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„Zuckerberg und Bezos wollen bislang nur Geld verdienen“: Zeit-Chef Esser warnt vor Murdoch, Trump und den Ambitionen der Tech-Giganten

Im Anschluss an die Verleihung des Marion Dönhoff Preis sprach Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser noch einmal über die New York Times, Donald Trump und die Bedrohung der Pressefreiheit
Im Anschluss an die Verleihung des Marion Dönhoff Preis sprach Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser noch einmal über die New York Times, Donald Trump und die Bedrohung der Pressefreiheit

Ob Donald Trump, Rupert Murdoch oder auch Mark Zuckerberg und Jeff Bezos: Aus den verschiedensten Gründen sind sie eine Bedrohung für demokratische Gesellschaften. Zu dieser Analyse kommt Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser bei seiner Laudatio auf die New York Times, die mit dem Marion Dönhoff Preis ausgezeichnet wurde. Als probate Verteidigungs-Mittel gegen diese Bedrohung sieht er "Mut und Zivilcourage und eine starke Medienlandschaft". MEEDIA dokumentiert die wichtigsten Auszüge aus Essers Appell für Qualitätsjournalismus und gegen zu viel Macht der Tech-Giganten.

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Eine Rede von Rainer Esser

In diesen unruhigen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Helden, die das Unmögliche schaffen und die Welt retten. Helden, zu denen sie aufsehen können. Auch das Altertum kannte großartige Helden und Giganten: Herkules trug das Fell eines Löwen, den er mit eigenen Händen erlegte. Theseus war von so außerordentlicher Kraft und Schönheit, dass die Gegner ihm ihre Waffen zu Füßen legten. In der heutigen Zeit sind Intelligenz, Mut und Unerschrockenheit  wichtiger als körperliche Stärke, wenn es um Heldenmut geht. Vielleicht wird Robert S. Mueller, der Russlands Einfluss in die amerikanische Präsidentschaft gründlich recherchiert und hinterfragt, schon bald ein Held unserer Zeit. Und wir brauchen mehr Helden im Kampf gegen die dunklen Mächte, die ihre Arme nach uns strecken. Nehmen Sie zum Beispiel Rupert Murdoch: Ein unglaublich mächtiger Mann, der seine mediale Kraft missbraucht, um die Politik dreier Kontinente zu beeinflussen. Sein Markenzeichen: eine klare politische Ausrichtung – hart rechts – gepaart mit einer Mischung aus Sex und Sensationen. Murdoch ist der Verursacher einiger der größten Unglücke unserer Zeit: das Brexit-Votum in England und die Wahl Donald Trumps. Ohne die ständige Unterstützung durch Fox News, die New York Post, und zuletzt auch das Wall Street Journal, wäre dieses unfassbare Wahlergebnis nicht möglich gewesen.

Doch es wäre nicht fair, einen weiteren Mann unerwähnt zu lassen, der eine wichtige Rolle in Trumps Wahlkampf gespielt hat: Mark Zuckerberg. Er sieht nicht gerade wie ein Bösewicht aus, sondern eher wie ein harmloser, lässiger Typ in seinem T-Shirt und Kapuzenpulli. Aber er will alles über uns wissen. Wir können als Gegenleistung zwar eine Menge wertvoller Informationen, vor allem viele private Informationen, miteinander teilen. Aber gleichzeitig werden auf seiner Plattform auch viel Hass, Lügen und Propaganda verbreitet. Um diesen Vorwürfen entgegenzuwirken, fing er an, seine Plattform aufzuräumen. Aber im Zeitalter von Fake News werden auf Facebook noch immer eine Menge klebriger Unwahrheiten verbreitet – über kriminelle Flüchtlinge beispielsweise oder es dient zur Verbreitung von russischer oder antisemitischer Propaganda. Und es bot Trump eine riesengroße Bühne für seine Tiraden.

Mit Jeff Bezos ist es ein bisschen wie mit dem kleinen Rotkäppchen und dem großen bösen Wolf. Ursprünglich hat sich der Amazon-Boss nur auf Wachstum konzentriert, aber jetzt hat Amazon plötzlich größere Augen und größere Ohren als Rotkäppchens Großmutter. Damit greift Amazon nach nicht weniger als nach der Weltherrschaft. Vorbei sind die Zeiten, als wir nur Bücher bei Jeff Bezos bestellten. Heute können Sie bei Amazon alles kriegen, vom Smartphone bis zum Pickelentferner. Das verschafft dem Konzern eine ungeheure Menge Daten. Amazon weiß sogar, welche Unterhosen Sie tragen. Mit Echo und Alexa sind Amazons Ohren und Augen inzwischen sogar in unsere Wohnzimmer vorgedrungen und spionieren unsere privaten Unterhaltungen aus.

Diese Unternehmen können ernsthafte Bedrohungen für unsere demokratischen Gesellschaften darstellen:

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  1. Sie besitzen mehr Informationen als wir selbst überhaupt über uns kennen. Und sie beobachten uns die ganze Zeit, jeden Tag und überall.
  2. Eine unvorstellbare Menge an Informationen befindet sich in den Händen einiger weniger Personen, deren ethische Standards wir nicht kennen.
  3. Murdochs politische Absichten kennen wir nur allzu genau. Zuckerberg und Bezos wollen bislang einfach nur Geld verdienen – aber wir können weder vorhersehen, noch kontrollieren, was sie in Zukunft mit diesen Unmengen an Geld und Daten vorhaben.
  4. Der populistische Politikstil Donald Trumps, basierend auf falschen Behauptungen, auf Lügen und Beleidigungen, macht auch hierzulande inzwischen Schule: Das zeigen nicht nur die Nazis, die mittlerweile in unserem Bundestag sitzen.

Umso dramatischer die Situation, desto mehr braucht es Mut und Zivilcourage. Und eine starke Medienlandschaft. Die Freiheit der Presse ist in Deutschland im Grundgesetz verankert, nicht zuletzt deshalb hat sich hierzulande seit dem 2. Weltkrieg eine beeindruckende Medienvielfalt entwickelt. Hunderte Regionalzeitungen, eine Anzahl überregionaler Qualitätsmedien und die Nachrichtenprogramme vor allem der Öffentlich-Rechtlichen. Für diese Qualitätsmedien arbeiten hierzulande und auf der ganzen Welt zig tausende gut ausgebildete Redakteurinnen und Redakteure. Deren Hauptaufgaben sind, zukunftsgewandt zu informieren, zu unterhalten, die Wahrheit herauszufinden, vor allem auch Politikern und Wirtschaftsbossen auf die Finger zu schauen, Missstände aufzudecken, unabhängig von jeglicher möglichen, auch wirtschaftlichen Bedrohung für ihre Häuser, sie selbst oder ihre Vorgesetzten.

Der Erzfeind von Populisten – egal an welchem Ort und zu welcher Zeit sie leben oder gelebt haben – ist darum  immer die freie, demokratische Presse. Oder wie sie der größte Populist unserer Zeit – The Donald – zu nennen pflegt: „Enemy of the People“. Mit seinem Schlachtruf „Fake, Fake, Fake“ fährt er permanent Attacken gegen ihre Glaubwürdigkeit.

An die Spitze seiner Unbeliebtheitsskala hat es die bekannteste Zeitung der Welt geschafft: die New York Times. Er bezeichnet sie wahlweise als „sterbende Zeitung“, als „bösartig“ oder „Müll“, geschrieben von „schlechten und untalentierten Journalisten“. Jeden Morgen, nachdem er die ersten Zeitungsberichte gelesen hat, wird er wütend, loggt sich bei Twitter ein und beschimpft die Presse. Dem Twitter-Mitarbeiter, der den Account des Präsidenten für unglücklicherweise nur 11 Minuten vom Netz nahm, sollte eine Ehrenmedaille verliehen werden.

Eine Gold-Medaille und einen Lorbeerkranz verdient die New York Times: Jeden einzelnen Tag setzt die New York Times den kruden Verschwörungstheorien Fakten entgegen. Und sie zwingt die Regierung, zu reagieren. Die bisherige Bilanz: Mehrere zurückgetretene Pressesprecher, jüngst Ermittlungen zur Russlandaffäre, die den Präsidenten in die Bredouille bringen und unzählige weitere Enthüllungen über die Seilschaften des Präsidenten. Diese Journalisten sind die wahren Helden, die Batmans, Supermans, die Robin Hoods der Demokratie. Heute Morgen wurde die NYT für ihre überragende Leistung mit dem Marion Dönhoff Preis ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Zeitgleich konnte ein großes Missverständnis aus der Welt geschaffen werden: Chefredakteur Dean Baquet konnte sich von Angesicht zu Angesicht vom Aussehen unseres Bundespräsidenten überzeugen, nachdem die New York Times vor zwei Wochen einen anderen Steinmeier auf dem Titel zeigte. „Schwamm drüber!“, wie wir im Deutschen sagen. Denn wir blicken heute ehrfürchtig und anerkennend auf die „Gray Lady“.

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