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ORF-Anchor Wolf über Klage gegen FPÖ-Chef: „Strache ist Vizekanzler und nicht Satiriker“

Armin Wolf (links) möchte gegen das Facebook-Posting von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache juristisch vorgehen
Armin Wolf (links) möchte gegen das Facebook-Posting von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache juristisch vorgehen

Der Streit zwischen dem ORF und dem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat neue Höhen erreicht: Der Politiker hatte den wohl bekanntesten Journalisten des Landes Armin Wolf in einem Facebook-Posting der Verbreitung von Fake News bezichtigt. Im Gespräch mit MEEDIA spricht der renommierte Journalist über die Hintergründe des Streits, redaktionelle Konsequenzen und die Zukunft des ORF.

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Herr Wolf, Österreichs Vizekanzler hat sich persönlich bei Ihnen entschuldigt und betont, dass das Posting nicht gegen Sie gerichtet gewesen sei, lediglich gegen den ORF und seine Berichterstattung. Außerdem stand ausdrücklich „Satire“ darüber. Was sagen Sie zu dieser auch für die Öffentlichkeit einsehbaren Entschuldigung?
Herr Strache hat auf Facebook geschrieben, dass es ihm leid tue, wenn ich mich von dem Posting betroffen fühle, es sei „nicht personenbezogen“ gewesen. Ich muss sagen, es fällt ein bisschen schwer, sich nicht betroffen zu fühlen, wenn das eigene Foto das ganze Plakat ausfüllt und der eigene Name der einzige ist, der auf dem Plakat steht. Und da das Fake-Plakat noch immer online steht, fällt mir auch schwer, zu glauben, dass er eine Entschuldigung ernst meint.

Welche Worte haben Sie in dem besagten Gespräch an Strache gerichtet?
Als mich Herr Strache angerufen hat, habe ich ihm gesagt, dass ich die gegenwärtige Kampagne der FPÖ gegenüber dem ORF und gegenüber einzelnen Journalisten für extrem problematisch halte.

Sie haben gegenüber dem Standard rechtliche Schritte angekündigt und sagten im Gespräch: „Und dabei geht es nicht um diese Rechtsfrage, denn dass Herr Strache für dieses Posting verurteilt werden wird, ist ja überhaupt keine Frage.“ Wieso sind Sie sich da so sicher?
Entschuldigung, aber als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, war Herr Strache Vizekanzler und nicht Satiriker. Und natürlich können Sie nicht einfach jemandem klagbare Dinge öffentlich unterstellen und meinen, wenn sie dazu „Satire“ sagen und zwinkern, wäre es plötzlich legal. Ich würde nicht klagen, wenn mir nicht Juristen versichert hätten, dass das so wirklich nicht geht.

Sie sagten ebenfalls: „Die Attacken der FPÖ – einer Regierungspartei – auf unabhängige Medien und ihre persönlichen Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten erreichen mittlerweile ein demokratiepolitisch wirklich bedenkliches Ausmaß.“ Was meinen Sie damit konkret?
Damit sind vor allem die vergangenen Wochen gemeint. Die FPÖ hat den ORF schon immer gerne attackiert und Journalistinnen und Journalisten als „linkslinke Jagdgesellschaft“ und ähnliches verunglimpft, aber in den letzten Wochen sind diese Angriffe sehr viel intensiver geworden. Vor allem auch kombiniert mit einer FPÖ-Kampagne zur Abschaffung der ORF-Gebühren, die von der größten Boulevardzeitung (Kronen Zeitung, Anm. d. Red.) im Land massiv unterstützt wird.

Die FPÖ-Poltiker werfen dem ORF vor allem bei Berichten über jene Partei parteiische und feindselige Berichterstattung vor  – und das seit ihrer Zeit in der Opposition, mit Erfolg. Was setzen Sie als unabhängige Journalisten dagegen?
Gewissenhafte, korrekte, unparteiische journalistische Arbeit. Alle Parteien in Österreich beklagen sich, sie würden im ORF zu schlecht wegkommen. Das scheint mir ein ganz guter Beleg für unsere grundsätzliche Ausgewogenheit zu sein.

Der ORF hat einige Fehler in der jüngeren Vergangenheit gemacht, zum Beispiel bei der Berichterstattung über die FPÖ-Politiker Norbert Hofer und Markus Abwerzger. Der Sender hat diese auch zugegeben. Wie erklären Sie sich diese groben Patzer?
Die TV-Nachrichtenredaktion des ORF in Wien produziert am Tag 20 Nachrichtensendungen, dazu kommen noch die Regionalsendungen der neun Landesstudios. Jeden Tag hunderte Beiträge. Da passieren – leider – auch Fehler. Die sollten alle nicht vorkommen und wenn sie vorkommen, gehören sie korrigiert und wir müssen uns dafür entschuldigen.

Inwieweit können Sie die kritischen Stimmen gegenüber dem ORF aufgrund solcher Fehler nachvollziehen?
Ich verstehe, dass man den ORF – an den die Zuseher mit Recht hohe Standards anlegen – dafür kritisiert. Ich habe allerdings in drei Jahrzehnten als ORF-Journalist noch nie erlebt, dass ein Minister die Abschaffung der ORF-Gebühren gefordert hat, weil er in einem Beitrag von eineinhalb Minuten über eine Verhandlung, in der de facto wenig beschlossen wurde, nicht vorkam.

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Dennoch handelt es sich bei den Fehlern um Steilvorlagen für die rechtspopulistische Partei. Welche redaktionellen Konsequenzen ziehen Sie aus den jüngsten Ereignissen?
Wir werden uns noch mehr bemühen. Und unsere Redakteursvertretung möchte in einem Arbeitskreis auch Ideen für eine „bessere Fehlerkultur“ erarbeiten. Ich bin überzeugt, dass gerade wir Öffentlich-Rechtliche beim Umgang mit eigenen Fehlern vorbildlich sein müssen. Wir werden sie – leider – nie ganz vermeiden können, denn in einem Unternehmen, in dem über 3.000 Menschen arbeiten, wird mal irgendwo etwas schiefgehen. Aber wir müssen damit besonders selbstkritisch und transparent umgehen.

Die FPÖ möchte die „Zwangsgebühren“ abschaffen und fordert einen objektiven, neutralen Rundfunk. Wie schätzen Sie die Situation des ORF in der Öffentlichkeit ein?
Der ORF hat im Radio einen Marktanteil von über 70 Prozent, unsere Hauptnachrichtensendung im Fernsehen hat einen Marktanteil von knapp 50 Prozent und meine Sendung, die ZiB2, erreicht in einem Land mit acht Millionen Einwohnern jeden Abend um 22 Uhr mehr als 600.000 Zuseher. Die ORF-Website ist der mit Abstand populärste Online-Auftritt eines Mediums in Österreich.

Hat der Sender noch eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung?
Ich denke schon, dass uns sehr, sehr viele Menschen schätzen. Aber wir müssen mehr als in der Vergangenheit auch vielen erklären, warum es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk braucht und warum er eine monatliche Gebühr wert ist.

Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich wird viel diskutiert. Die ÖVP verweist auf eine „Medienenquete“ im März. Strache hat sich dagegen bereits geäußert und fordert Optimierungen bei der Objektivität. Welche Konsequenzen könnte die Debatte für den Sender haben?
Ich habe ehrlich keine Ahnung, wäre aber wirklich froh, wenn den Medienpolitikern im Land bewusst wäre, wie wichtig der ORF für ein kleines Land wie Österreich ist, dessen Fernsehmarkt sonst von deutschen Kommerzsendern dominiert wäre, die nach Österreich einstrahlen, und die mit ihren Werbefenstern schon jetzt gleich viel Werbeumsatz in Österreich machen wie der ORF, obwohl sie keine Minute österreichisches Programm produzieren.

Hierzulande gibt es ebenfalls seit geraumer Zeit vermehrt kritische Stimmen, die von Lügenpresse und Mainstream-Medien sprechen. Wo erkennen Sie Parallelen zu Deutschland?
Parallelen sehe ich teilweise in der Aggressivität der Attacken, wenn ich manchen AfD-Politikern zuhöre. Der große Unterschied ist allerdings, dass die FPÖ bei uns in der Koalition sitzt und diese Regierung jedenfalls ein neues ORF-Gesetz beschließen will.

Was können Journalisten in der alltäglichen Arbeit tun, damit nicht bei jedem Fehler der Vorwurf Fake News gebracht wird?
Möglichst genau arbeiten, möglichst wenige Fehler machen – und wenn sie doch passieren: Transparent sein, korrigieren, entschuldigen. Ich habe ja grundsätzlich ein Lieblingszitat, von Samuel Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Das ist im Leben allgemein ein super Ansatz, in der Arbeit sollten wir allerdings so selten wie möglich versagen.

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