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40 Jahre „heute journal“ im ZDF: journalistische Erklär-Inseln im schnellen Nachrichtenfluss

Präsentiert neben Marietta Slomka aktuell das „heute journal“ im ZDF: Claus Kleber
Präsentiert neben Marietta Slomka aktuell das "heute journal" im ZDF: Claus Kleber

Am 2. Januar 1978 ging erstmals das "heute journal" im ZDF auf Sendung. Die Präsentation von Nachrichten in einem erklärenden Magazinformat war damals revolutionär im deutschen Fernsehen. Nach 40 Jahren steht das "heute journal" vor neuen Herausforderungen. Für MEEDIA wagt Hasso Mansfeld einen persönlichen Rückblick und erinnert sich u.a. an seine erste Begegnung mit Anchor-Frau Marietta Slomka.

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Ein Gast-Beitrag von Hasso Mansfeld

40 Jahre „heute journal“ – so lang ist es nun also schon her, dass die erste Sendung ausgestrahlt wurde. Die Nachrichten, die in diesem ersten „heute journal“-Jahr erzählt werden wollten, waren: Ein Pole wurde Papst, Franz Josef Strauß bayrischer Ministerpräsident und ein Generalmajor der NVA flog als erster Deutscher ins Weltall.

Erscheint uns das Journal heute als selbstverständlicher, gar als traditioneller Teil unserer Fernsehlandschaft, war es bei der Erstausstrahlung ein Novum: Nachrichten im Journal-Format kannte man sonst nur aus den Vereinigten Staaten. Mancher konservative Kritiker stand dieser neuen Form der Berichterstattung mit Stirnrunzeln gegenüber. Wie seriös war das alles? Womit wurde gebrochen?

Die allermeisten der heute über Fünfzigjährigen erinnern sich an ihr erstes „heute journal“. Ich war damals 15 Jahre alt und sah die Sendung im Elternhaus. Damals noch auf einem Schwarzweiß-Fernseher ohne Fernbedienung, dafür schon mit futuristischen Sensortasten. Natürlich ein Röhrengerät. Flachbildschirme gab es nur in der Welt der Science Fiction. Vater ging immer früh ins Bett, die jüngere Schwester interessierte sich für andere Dinge und Mutter war Krankenschwester im Spätdienst.

Für mich also ein Moment individueller Freiheit vor der Flimmerkiste. Und mit dem Journal ein neuer moderierter Blick in die fremde weite Welt. Schon das Piepen im Intro erzeugte Spannung. Erst später las ich nach, dass das Geräusch dieses Tickers dem Wort „heute“ im Morsecode entsprochen haben soll. Ich hatte damals Ehrfurcht vor der Sendung, vor dieser wirkmächtigen Institution Fernsehen. Erster Redaktionsleiter und einer der Moderatoren war Dieter Kronzucker.  Für mich als 15-Jährigen wohl so etwas wie eine Lichtgestalt. Aber auf jeden Fall der Chef einer erhabenen Mediums, meilenweit entfernt von meinem beengtem rheinischem Habitat.  

Aber auch ich wurde älter. Der Journal-Moderatorin Mariette Slomka, damals noch Volontärin der Deutsche Welle, gab ich 1997 mein allererstes TV-Interview. Meine Kampagne „Ostpakete für den Westen“, eine Marketing-Aktion für die ostdeutsche Lebensmittelwirtschaft, hatte für einiges Aufsehen gesorgt. Frau Slomka besuchte mich samt Filmteam in einer Agrar-Marketing-Gesellschaft, für die ich als stellvertretender Geschäftsführer tätig war. Als nun die hoch gewachsene Kölnerin mein Magdeburger Büro betrat, kam es mir so vor, als würden die Scheiben beschlagen und sogleich Eiskristalle bekommen, wie bei Harry Potter wenn die Dementoren kommen. Marietta Slomka setzte sich erst einmal auf meine Schreibtischkante und drehte sich in aller Seelenruhe eine Zigarette.

Ja, ich gebe es unumwunden zu, ich war mächtig stolz, als sie dann 2001 als Moderatorin beim „heute journal“ begann. So konnte ich doch sagen: Die kenne ich persönlich. Der habe ich mein erstes TV-Interview gegeben.

Nach einmal fünfzehn Jahre später war ich als externer Gast zur Sendekritik in die „heute journal“-Redaktion eingeladen. Ich sollte zehn Minuten Zeit bekommen, sprach aber am Ende eine volle Stunde. Irgendwie war es mir gelungen, Claus Kleber aus der Reserve zu locken. Ein Thema meiner Kritik war dessen Interview mit Claudia Roth, in dem Kleber, als er Frau Roth schon im Schwitzkasten hatte, diesen wieder lockerte. Ein Vorwurf, der den Moderator zur Diskussion herausforderte.

Noch im vergangenen Monat debattierte ich mit Wulf Schmiese, dem neuen Leiter „heute journals“, bei einer Bühnenveranstaltung des Wiesbadener Presseclubs über Fake News und die Rolle der Medien. Ganz klar: Schmiese war gegenüber meinem damaligen Bild von Kronzucker eine Entmystifizierung. Aber auch ein Gewinn, weil dieser entzauberte Blickwinkel zur beruflichen Normalität eines Kommunikationsberaters gehören muss.

Noch heute schaue ich regelmäßig „heute journal“, auch wenn ich mich mit zunehmender politischer Entwicklung auch häufiger über Inhalte und Präsentationsformen ärgere. Das mag im Generellen an meinem Interesse an Journalismus liegen, aber auch am Format „heute journal“, das eine kritische Haltung herausfordert.

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Anne Reidt, die Vorgängerin von Wulf Schmiese beim Journal formulierte einmal recht offen den Eigenanspruch der Sendung: „Wir erzählen den Nachrichtentag in erzählend erklärender Weise, so dass der Zuschauer dadurch merkt, was die Nachrichten ihn angehen, was sie für ihn bedeuten.“ Und Claus Kleber ergänzte mit einer Definition der Zielsetzung des Journals, das für ihn einen vertiefenden, einen erklärenden, einen menschlich packenden Blick auf den abgelaufenen Tag liefern soll.  

Darin nun liegt ein Problem mit dem „heute journal“ begründet: Es besteht die Gefahr, dass Nachrichten zum Kommentar werden, ohne dass dieser explizit als solcher ausgewiesen wird. Das bereitet vielen Zuschauern Unbehagen. In diesem Unbehagen sind auch viele Kritikpunkte gerade der vergangenen zwei, drei Jahre manifestiert.

Ist unser Verständnis von Journalismus vielleicht zu anspruchsvoll? Ich glaube nicht. Am konkreten Beispiel überprüft: Wenn im Rahmen der Berichterstattung über Themen aus der Wirtschaft von einem Immobilienunternehmen berichtet wird, welches an die Börse geht, dann ist das „heute journal“ beispielsweise bemüht, zu erklären, was das für die Mieter bedeutet, wo man besser, im Rahmen einer Wirtschaftsberichterstattung, darüber erzählen sollte, was das für die Aktionäre bedeuten könnte. So aber läuft die Wirtschaftsberichterstattung des „heute journal“ Gefahr, als Verbraucher Magazin verkannt zu werden.

Es gibt also mit Blick auf unseren Jubilar durchaus auch kritische Ansätze. Aber anlässlich des 40. Jubiläums darf in den Vordergrund gestellt werden, dass das „heute journal“ tagtäglich mithilft, Millionen Menschen für Nachrichten und Politik zu interessieren.

Deshalb wünsche ich den Machern, dass sie das ihnen zur Verfügung stehende Netzwerk vollumfänglich nutzen, um die besten Inhalte zu produzieren, die geeignet sind, uns weiterhin umfassend zu informieren. Das „heute journal“ kann sich dabei einer große Zahl erfahrener Korrespondenten und  Redakteure bedienen, sowie auf Studios und Produktstätten auf höchsten technischen Niveau in der ganzen Welt zurückgreifen. Man besitzt das ideale Instrumentarium, das sich Nachrichtenmacher im internationalen Vergleich wünschen können.

Das sind beste Voraussetzungen, auch in den kommenden Jahrzehnten zu bestehen. Auf dass der Zuschauer auch morgen noch zuschalten und qualitativ gute Nachrichten bekommt. Auch dann, wenn diese weniger schöne Inhalte haben: Herzlichen Glückwunsch zum Vierzigsten!

 

 

Über den Autor:

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte unter anderem für Unternehmen der Tabak-, Glücksspiel-, Finanz- und der Chemiebranche. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de. Mansfeld trat 2014 als Kandidat der FDP für die Europawahl an.

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Alle Kommentare

  1. Der gute Herr Mansfeld: Verzückt wie ein unreifer Teenager, wenn sein Schlagerstar mit ihm ein paar persönliche Worte wechselt! Nicht übertreiben, die Sendung feiert den runden, 40. Geburtstag; also kein Jubiläum.
    Und das Beste, was die Präsentatoren der heutigen Zeit aus diesem Grunde machen könnten (Wenn sie es denn wollten und charakterlich in der Lage sind?), wäre einzig und allein, sich am Beispiel ihrer, vom Journalismus geprägten Vorgänger zu orientieren! Will heißen: Ab jetzt sämtliche Verlogenheit aus der Programmplanung zu lassen, mit dem Tendenziösen, was Rundfunkrats-Mitglieder oder Polit-Chargen fordern, zu brechen und endlich wieder Dinge, die im Staate Deutschland seit zwei Jahren passieren, nicht mehr zu vertuschen…

    Entre nous: Eines steht fest, auf Dauer spielt die Zeit gegen die Systempresse!

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