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Wochenrückblick: der erwartete Abgang von Bild-Chefin Koch und Anja Reschkes Abrechnung mit dem Fernsehpreis

Tanit Koch, Arnd Henze, der Deutsche Fernsehpreis, Focus Money
Tanit Koch, Arnd Henze, der Deutsche Fernsehpreis, Focus Money

Der Abgang von Tanit Koch als Bild-Zeitungs-Chefredakteurin wurde begleitet von einer ungewohnt deutlichen Pressemitteilung. Die ARD-Journalistin Anja Reschke rechnete gnadenlos mit dem Deutschen Fernsehpreises ab. Euphorische Tweets vom Parteitag der Grünen brachten ARD-Hauptstadtstudio-Leiterin Tina Hassel Ärger ein. Und Focus Money bettelt auf der Titelseite um die Kaufgunst potenzieller Leser. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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So richtig überraschend war das heute nicht, dass der Abgang von Tanit Koch bei der Bild verkündet wurde. Dass die Chemie zwischen ihr und dem sehr machtbewussten Julian Reichelt nicht die beste war, war beileibe kein Geheimnis in der Branche. Auch in der Kommunikation zu Kochs Abgang wird der Dissens zwischen den beiden Top-Journalisten nicht verschleiert. Springer-Chef Döpfner sagt: „Die Verantwortungskonstellation in der Chefredaktion war zwar gut gemeint, hat aber in der Praxis nicht funktioniert, weil diese Aufstellung nicht zu Bild passt. Bild braucht ganz klare Verhältnisse.“ Gut gemeint, schlecht gemacht. So deutliche Worte liest man selten in einer Verlagsmitteilung. Letztlich ist es aber doch schade, dass Tanit Koch als erste Frau an der Spitze der Bild-Zeitung gescheitert ist. Einst protegiert von Bild-Ex-Regent Kai Diekmann wurde ihre Berufung an die Bild-Spitze vom Verlag groß gefeiert. Die Bild gab sich damit einen modernen Anstrich. Es war aber letztlich wohl doch nur ein Anstrich und kein echter Kulturwandel beim obersten Macho-Medium der Republik. Tief blicken ließ schon die Tatsache, dass in der Neuauflage des Bild-Buchs zum 65. Geburtstag der Zeitung Tanit Kochs Name aus der Liste der Bild-Chefredakteure gestrichen war. Nicht einmal das hatten ihre Gegner im Verlag ihr gegönnt: die Nennung in einer Liste mit Bild-Chefredakteuren. Schlechter Stil und eigentlich auch ziemlich unsouverän. Für den im Machtkampf siegreichen Julian Reichelt hat die Sache zwei Seiten. Er hat jetzt die uneingeschränkte Kommandogewalt (so würde er es vielleicht ausdrücken). Damit ist er nun aber auch uneingeschränkt verantwortlich. Und zwar auch für das sehr schwierige Print-Geschäft.

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Haben Sie diese Woche auch den Deutschen Fernsehpreis geguckt und sich aufgeregt? Ach ne, Moment: Der Deutsche Fernsehpreis wird ja gar nicht im Fernsehen gezeigt. Die NDR-Journalistin und Moderatorin von „Panorama“ und „Zapp“, Anja Reschke nennt in einem Video-Kommentar gute Gründe, warum es vielleicht sogar besser war, dass der Fernsehpreis nicht im Fernsehen lief. So wurde die Verleihung, bei der die Sky/ARD-Serie „Babylon Berlin“ der große Abräumer war, von einem peinlichen Tanz von Moderatorin Barbara Schöneberger (Gibt es wirklich, niemand anderen? Gar niemanden?) mit fast nackten Tänzerinnen in Bananen-Röckchen-Kostümierung eröffnet. Schon klar: Das soll eine Anspielung auf das Berlin der 20er-Jahre aus „Babylon Berlin“ gewesen sein. In Zeiten von #metoo hätte einem aber nur ganz vielleicht auch was anderes einfallen können. Reschke räsoniert dann weiter, dass fast alle Preisträger mal wieder männlich waren, mit Ausnahme einer Kategorie: Beste Einzelleistung Information. Nominiert waren mit Caren Miosga („Tagesthemen“), Marietta Slomka („heute journal“) Dunja Hayali drei Frauen. Und wie wurde die Kategorie angekündigt: Barbara Schöneberger sang zu Bildern von Claus Kleber: „Das bisschen Info ist doch nicht so schlimm, sagt der Claus“ auf die Melodie des Uralt-Schlagers „Das bisschen Haushalt …“ Fazit von Anja Reschke: „Allen also, die sich beschwert haben, dass ausgerechnet der Fernsehpreis nicht im Fernsehen übertragen wird, was an sich natürlich ein Witz ist, all denen kann ich nur sagen: Seien Sie froh. Die Fernsehbranche hat nichts zu sagen!“ Die Sache hat einen unerfreulichen und einen erfreulichen Aspekt. Unerfreulich ist, dass der Fernsehpreis vor der Öffentlichkeit versteckt wird, und zwar offensichtlich zurecht. Erfreulich ist, dass es in der ARD-Stimmen gibt wie Anja Reschke, die genau das gnadenlos kritisch aufspießen.

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Gut also, dass es die ARD gibt! Denn sonst würde dort nicht die kritische Frau Reschke arbeiten und ich hätte nix, womit diese Kolumne zu füllen wäre. Denn die ARD sorgte in dieser Woche für Aufregung und Gesprächsstoff. Nach dem Bundesparteitag der Grünen twitterte die Chefin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, geradezu euphorisch über die Wahl des neuen Grünen-Spitzenduos Robert Habeck und Annalena Baerbock:

Es gab noch eine Reihe weiterer Tweets, die in der Gesamtschau den Eindruck erwecken konnten, dass da eine Parteifunktionärin twittert und keine gestandene ARD-Journalistin. Entsprechend kochte eine Empörungswelle hoch, die Hassels ARD-Kollegen Arnd Henze, der sich ebenfalls begeistert geäußert hatte, mitnahm. Henze sprach dann auch noch einen sehr freundlichen Kommentar über den Grünen-Parteitag in den „Tagesthemen“.

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Was ist davon zu halten? Zunächst einmal ist vollkommen klar, dass jeder, auch ARD-Journalisten, das Recht auf eine eigene, auch politische Meinung haben und diese auch kundtun dürfen. Wenn dies im Rahmen eines ausgewiesenen Kommentars geschieht, ist dies sogar wünschenswert. Trotzdem hatte auch ich beim Lesen vor allem der Hassel-Tweets ein komisches Gefühl. Warum? Man muss sich wirklich mehrere ihrer Tweets vom Parteitag untereinander durchlesen. Das liest sich vom Ton her in der Tat so, wie das auch ein Pressesprecher der Grünen hätte twittern können. Ralf Stegner twittert auch nicht anders über die SPD. Tina Hassel rechtfertigte ihre Tweets gegenüber MEEDIA so:

Wir twittern seit Jahren von den Parteitagen aller Parteien und konzentrieren uns dabei ergänzend zu den Beiträgen für Tagesschau und Online vor allem auf atmosphärische Beobachtungen  und Eindrücke. Der Grünen Parteitag stand unter der Frage, ob es ein Signal des Aufbruchs und der Erneuerung geben würde. Was unsere Einschätzung vom Grünen-Parteitag angeht, gibt es eine große Übereinstimmung anderer Zeitungskollegen vor Ort – von SZ über Zeit bis zur Welt, die sich nun an die Spitze der Kritik gestellt hat. Gerade in Zeiten von zunehmender Politikverdrossenheit halten wir es für legitim, auch positiv zu würdigen, wenn einer Partei ein Führungs- und Generationswechsel souverän gelingt. Sie können sicher sein, dass wir den weiteren Weg der Grünen kritisch begleiten und an den geweckten Erwartungen messen werden.

Natürlich darf und soll man positiv berichten, wenn es dazu Anlass gibt. Aber der Ton ist hier problematisch. Und möglicherweise noch etwas anderes. Jochen Bittner schrieb dazu bei Zeit Online:

Ja, natürlich darf die ARD politische Aufbrüche würdigen. Nur erklärt diese Rechtfertigung einen auffälligen Doppelstandard nicht: Bei anderen Parteien finden twitternde ARD-Redakteure Führungs- und Generationswechsel ganz und gar nicht großartig. So schrieb Mitte Dezember die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich auf dem Twitter-Account der Tagesthemen zu einem Bild, auf dem der neu gewählte österreichische Bundeskanzlers Sebastian Kurz neben einen bewaffneten Maskenträger montiert worden war: „Warum sieht der da vorne wie ein Pimpf aus?“ Dass ARD-Journalisten die Wahl von Alice Weidel – die immerhin zehn Jahre jünger ist als Robert Habeck – zur AfD-Co-Vorsitzenden bejubelt hätten, ist ebenfalls nicht überliefert. Die Behauptung, es sei der ARD um die Würdigung eines politischen Neustarts als solchem gegangen, ist so offenkundig heuchlerisch, dass man der Sendeanstalt für diese Art der Transparenzschaffung auch schon fast wieder dankbar sein könnte.

Da kann man mal drüber nachdenken, auch ohne auf den aktuellen Shitstorm aufzuspringen.

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Medien haben es nicht leicht, Printmedien zumal. Auflagenverfall, Kostendruck, das ganze Programm. Besonders gebeutelt scheinen die Kollegen von Focus Money zu sein, die auf dem Titel nun zu wirklich drastischen Maßnahmen greifen:

Ihnen allen ein wunderbares Wochenende – bitte unbedingt entspannen!

PS: Auch diesmal wieder der Hinweis auf die aktuelle Folge des Podcasts „Die Medien-Woche“ von Christian Meier und mir. In dieser Folge spreche ich u.a. mit der wunderbaren Anja Rützel über das zu Ende gehende Dschungelcamp und ihr neues Buch, das von der Einsamkeit handelt. Viel Spaß beim Reinhören!

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