänzlein Zahl

Überall muss dies zarte Pflänzlein Zahl sein gebeugtes Haupt hinhalten, damit talentfreie Verpester des öffentlichen Raums ihr kümmerliches PR-Tagwerk verrichten können. Da stehen plötzlich vorher gänzlich unbekannte internationale Scheinriesen (Johns-Hopkins) unserer vermeintlich Bekannten nationalen Liebelei (Robert-Koch) im Dauerstakkato der stündlich aktualisierten Opferzahlen in der virologischen Sonne, und der Deutschlandfunk vermeldet so fleißig wie hilflos nach Nennung der Zahlen die Erklärung der Unterschiedlichkeit derselben mit: Die Zahlen sind unterschiedlich, weil sie unterschiedlich sind. Aber keiner weiß, warum.

Überaus massiv ist dieser Kretin-Sport des Dauervergleichens an der Börse anzutreffen, wo von jeher sinnlos schwafelnde Wirtschaftsmoderationsjournalisten (auch ein besonderes Paradoxon) kurz vor der Tagesschau seit 20 Jahren erklären, dass niemand nichts weiß und es alles recht schwer zu erklären ist, was die Maschinen im Hintergrund wieder in Nanosekundentaktungen den ganzen Tag fabrizieren. 

Wohlgemerkt vor einem Millionenpublikum, das gesichert seine kargen divitiae nie in Aktien band. 

Die Botschaft nun am Ende dies viel zu kurzen Textes: Obacht bei Zahlen, die durch fremde Hirne flossen. Sie stimmen nicht. 

Nur im Sport. Da wissen wir:

Basketball (103:89) ist mehr also besser als Handball (28:25) ist mehr also besser als Fußball (3:1), während Fußball (8,7 Millionen Zuschauer) mehr also besser als Handball (420.000 Zuschauer) also mehr also besser als Basketball (210.000 Zuschauer) ist.

Verstanden?

Ich helfe Ihnen.

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