Anzeige

„Inhalteklau“-Vorwurf gegen Focus Online: Warum die Einigung zwischen Springer und Burda überfällig war

Verlagschefs Mathias Döpfner (li.), Paul-Bernhard Kallen, News-Portal Focus Online: Streit um Urheberschutz und „Fair Share“ ist vorerst beigelegt
Verlagschefs Mathias Döpfner (li.), Paul-Bernhard Kallen, News-Portal Focus Online: Streit um Urheberschutz und "Fair Share" ist vorerst beigelegt

Das Landgericht Köln hatte bereits den Prozess angesetzt. Im Februar sollte die Wettbewerbsklage von Springer gegen Burda verhandelt werden. Seit heute ist klar: Der Termin entfällt, die beiden Verlage haben sich außergerichtlich geeinigt – und das ist gut so. Denn der Streit um fortgesetzten "Inhalteklau" schädigte das Ansehen einer ganzen Branche. Was nach MEEDIA-Infos letztlich zum Einlenken auf höchster Ebene führte.

Anzeige
Anzeige

Die zu Springer gehörende Bild warf der Konkurrenz von Focus Online vor, bezahlpflichtige Inhalte „systematisch“ übernommen zu haben und damit das Geschäftsmodell des Boulevardmediums zu gefährden. Mit der juristischen Auseinandersetzung hatten die Parteien eine neue Dimension in lange schwelenden Streit erreicht. Und obendrein eine letztlich für für die Verlagswelt insgesamt geschäftsschädigende. Denn dass sich hier zwei exponierte Vertreter einer Branche, die gegenüber der Politik und den Silicon Valley-Konzernen lautstark für Leistungsschutz und Urheberrechte eintritt, untereinander um – überspitzt gesagt – gewerbsmäßigen Diebstahl geistigen Eigentums stritten, wirkte verstörend.

Vor der Kammer für Urheberrecht verlangte Bild die Unterlassung einer Praxis, die man dort als Inhalteklau versteht. Die Wettbewerbs- und Urheberrechtsklage wandte sich dagegen, „dass Focus Online systematisch exklusive Bezahl-Inhalte von BildPlus abschreibt und zum Teil des eigenen Geschäftsmodells macht, das Journalismus reichweitenorientiert vermarktet“, wie der hinter Bild stehende Axel Springer Konzern bei Einreichung der Klage im Januar dieses Jahres erklärte. Bei Bild sah man eine gezielte Behinderung des Geschäftsmodells von BildPlus sowie eine Verletzung des Datenbankrechts.

An dieser Einschätzung hat sich im Prinzip nichts geändert. Neu ist, dass Focus Online die Zahl der bei Springer als besonders dreist betrachteten Übernnahmen offenbar deutlich reduziert hat – womöglich nach einem diskreten Wink aus der obersten Chefetage.

Denn offiziell hielt man auf der Gegenseite die Klage von Springer stets für unbegründet. Tatsächlich, so die Argumentation spitzfindiger Burda-Juristen, sei es das offensichtliche Ziel der Berliner Konkurrenz, „Informationen zu monopolisieren, die hinter der Paywall von BildPlus veröffentlicht wurden, um sie besser vermarkten zu können“. So steht es in der Klageerwiderung von Hubert Burda Media. Dies widerspreche dem grundgesetzlich geschützten Recht der Informations- und Meinungsfreiheit. Zudem sei das Zitieren fremder und eigener Inhalte branchenüblich und werde auch von der Bild-Gruppe täglich praktiziert. „Die Klage dient offenbar keinem juristischen Zweck, sondern der kampagnenartigen Diskreditierung eines erfolgreichen Mitbewerbers“, so der forsche Kommentar von Daniel Steil, Chefredakteur von Focus Online.

Ob „systematischer“ Inhalte-Klau und Gefährdung des digitalen Geschäftsmodells oder „kampagnenartige Diskreditierung“: Die Zuspitzung des bereits lang anhaltenden Streits zwischen Bild und Focus Online vor Gericht eröffnete definitiv eine neue Dimension, auch in der (negativen) Öffentlichkeitswirkung. So kommentierte MEEDIA bereits in der Mitte des Jahres:

Dass sich zwei führende Verlage über eine redaktionelle Selbstverständlichkeit erkennbar nicht einigen können, schädigt das Image einer ganzen Branche. Wer, wenn nicht der Profi-Journalismus, sollte es mit dem Urheberrecht und dem Respekt vor der Leistung anderer ernst nehmen? Wenn es in dem vertrackten Verfahren tatsächlich zum Prozess kommt, stehen unabhängig von dessen Ausgang die Verlierer schon fest: Die Chefs all jener Medienhäuser, die gegenüber Google, Facebook & Co. für das Recht am eigenen Inhalt eintreten.

Anzeige

Aus dem Umfeld von Axel Springer war immer wieder zu hören gewesen, dass die von Focus Online „abgeschöpften Kreativleistungen“ sich keineswegs auf BildPlus-Stories mit News-Charakter beschränkten, sondern darüber hinaus etliche Geschichten aus den Bereichen Features oder Ratgeber ebenfalls betroffen gewesen seien, darunter bevorzugt Lesestoffe aus der Top 10 der meist konsumierten Bild-Artikel.

Eine Einigung war aufgrund der bisherigen öffentlichen Erklärungen beider Seiten eigentlich nicht in Sicht, zu verhärtet erschienen die Fronten. Über die Gründe der nun publik gewordenen Beilegung eines Rechtsstreits mit kaum kalkulierbarem Eskalationspotenzial schweigen sich beide Seiten hartnäckig aus. Sowohl von Springer-Kommunikation wie von Burda-Sprechern heißt es auf Nachfragen unisono: No Comment.

Nach MEEDIA-Informationen ist die Lösung auf höchster Ebene angebahnt und ausgehandelt worden, ebenso auch die beiderseitige Schweigeverpflichtung. Denn nach außen will keine Seite als diejenige dastehen, die eingelenkt oder gar klein beigegeben hat. So kann Springer bei seiner Version vom „Inhalteklau“ bleiben, den man nun mit dem Deal weitgehend unterbunden habe. Und Burda kann sich weiter darauf berufen, bei Focus Online im Sinne des Zitatrechts juristisch und journalistisch handwerklich korrekt gehandelt zu haben.

Sei’s drum. Denn das letztlich gemeinsame Ziel, Politik und Öffentlichkeit eine irritierende wie langanhaltende Gerichtsauseinandersetzung zweier Großverlage über mutmaßliche Langfinger im Profi-Journalismus wenn eben möglich zu ersparen, wog letztlich wohl schwerer als die Hoffnung, sich im juristischen Zwist am Ende durchzusetzen.

Der jetzt eingeschlagene Kurs ist ein dem Vernehmen nach auch von der Verlegerebene beider Häuser ausdrücklich befürworteter Akt der Vernunft, dem allerdings der Ruch eines Burgfriedens anhaftet. Denn die Einigung dürfte nur so lange Bestand haben, wie Focus Online bei der Übernahme von kostenpflichtigen Bild-Stoffen Maß hält – eine klare Abmachung gibt es diesbezüglich offenbar nicht. Ob die heute signalisierte Harmonie zwischen den Marktrivalen dauerhaft trägt, wird also abzuwarten sein.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Hätte ich auch nicht gedacht, dass meine Sympathie in einem Fall dem Springer-Konzern gilt, weil noch unappetitlichere Arschlöcher auftauchen. Da haben sich schon die Richtigen getroffen …

    1. So ist es. Wenn die verwöhnten Print-Medien sich derart um den Online-Leser streiten, wäre es doch richtig hilfreich, wenn Google das nicht auch noch unterstützen würde. Denn Google führt diesen Herrschaften mit angeteaserten News kräftig Abonnenten zu. Wenn bei Beiden wenigstens noch die journalistische Qualität stimmte. Ist aber leider auch nicht der Fall. Also Google: Alle gleich behandeln und raus aus dem Index.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*