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Ein Enthüllungsbuch, das keines ist: Warum Michael Wolffs „Fire and Fury“ journalistische Qualitäten vermissen lässt

Das Buch „Fire and Fury“ sorgt weltweit für Wirbel
Das Buch „Fire and Fury" sorgt weltweit für Wirbel

Kritiker werfen Michael Wolff, Autor von „Fire and Fury“, vor, er habe schlampig recherchiert, schreibe reißerisch und deute Fakten nach seinem Geschmack. Der Stoff des Werkes ist eigentlich hochbrisant: ein Weißes Haus, in dem neben einem amtsunfähigen Präsidenten Intrigen, List und Lügen regieren. „Fire and Fury" lässt wichtige journalistische Qualitäten vermissen: Faktentreue, Genauigkeit und Sachlichkeit.

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Es ist schon jetzt der Bestseller dieses Jahres: „Fire and Fury“ hat in den ersten Tagen des Januars die Schlagzeilen beherrscht und brisante Details über Trumps Präsidentschaft in den ersten elf Monaten geliefert. Die Washington Post spricht ob der Verkaufszahlen gar von einem „Harry Potter für Erwachsene“. Die gebundene wie auch die Taschenbuch-Ausgabe des US-Buches liegen in den deutschen Amazon-Charts auf Platz 1 und 2. Eine deutsche Übersetzung ist bereits in Planung und soll am 19. Februar im Rowohlt Verlag erscheinen.

Wolff porträtiert in seinem Buch einen Mann, der dem Amt des US-Präsidenten moralisch und intellektuell nicht gewachsen ist. Flankiert wird dieser Dilettantismus von Klatsch und Tratsch über die Mitarbeiter des Weißen Hauses, Trumps Tochter Ivanka Trump, seinen Schwiegersohn Jared Kushner und allen voran Steve Bannon. Der Ex-Trump-Berater ist die mutmaßlich wichtigste Quelle des Buches und bildet das Fundament für viele der insgesamt 22 Kapitel. Besonders lautes Medienecho erzeugten Zitate zu den möglichen Russlandverbindungen von Trumps Wahlkampfteam, die der herausgebende Verlag Henry Holt vor Verkaufsstart öffentlich machte. Gleichwohl ist Bannon mittlerweile  zurückgerudert. Seine Kritik sei gegen Trumps damaligen Wahlkampfmanager Paul Manafort gerichtet gewesen, nicht gegen den Präsidentensohn Trump Jr. Dieser Schachzug hat ihn nicht davor retten können, dass er nun seinen Posten als Herausgeber der umstrittenen Nachrichtenseite Breitbart abgeben muss. Die New York Times berichtet, Bannon habe den Rückhalt von Großspenderin Rebekah Mercer verloren. Andere Gesprächspartner bestreiten die von Wolff zugeschriebenen Zitate ebenfalls. Tom Barrack, Geschäftsmann und Freund des Präsidenten, sagte gegenüber der New York Times und im Magazin Forbes, dass er alle Interviewanfragen von Wolff abgelehnt und nie mit ihm gesprochen habe.

Insgesamt entsteht ein Bild der US-Regierung, das haarsträubender nicht sein könnte: Das Washingtoner Tagesgeschäft wird von Intrigen, List und Lügen dominiert. Und glaubt man den Ausführungen Wolffs, sitzt im Oval Office ein herrischer, vergesslicher und nach Anerkennung heischender Mann. Dass das Buch jetzt als Enthüllungsbuch gefeiert wird, liegt am boulevardesk-lauten Stil, der Beobachter, Journalisten und Bürger in ihrem ohnehin sehr gefestigten Meinungsbild über Trump bestätigt. Nun werden einige Leser die „Enthüllungen“ mit Achselzucken quittieren, bei anderen steigt die Fassungslosigkeit weiter. Viele sind überzeugt, dass Trumps Tage endgültig gezählt sind. Zweifelsfrei lassen sich in „Fire and Fury“ einige diskussionswürdige und tatsächlich neue Erkenntnisse finden, zum Beispiel zu den geopolitischen Ansichten der Trump-Gefolgsmänner. In der Mehrheit besteht das Buch aber aus profanen Beobachtungen über die Beziehungen innerhalb des Trump’schen Gefolges, die Wolff ähnlich eines allgegenwärtigen Aufnahmegeräts aus den Räumen des Weißen Hauses absorbiert hat.

In einem der unzähligen Interviews der vergangenen Tage hat Michael Wolff gesagt, dass etwas wahr sei, wenn es wahr klinge. In seinem Vorwort zu „Fire and Fury“ schreibt er zudem, dass er nicht immer wisse, ob alle ihm mitgeteilten Informationen und Anekdoten der Wahrheit entsprechen würden. Aber warum hat er die Fakten nicht gecheckt? Wieso lässt er dem Leser einen derart großen Interpretationsspielraum? Und wie soll ein durchschnittlich interessierter Bürger überhaupt zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden? Es sollte die Aufgabe eines Chronisten sein (gerade in Zeiten von Trump und Co.) eben jene Unwägbarkeiten zu klären und dem Leser ein möglichst wahrhaftiges Bild zu präsentieren. Oder klar darauf hinzuweisen, wann die Grenze des Faktischen überschritten wird und die Spekulation beginnt.

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Der Klatschkolumnist Wolff, das werfen ihm viele Kritiker vor, behandelt Tatsachen unpräzise, formt Fakten nach seinem Gusto und zitiert Dialoge, als hätte er sie stenografiert. Wolff streitet alle Vorwürfe ab und verweist sowohl auf Audio-Mitschnitte als auch schriftliche Notizen, die seine Darstellungen bestätigen. Manch ein politischer Beobachter urteilte nach Veröffentlichung des Buches, dass es einen Anarchisten wie Wolff brauche, damit sich im eingestaubten Washington endlich etwas ändere. Allerdings hat Wolff die Regeln für ein 336 Seiten starkes Seifenoper-Buch gebrochen, das außer teils banalen Anekdoten, die für Kopfschütteln sorgen, wenig Essenzielles bietet. Dass sich durch die „Enthüllungen“ in „Fire and Fury“ etwas Grundlegendes im Machtzentrum der USA ändert, darf bezweifelt werden. Mehr Angst wird Trump vor den Untersuchungsergebnissen von Sonderermittler Robert Mueller haben.

Wolffs Werk lässt wichtige journalistische Qualitäten vermissen: Faktentreue, Genauigkeit und Sachlichkeit. Doch sollte dieses Trio nicht gerade in einer Zeit, in der Fake-News im Umlauf sind, Politiker wie eben jener Trump auf renommierte Verlagshäuser à la New York Times schimpfen und lieber selbst alternative Fakten schaffen, oberste Priorität haben? Das saubere, den Tatsachen entsprechende Aufbereiten der Gespräche und Treffen hätte den Kern eines Buches bilden müssen, das sich um den Präsidenten Donald Trump dreht. So wie gemeinhin die klassische Tätigkeit eines Reporters definiert ist. Dass Fakten und Details nach Veröffentlichung massiv angezweifelt werden, untergräbt die Glaubwürdigkeit des gesamten Buchs. Sicherlich kommt ein Teil der Kritik auch von Journalisten, die darüber verärgert sind, dass nicht ihnen dieser Coup gelungen ist – und deshalb in ihrem Ton über die Stränge schlagen. Das Kernproblem tangiert dies nicht: das Erzählte bleibt angreifbar.

Insofern ähneln sich Donald Trump und Michael Wolff in ihrer Arbeitsweise sogar ein wenig: Sie kämpfen beide mit unfairen Mitteln, um an ihre Ziele zu gelangen. Darum ist „Fire and Fury“ das passende Buch in diesen Zeiten.

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