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„Happy mit Hartz“ – die total missglückte Guerilla-Kampagne des gemeinnützigen Vereins „Sanktionsfrei“

Der Verein „Sanktionsfrei“ steckt hinter der angeblichen Jobcenter-Imagekampagne
Der Verein "Sanktionsfrei" steckt hinter der angeblichen Jobcenter-Imagekampagne

Hinter einer angeblichen Jobcenter-Imagekampagne steckt in Wahrheit der gemeinnützige Berliner Verein "Sanktionsfrei", der staatliche Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger ausgleichen will. Die Kampagne wurde von Journalisten bereits nach kürzester Zeit als Fake entlarvt und dem Verein damit ein Strich durch die Rechnung gemacht. Letztendlich war "Happy mit Hartz" aber von Anfang an missglückt.

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In drei kurzen Videos erklären die vermeintlichen Hartz-4-Empfänger Anna (28), Timo (17) und Andreas (47), warum sie dank Sozialhilfe richtig durchstarten, Großes leisten und sich rundherum gut betreut und sicher fühlen. Auf der dazugehörigen Webseite Mein-Jobcenter.com wurden außerdem die Hashtags #HappyMitHartz und #DuBistEsUnsWert ins Leben gerufen, die in den sozialen Netzwerken für Aufregung sorgten. „Das ist übelstes Marketing auf allertiefsten Niveau, das mit dem Leben von Menschen spielt“, hieß es beispielsweise bei Twitter. Und: „Schamloserer Zynismus als diese #DuBistEsUnsWert – Kampagne ist mir lange nicht mehr untergekommen. #ekelhaft #notmyjobcenter.“

Zahlreiche Medien (darunter auch MEEDIA) wurden schnell darauf aufmerksam, dass es sich bei der Kampagne nicht um eine Aktion der Bundesagentur für Arbeit handelte, sondern um einen offenkundigen Fake. Die Frage blieb nur: Wer steckt dahinter? Viele vermutete Jan Böhmermann und das „Neo Magazin Royale“ als Strippenzieher, andere das Peng Collective aus Berlin oder das Zentrum für Politische Schönheit, das zuletzt das Berliner Holocaust-Mahnmal vor dem Privathaus des AfD-Politikers Björn Höcke nachbaute.

Doch tatsächlich war keiner von ihnen für die zynische Kampagne verantwortlich, sondern der Verein „Sanktionsfrei“ aus Berlin, der nach eigenen Angaben Hartz 4 „hacken“ und Sanktionen abschaffen will. Mit „Happy mit Hartz“ soll Aufmerksamkeit für ihre neues Projekt „Hartz Plus“ generiert werden, durch das Hartz-4-Empfängern zwei Jahren ein Existenzminimum ohne Auflagen und ohne Leistungskürzungen gesichert werden soll.

Die Kampagne sollte ursprünglich frühestens am Freitag als Fake aufgedeckt werden, wurde allerdings bereits am Mittwoch – gerade einmal zwei Tage nachdem die ersten „Happy mit Hartz“-Videos erschienen sind – vom Deutschlandfunk (DLF) aufgelöst.

In einer Pressemitteilung, die MEEDIA vorliegt, erklärt eine Sprecherin des Vereins: „DLF-Redakteur Sandro Schröder war beileibe nicht der einzige Journalist, der sich auf die Suche machte und sich bei der Agentur Parnass und dem Verein Sanktionsfrei meldete. Wie etwa ein Dutzend andere Journalisten wurde er im Laufe des Gesprächs vom Kampagnenmanager ins Vertrauen gezogen. Alle hielten dicht, nur Sandro Schröder nicht.“

Nach Angaben von „Sanktionsfrei“ soll Deutschlandfunk/Deutschlandradio sogar schon eine Woche vor dem Kampagnenstart ins Vertrauen gezogen worden sein. Für Donnerstag waren angeblich Aufnahmen mit der Geschäftsführerin von Sanktionsfrei, Helena Steinhaus, und einer Hartz4-Empfängerin vereinbart. „Auch alle anderen vorab informierten Medien (Zeit, Süddeutsche, Handelsblatt, Buzzfeed, Rheinische Post, dpa, Tagesspiegel, Rheinische Post und FR) verzichteten bislang auf eine Berichterstattung“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Helena Steinhaus bedauert die Entscheidung der DLF-Redaktion: „Der Sender hat das Rennen gewonnen, aber unser Vertrauen verloren.“

Dass Helena Steinhaus und ihr Verein nun einem Journalisten vorwerfen, seinen Job zu machen, spricht Bände und wirft kein gutes Licht auf ihr Presseverständnis. Da das Thema in den vergangenen zwei Tagen in den sozialen Netzwerken überaus präsent war und zum Teil hitzig diskutiert wurde, ist es richtig, dass ein Journalist nicht nur nachforscht, sondern die Ergebnisse seiner Recherche auch veröffentlicht. Vielleicht war die Tarnung der Imagekampagne schlicht und ergreifend nicht durchdacht genug. Schließlich ist es kein Qualitätsmerkmal einer selbsternannten Guerilla-Aktion, wenn eine Fälschung derart offensichtlich ist, dass sich die Frage schnell nur noch darum dreht, wer für den Fake verantwortlich sein könnte und nicht um den Inhalt.

Bereits wenige Tage bevor die Kampagne offiziell gestartet ist, wurde in Berlin ein „Happy mit Hartz“-Plakat aus Versehen vorzeitig aufgehängt. „Eine Panne“, wie die Initiatoren zugaben. Die Guerilla-Aktion war offenbar von Anfang an total missglückt geplant.

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Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie zielführend der Inhalt der Kampagne tatsächlich sein kann. Der Hintergrund und das Anliegen des Vereins sind durchaus ernst. Und als Betrachter der Aktion drängt sich das Gefühl auf, dass Zynismus, Ironie und Geheimniskrämerei – und damit schlussendlich Häme auf Kosten der tatsächlichen Hartz-4-Empfänger – hier eigentlich besser nichts zu suchen hätten.

In den sozialen Netzwerken überwiegen bislang zumindest eher die negativen Stimmen:

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