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Eigentlich sollten sie erwachsen werden: Was das Neon-Aus über die sich verändernde Magazin-Landschaft aussagt

Neon-Gründungs-Chefs Timm Klotzek und Michael Ebert, die letzte Neon-Chefredakteurin Ruth Fend: Ende eines Lebensgefühls?
Neon-Gründungs-Chefs Timm Klotzek und Michael Ebert, die letzte Neon-Chefredakteurin Ruth Fend: Ende eines Lebensgefühls?

War es nun "jahreslanges verlegerisches Missmanagement", wie der kurzzeitige stern-Chefredakteur Dominik Wichmann meint, oder war es das natürliche Ende eines Produktzyklus, der für das Aus von Neon verantwortlich ist? Für die Verlage insgesamt wäre es sogar beruhigender, wenn "nur" Missmanagement verantwortlich wäre, denn das ließe sich am leichtesten beheben. Vermutlich liegt die Wahrheit aber dazwischen.

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Natürlich hat der Verlag Gruner + Jahr bedeutsame Fehler gemacht bei Neon. Als 2013 die neue Strategie ausgerufen wurde, G+J zum „House of Content“ umzubauen und die verschiedenen Medieninhalte in so genannten „Communities of Interest“ zu bündeln, wurde das blühende Münchner Magazin-Gewächs Neon recht brutal nach Hamburg verpflanzt. Dort wollte es dann nicht mehr so recht gedeihen. Die beiden Gründungschefs Timm Klotzek und Michael Ebert, die für Neon erfolgreich den Lebenswelt-Journalismus der Mitt- bis Endzwanziger erspürt hatten, waren da schon zurück beim SZ Magazin. Unter dem neuen Chef-Tandem Vera Schröder und Patrick Bauer lief Neon in München aber geräuschlos weiter. Die Auflage lag zwar nicht mehr bei den fast schwindelerregenden 250.000 Exemplaren aus dem Rekordjahr 2011, war aber immer noch äußerst kommod.

Der erzwungene Umzug war dann, so muss man das im Rückblick bewerten, eine ziemliche Fehlentscheidung. Die Hälfte der Redaktion machte nicht mit, darunter die beiden Chefs. Es zeigte sich zur Überraschung der Hamburger Verlagsmanager, dass eine Redaktion, zumal eine, die ein so gefühliges Heft wie Neon herstellt, eine sensible Sache sein kann. Bei dem Fußball-Magazin 11 Freunde waren die Gruners vorsichtiger und klüger vorgegangen. Zu dem Kapitalfehler Umzug kam bei Neon dann noch eine personelle Fehlentscheidung, als 2015 Nicole Zepter zur Chefredakteurin gemacht wurde. Sie fremdelte mit der Redaktion, es knirschte immer vernehmlicher, Titel rauschten am Kiosk ab, der Neon-Niedergang gewann an Dynamik. Das ist es wohl, was der kurzzeitig als stern-Chef bei G+J gewesene Dominik Wichmann meint, wenn er von Missmanagent twittert:

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Das alleine war es aber wohl auch nicht. In ihrem Abschiedsbrief an die Neon-Leser schreibt die nunmehr letzte Chefredakteurin Ruth Fend:

Liebe Leserinnen und Leser, wir würden wahnsinnig gerne weiter ein Heft für euch machen, mit all der Leidenschaft, mit der wir es noch immer jeden Monat tun. Aber ihr seid zu wenige geworden. Denjenigen, die sich verabschiedet haben, sind nicht genügend Jüngere gefolgt. Die heute 20-Jährigen haben neue Lebensbegleiter gefunden, im Zeitschriftenregal, aber auch im Netz, unter anderem bei den digitalen Angeboten von Neon. Diese sind in den vergangenen Monaten stark gewachsen und werden deshalb weiter ausgebaut. Die gute Nachricht lautet also: Neon lebt!

Da ist natürlich viel Zweck-Optimismus dabei. Aber dass jüngere Medienmarken wie Neon nicht mehr solche Dauerläufer sind wie Traditionsmarken vom Schlage stern oder Spiegel, ist auch nicht von der Hand zu weisen. Das Zeitschriftengeschäft hat sich tatsächlich gewandelt und ist heute stärker denn je auch Moden und Trends unterworfen. Und wenn solche Trends sich verändern oder verschwinden, wird es auch für die Magazine eng, die daran angeknüpft hatten. Besonders augenfällig ist das bei Themen wie etwa dem E-Bike. Ob es in zehn Jahren noch Magazine geben wird, die sich fast ausschließlich mit den elektrifizierten Zweirädern befassen? Fraglich. Neon war aber nun kein Special Interest-Heft, das auf einen möglicherweise kurzlebigen Konsumtrend aufgesprungen ist. Das Kunststück bei Neon war, dass die beiden Macher Klotzek und Ebert es schafften, das Lebensgefühl einer Generation zu identifizieren und in eine Zeitschrift zu gießen. Am sinnfälligsten wurde dies im allerersten, genialen Neon-Claim „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“. Irgendwann verschwand der Spruch und Stück für Stück entschwand wohl auch die Zielgruppe.

Mit mehr Geschick hätte der Verlag Gruner + Jahr die Magazin-Marke Neon vermutlich länger am Leben erhalten können. Gut möglich, dass es aber früher oder später so oder so mit dem Zentralorgan für Twentysomethings zu Ende gegangen wäre. Bei Gruner wollen sie nun schneller Trends erkennen und Magazine dafür schaffen. Beispiele sind das Wohlfühl-Heft Hygge oder eben auch das neue Jungmänner-Magazin JWD., das auf die noch zu beweisende Zugkraft von TV-Nase Joko Winterscheidt setzt. Diese neue Art, Magazine zu denken, schließt mit ein, dass es bei vielen Neugründungen auch schneller und öfter zu Einstellungen kommen kann und kommen wird. Daran müssen sich die Branche und die Leserschaft vielleicht erst noch gewöhnen.

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Alle Kommentare

  1. Wer auf politische Agitation stand, hatte für NEON sicher ein Herz. Dummerweise gabs für das Klientel dann aber doch zu wenig Bilder bzw. zu viel Blabla und die paar Artikel von Stern, Zeit und SZ Journaille auf Beate Uhse Niveau ( sorry, Frau Uhse) mit Intimschmuck, Intimrasur, Sex mit einem oder mehreren Ausländer hat wohl nur die Fantasie der Schreiberlinge selbst erregt und hat vielleicht auch den Zeitgeist nicht überlebt.
    Auch der Qualitätsjournalismus über Trumps Klamotten oder Putins Hobbys haben das Niveau nicht wirklich retten können. Kein Verlust.
    Es gibt ja schließlich noch SZ, Zeit und Spiegel etc. wer sich weiterhin dem Lesermasoschismus hingeben will.

  2. Mein Gott- WEN wundert DAS denn ? Hat mal jemand versucht das Heft zu LESEN ? Diese ranschmeiserische „Du, da Du“- das hat ja schon Viva nicht lange überlebt. Die waren ja genauso unerträglich. Wie kann so etwas denn anders als -„mis- managen ?!

  3. Zeitgeistmagazine haben ihre Zeit, das war bei der Twen, beim Tempo und bei der Max genauso. Jetzt braucht es ein frisches, neues Zeitgeistmagazin. Ich glaube, die Zeit von Print ist nicht vorbei.

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