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Berührendes „No Mercy“-Bekenntnis: Wie Richard Gutjahr gegen Fake News und Verschwörungstheoretiker ankämpft

„Zeige keine Gnade“: Richard Gutjahrs harte Ansage gegen Netz-Hasser
"Zeige keine Gnade": Richard Gutjahrs harte Ansage gegen Netz-Hasser

Jeder, der sich mit Verschwörungstheorien, Fake News und den dahinter liegenden Funktionsweisen und Logiken beschäftigt, sollte dieses Video sehen. Schonungslos ehrlich erzählt Richard Gutjahr bei der TedX Marrakesh, wie er, seine Frau und seine Kinder in das Visier von rechten Trollen, Netz-Pöblern und Verschwörungstheoretikern geriet, was das mit ihm gemacht hat, wie seine Existenz bedroht wurde und wie er sich wieder aus der Depression befreite: Indem er ohne Gnade auf Angriff schaltete.

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In einem relativ unspektakulären Rahmen in Marrakesch liefert Gutjahr einen sehr klaren, teilweise sehr traurigen und frustrierten, aber auch sehr kämpferischen Einblick in sein Leben seit dem Anschlag von Nizza. Seit diesem Tag ist das Leben des Social-Media-Stars und Moderators des Bayerischen Rundfunks nicht mehr dasselbe.

Vom Balkon seines Hotels aus hatte er am 14. Juli 2016 durch Zufall den Laster gefilmt, der auf der Promenade des Anglais 86 Menschen zu Tode fuhr. Wenige Tage später war der Journalist des Bayerischen Rundfunks in München vor Ort, als ein Amokläufer im Olympia-Einkaufszentrum zehn Menschen tötete.

Durch seine Anwesenheit bei den beiden Vorfällen, deren tatsächliches Stattfinden von einigen Verschwörungstheoretikern noch immer geleugnet wird, sowie seiner Ehefrau (Abgeordnete in der israelischen Knesset), entwickelte sich im Web sehr schnell eine haarsträubende Fake-News- und Hass-Kampagne gegen den Gutjahr und seine Familie.

Bereits zuvor hatte Gutjahr auf diversen Veranstaltungen angedeutet und auch schon teilweise berichtet, was der Web-Hass sowie die Online-Verfolgung und die unzähligen Netz-Drohungen mit ihm gemacht hätten. Wie sehr ihm die Anfeindungen gegen seine Tochter getroffen hätten. Doch noch nie sprach er so klar und ausführlich darüber, wie nun in Marrakesch.

Das Video ist ein starkes emotionales Dokument geworden. Zum einen, weil Gutjahr sehr offen die unterschiedlichen Stadien erklärt, die er durchlebte, während er versuchte mit dem Web-Hass umzugehen und ihn zu verarbeiten. Nicht sonderlich gut kommt dabei auch sein Arbeitgeber weg, der seinen Star-Journalisten offenbar nicht genug unterstützte.

So beschwert sich der gebürtige Münchner, dass man ihn für die guten Quoten und die journalistische Leistung seiner Berichte über die Attacken gelobt hätte, aber ansonsten allein gelassen hätte. Seine Depression erreichte schließlich einen Punkt, bei dem er sich morgens wirklich gefragt hätte, warum er überhaupt noch aufstehen solle.

Da hätte ihn eine Nachricht von Lenny erreicht. Lenny ist Vater eines Kindes, das bei einem Schul-Massaker in den USA von einem Amokläufer erschossen worden sei. Lenny wurde ebenfalls heftig angefeindet, weil Verschwörungstheoretiker auch die Existenz dieses Massakers anzweifeln.

Lenny gab Gutjahr schließlich die Kraft zurück, gegen die Verleumder zu kämpfen. Also nahm sich der Münchner zwei Anwälte und geht seitdem gegen die unzähligen unwahren Postings und YouTube-Videos, die ihn verunglimpfen vor. Zudem sucht er nun ganz bewusst die Öffentlichkeit, um von seinen Erfahrungen zu berichten.

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Seine Konter-Strategie und die Lehren, die er daraus gezogen hat, beschreibt er in elf Punkten:

  1. Gutjahr nahm sich zwei Anwälte und sitzt seitdem allen Kritikern und auch Facebook und Google heftig im Nacken. „Seitdem fühle ich mich wieder lebendig“.
  2. Man muss immer in Alarmbereitschaft sein. Denn jeder, der im Netz aktiv ist, kann Opfer einer Verschwörungstheorie werden. „Im Netz sind wir alle Celebrities und sind alle denselben Gefahren ausgesetzt“.
  3. Erwarte das Schlechteste von den anderen Menschen.
  4. Aber verliere nicht den Glauben an die Menschen.
  5. Erwarte nicht, dass die Kavallerie kommt, um dich zu retten. Damit meint Gutjahr: Dein Arbeitgeber wird Dir im Zweifel nicht helfen, auch wenn man selbst so viel Zeit und Kraft in den Job gesteckt hat.
  6. Suche neue Alliierte. So halfen Gutjahr letztendlich die Gerichte, Anwälte, Polizisten und Versicherungskonzerne.
  7. Sei immer vorbereitet. Denn wenn es hart auf hart kommt, hat man keine Zeit mehr, beispielsweise noch einen guten Medienanwalt zu suchen.
  8. Zeige keine Gnade. Gutjahr empfiehlt die Meinungsführer zu identifizieren und gegen diese mit aller Härte vorzugehen: „hart, schnell und mit allem, was Du hast.“
  9. Sei geduldig. Gerichtsprozesse brauchen ihre Zeit.
  10. Mit Blick auf die Prozessrealität in zahlreichen medienrechtlichen Auseinandersetzungen fügt der Journalist erkennbar ironisch hinzu: Suche Deine Gegner weise aus. Je reicher sie sind, desto besser. Sie haben mehr zu verlieren und die eigenen Anwälte können auch für sich einen größeren Anteil rausschlagen.
  11. Es ist nicht Deine Schuld.
  12. Zum Abschluss seines Vortrages bittet Gutjahr alle darum, nicht zu schweigen, sondern immer gegen Verunglimpfung das Wort zu erheben. Dazu zitiert er Martin Luther King: „Am Ende wird man sich nicht an die Worte seiner Gegner erinnern, sonder an das Schweigen der Freunde.“

Sein mutiger Vortrag sorgte bereits wenige Stunden nach der Veröffentlichung für eine Vielzahl von beeindruckten und mitfühlenden Reaktionen.

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