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MEEDIA-Wochenrückblick: Wie die Bild die Kika-Flüchtlings-Love-Story zum Skandal hochschreibt

In diesem Wochenrückblick: Der „Skandal“ um eine Kika-Doku, schon wieder ein gemalter Trump, ein kreativer Abschied von Brigitte
In diesem Wochenrückblick: Der "Skandal" um eine Kika-Doku, schon wieder ein gemalter Trump, ein kreativer Abschied von Brigitte

In der Berichterstattung über eine falsche Altersangabe in einer Kika-Doku über die Liebesbeziehung eines deutschen Mädchens zu einem Flüchtling, schießt die Bild deutlich über das Ziel hinaus. Eine Brigitte-Autorin verabschiedet sich kreativ von ihrem Blatt. Und Edel Rodriguez produziert Trump-Cover in Dauerschleife. Der MEEDIA-Wochenrückblick:

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Als ich Bild-Chef Julian Reichelt 2016 zum Interview traf, fragte ich ihn unter anderem, ob es „die böse Bild“ noch gibt. Reichelt antwortete damals, dass es „die böse Bild“ nicht gebe, nur eine „unberechenbare, aggressive Bild. Eine Bild, die auch mal hart zuschlagen kann, wenn wir es für richtig halten“.

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube in dieser Woche hat die „böse Bild“ dann doch so ein bisschen ihr Haupt erhoben. Es geht um diese unselige Geschichte mit der Doku im ARD/ZDF Kinderkanal, „Malvina, Diaa und die Liebe“, die bereits im November ausgestrahlt und vor allem dank fleißiger Bild-Berichterstattung mittlerweile zum angeblichen Skandal hochgegeigt wurde. In der Doku wird die Liebesbeziehung des 16-jährigen deutschen Mädchens Malvina zu dem 19-jährigen syrischen Flüchtling Diaa thematisiert. Der Film spricht die kulturellen Unterschiede an. Diaa möchte z.B., dass sie ein Kopftuch trägt, kein Schweinefleisch mehr isst und sich nicht freundschaftlichen mit anderen Jungs umarmt. Das mit dem Kopftuch lehnt Malvina im Film rigoros ab. Die beiden jungen Menschen ringen erkennbar damit, die jeweils fremde Kultur mit den eigenen Gefühlen in Einklang zu bringen. Auch die Eltern des Mädchens äußern sich durchaus kritisch. Der kleine Film ist sensibel gemacht und zeigt sehr, sehr viel Nähe und Intimität. Was Machern, Sender und vor allem den Protagonisten nun zum Verhängnis wurde, ist, dass in einer Bildunterschrift auf der Kika-Website Diaas Alter mit 17 Jahren angegeben wurde. Wegen des starken Bartwuchses und der Gesamterscheinung von Diaa wurde nach dem schlimmen Tötungsdelikt von Kandel, bei dem ein afghanischer Flüchtling, der seine 15-jährige deutsche Ex-Freundin erstach, im Netz über das Alter des Kika-Protagonisten debattiert. Vorsichtig formuliert. Der Sender änderte die Altersangabe dann recht lapidar und ohne weitere Erklärung auf 19 und damit war für die beiden jungen Leute das Tor zur Medien-Hölle geöffnet. Die Bild wurde auf die geänderte Altersangabe aufmerksam gemacht und schrieb drauf los. Dass Diaa in einer die Doku begleitenden Talksendung fallen ließ, dass sein Vorname eigentlich Mohamed und er 18 sei, brachte das Boulevardmedium noch mehr auf Zinne. „Alter falsch, Name falsch“, titelte Bild.de. Experten „warnen“ in der Bild-Headline vor der Doku, obwohl die zitierte Psychologin in dem Text sagt, dass man den Film 12, 13 oder 14-jährigen Kindern durchaus in der Schule zeigen kann, wenn anschließend darüber diskutiert wird. Für kleinere Kinder sei er dagegen „absolut fragwürdig“. Bild pickt sich für die Headline immer den Teil einer Stellungnahme heraus, der die Erregung schürt. Das mag gängige Boulevard-Masche sein, schürt eben aber auch die Hetze.

Dann fanden sich auch noch Leute, die sich beim MDR-Rundfunkrat beschwerten (kein Wunder bei der aufgekratzten Netz-Debatte) und schließlich wurde zu allem Überfluss noch ein Tweet zur Doku wegen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes von Twitter gesperrt. Bei der Bild war das Filmchen mittlerweile zur Kika-„Skandal-Doku“ gereift. Auch die gedruckte Bild berichtete Mitte der Woche groß aufgemacht über den Fall.

Nun steht außer Frage, dass der Kika hier besser hätte reagieren, bzw. kommunizieren können. Dass die Altersangabe sang und klanglos geändert wurde, war ungeschickt. Zwar veröffentlichte der Sender einen erklärenden Text, in dem das Versehen mit der falschen Altersangabe erklärt wurde, diesen Text musste man aber extra im Internet suchen. Ebenso ungeschickt war, dass der Kika aus unerfindlichen Gründen die Talksendung, in der Diaa seinen Vornamen nannte aus der Mediathek entfernte. Auf Nachfrage von Übermedien hat der Sender als Grund für die Löschung angegeben, die „beiden noch jungen Protagonisten“ schützen zu wollen. Aber solche Aktionen befördern natürlich immer Verschwörungstheorien, bzw. den Eindruck, dass da jemand was zu verbergen hat. Dabei ist der Umstand, dass der junge Syrer einen weiteren oder anderen Namen hat und „Diaa“ vielleicht nur sein Rufname ist, unerheblich.

So wiederholte die Bild tagelang die an sich harmlose Kika-Doku ohne Rücksicht darauf, was das möglicherweise mit den beiden jungen Leuten macht, die nun ihre Gesichter und ihre intime Geschichte Tag für Tag mit zig Fotos bei Bild.de und auch in der Zeitung sehen müssen. Es fällt mir sehr schwer hier etwas anderes zu erkennen, als das Appellieren an niedrige Instinkte. Natürlich muss man auch fragen, ob nicht der Sender die beiden jungen Leute hätte besser schützen müssen oder können. Oder ob es nicht die Verantwortung der Eltern gewesen wäre, den Dreh stärker zu kontrollieren. Auch ohne die ganze nachträgliche Skandalisierung geht der Film in seiner Zurschaustellung von intimsten Gefühlen junger Menschen stellenweise sehr weit. Aber wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender daherkommt und erst recht der seriöse, harmlose Kika, dann gibt es da offenbar wenig Hemmungen. So ist das ganze nicht nur eine Geschichte über die böse Seite der Bild, sondern auch darüber, wie dringend notwendig es wäre, dass wir mehr Medienkompetenz in der Bevölkerung bekommen.

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Den Brexit kennen Sie ja, aber den Brixit? Die Autorin und Kolumnistin Julia Karnick prägte den Begriff für ihren Abschied von der Zeitschrift Brigitte. Auf Facebook kommentierte sie das folgendermaßen: „Mein Arbeitsvertrag wurde vom Verlag Gruner + Jahr nach zwei Jahren nicht entfristet. Stattdessen stellte sich die Chefredaktion künftig wieder eine lockere Zusammenarbeit mit mir vor. Aber hey, wer hat schon Lust, sich auf eine Gelegenheitsbeziehung mit jemandem einzulassen, mit dem man schon mal fast verheiratet war?“ Dazu postete sie noch eine Social-Media-Kachel mit der Aufschrift „Ab 40 hat man keine Lust mehr“ mit einem kleingedruckten „auf halbe Sachen“ hinter dem „man“. Manchmal setzten Trennungen eben auch kreative Energie frei.

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Kennen Sie Edel Rodriguez? Das ist der kubanische Illustrator, der in jüngerer Zeit mit seinen einprägsamen Trump-Grafiken für Furore sorgt, vorzugsweise auf den Covern des Spiegel und der Time. Jetzt hat Rodriguez mal wieder für die Time gezeichnet und Donald Trump einen riesigen Feuerbusch an Haaren verpasst, passend zum Titel des aktuellen Skandal-Buchs „Fire and Fury“.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe mich an den Trump-Titeln von Rodriguez mittlerweile so ein bisschen satt gesehen. Über den ersten Spiegel-Titel mit dem Trump-Kometen konnte man sich ja noch trefflich aufregen oder ihn toll finden. Uneingeschränkt gelungen fand ich den Spiegel-Titel mit der enthaupteten Freiheitsstatue. Aber jenen, auf dem Trump mit der Weltkugel Golf spielt, der Trump-Welle oder den Ku-Klux-Clan-Trump fand ich dann fast schon ein wenig langweilig. Das mag Meckern auf hohem Niveau sein, denn Rodriguez hat ohne Zweifel einen ganz eigenen Stil von extrem hohem Wiedererkennungswert. Aber ein so hoher Wiedererkennungswert, gepaart mit dem starken Formalismus seiner Bilder und der hohen Frequenz weckt dann doch irgendwann die Lust auf Abwechslung.

Ihnen jedenfalls ein wunderbar abwechslungsreiches Wochenende!

PS: Mein Podcast-Partner Christian Meier von der Welt weilt in Urlaub. Darum habe ich mich für diese Ausgabe von „Die Medien-Woche“ mit meinem MEEDIA-Kollegen, dem Daten- und TV-Experten Jens Schröder, über die TV-Bilanz 2017 und einen Ausblick auf 2018 unterhalten. Viel Spaß beim Reinhören!

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