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Dekade der iPhone-Abhängigkeit: Wie Smartphones unser Leben entführt haben

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80 Mal greifen wir am Tag im Durchschnitt nach dem iPhone – so oft wie nach keinem anderen Gegenstand. Das Smartphone ist unser omnipräsenter Begleiter: Wir wachen mit dem digitalen Wecker auf, entsperren reflexartig iPhone, Samsungs Galaxy & Co, um Mails und Social Networks zu checken – 16 Stunden später beenden wir in umgekehrter Reihenfolge so unseren Tag. So selbstverständlich das Smartphone längst unseren Alltag dominiert, so fragwürdig sind jedoch die Folgen für Gehirn und Gesellschaft, wie wissenschaftliche Studien beweisen. Ein Essay.

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In diesem Sommer war ich wieder in Albanien. Diesmal blieb ich knapp zwei Monate.

In der kleinen Balkanrepublik, über die sich bis heute erstaunliche Mythen halten, an denen auch deutsche Traditionsmedien nicht unschuldig sind (für Spiegel Online ist Albanien bis heute „Das Kolumbien Europas“), gibt es zum Glück sehr günstige SIM-Karten. Für 1000 Lek, umgerechnet 7 Euro, bekommt man 5 GB Datenvolumen an der nächsten Straßenecke bei Vodafone oder Telekom.

Dumm nur, wenn man wieder mit seinem providergebundenen iPhone reist und einen Jailbreak für keine gute Idee hält. Wie gut aber, dass ich als Zweit-Phone noch ein SIM-Lock-freies iPhone 5 dabeihabe und wenigstens nun meine Frau damit im albanischen Netz verbunden ist. Und wie schlecht, dass der Akku des auch schon fünf Jahre alten iPhone 5 inzwischen kaum länger als eine Stunde hält, wenn man den persönlichen Hotspot aktiviert.

Warum ich das erzähle? Weil ich zum ersten Mal, seitdem ich das iPhone nutze – also seit Ende 2007 – , über einen längeren Zeitraum von der 24/7-Verwendung abgeschnitten war. Die Erfahrung war so demütigend wie lehrreich, wie am Ende befreiend – aber damit greife ich vor.

Der erste Reflex ist natürlich der, wenn ich nicht mit WLAN verbunden bin, meine Frau alle 5 Minuten darum zu bitten, den persönlichen Hotspot auf ihrem iPhone zu aktivieren. Nach einer Woche bin ich stillschweigend dazu übergegangenen, nach ihrem iPhone zu greifen. Manchmal habe ich es spaßeshalber nicht bekommen, wohl dann aber die Gegenfrage: Was genau würde eigentlich passieren, wenn du nun die nächsten 90 Minuten während des Essens nicht online wärst?

Ich leide wie ein Hund, wenn ich 10 Minuten nicht mit dem iPhone verbunden bin

Man kann sich dieser neuen Realität auf genau zwei Arten stellen: ehrlich oder voller Selbstverweigerung. Die abgeklärte Antwort lautet: Natürlich macht es mir nichts aus, bis ins letzte Detail ausschließlich über die Qualität des albanischen Weins oder über die nächste Wandertour zu sprechen und dir neidisch dabei zuzusehen, wie du in Instagram und Facebook versinkst, während ich mich damit beschäftigen könnte, ein paar meiner 71.000 Fotos zu löschen.

Die ehrliche Antwort ist indes: Ich leide wie ein Hund, wenn ich 10 Minuten nicht mit dem iPhone verbunden bin und nicht in Echtzeit meine Twitter-Listen, Instagram, Facebook, Tennisergebnisse und Börsenkurse verfolgen kann (etwa in dieser Reihenfolge). Als Notlüge geht ja immer, dass die Nutzung berufsbedingt ist, was mindestens zur Hälfte stimmt – zur anderen aber vielleicht auch nicht.

Insofern ist das Argument, immer mit dem iPhone verbunden sein müssen, eine Lebenslüge. Es ist eine Gewohnheit, die mich seit dem ersten iPhone begleitet – dem Original-iPhone, das buchstäblich alles veränderte, wie es Steve Jobs seinerzeit formulierte. Nie war Apples Marketing-Sprech näher an der Wirklichkeit dran. Seit zehn Jahren lebe ich im Always-on-Mode und war bestimmt in den ersten fünf Jahren auch noch stolz darauf. Allein, es bleibt die Frage: Wie normal oder gesund ist diese Gewohnheit, sich seinen Alltag von einem 15 x 7 Zentimeter großen Stück Glas mit eingebautem Super-Computer diktieren zu lassen, eigentlich?

Smartphone-Sucht: Die gleiche Geschichte haben wie alle anderen auch – und damit überhaupt keine

Seit einiger Zeit mehren sich kritische Stimmen. Schon einige Jahre nach dem Launch des iPhones wurde immer deutlicher, wie süchtig wir nach den digitalen Alleskönnern sind, die zu unseren verlängerten Gehirnen geworden zu sein scheinen. Der New Yorker brachte es in seinem ikonischen Cover im Juli 2012 für die Verwendung von Smartphones im Urlaub auf den Punkt.

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen („Die Korrekturen“) gab Studenten im selben Jahr auf einer Abschlussrede der University of California in Santa Cruz den dringenden Hinweis, in Zukunft öfter ihr Smartphone wegzulegen:

„Vielleicht tauschen Sie auf Ihrem iPhone Nachrichten mit dem Menschen aus, den Sie eines Tages heiraten werden. Aber unsere neuen Geräte haben so eine Art, sich schleichend in den Vordergrund zu spielen und zum Selbstzweck zu werden, so weitgehend, dass die Geschichte unserer gesamten Kultur mittlerweile von Verbrauchertechnologie zu handeln scheint“, brachte Franzen das neue Suchtverhalten auf den Punkt, dem vor allem Millennials anheimgefallen waren. All das Gerede über neue Apps, neue Posts auf Facebook, Twitter und Instagram führe am Ende dazu, „die gleiche Geschichte zu haben wie alle anderen auch und damit überhaupt keine.“

Starke Smartphone-Nutzung erhöht Leidensdruck unter Jugendlichen  

Und mehr noch: Es bedeutet auch, ein neues Unbehagen in der Gesellschaft zu erzeugen. Vor allem bei den jüngsten Nutzern zeigen sich die immer größeren Schattenseiten der Smartphone-Verwendung. Seit 2012 stiegen unter amerikanischen Teenagern zwischen 13 und 18 depressive Symptome ebenso wie Selbstmordversuche sprunghaft im zweistelligen Prozentbereich an, wie eine neue repräsentative US-Studie der San Diego State University belegt, die in der Clinical Psychological Science veröffentlicht wurde.

„Jugendliche, die mehr Zeit in den neuen Medien verbringen (inklusive Smartphone-Verwendung und Social Media-Nutzung), beklagen öfter psychische Probleme als Jugendliche, die mehr Zeit mit Aktivitäten verbringen, die nicht vor dem Bildschirm stattfinden“, so das alarmierende Fazit der Studie.

Für Psychologie-Professorin Jean M. Twenge, die die Studie geleitet hat, deuten „alle Anzeichen“ für die Zunahme der depressiven Symptome bei Jugendlichen auf die exzessive Smartphone-Nutzung hin, die Vorgängergenerationen in ihrer Kindheit noch nicht kannten. „Die supervernetzten Kids von heute wachsen weniger rebellisch, toleranter und weniger glücklich auf – und sind auf das Erwachsensein vollkommen unvorbereitet“, fasst die 46-Jährige die Studienerkenntnisse in ihrem neuen Buch „iGen“ zusammen.

Pawlowscher Smartphone-Reflex: Hirnaktivität sinkt schon bei Smartphone-Präsenz

Doch auch bei älteren Smartphone-Nutzern hat die exzessive Verwendung Spuren hinterlassen, wie der renommierte US-Autor Nicholas Carr („Wer bin ich, wenn ich online bin“) immer wieder zu berichten weiß. In seinem neusten Essay, das Carr vergangenen Monat im Wall Street Journal veröffentlichte, zitiert der 58-Jährige neuste Erkenntnisse der kognitiven Forschung: Ständige Smartphone-Nutzung führte zu einer Verschlechterung der Hirnaktivität.

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Dr. Adrian Ward, Psychologie-Professor Texas University in Austin, hat in einer Studie nachgewiesen, dass die schiere Präsenz eines Smartphones ausreicht, um die Denkaktivität zu reduzieren: Probanden, deren Smartphone auf einem Tisch vor ihnen lag, schnitten bei einem Test schlechter als Studienteilnehmer ab, deren Smartphones sich in einem anderen Raum befanden.

Nach Jahren der gelernten Nutzung gibt es offenbar inzwischen so etwas wie einen Pawlowschen Smartphone-Reflex: Immer wenn iPhone & Co in der Nähe sind, schaltet das Gehirn herunter, weil wir uns antrainiert haben, eine Antwort aus der Google-Suche, dem Facebook-Feed oder der Twitter-Timeline zu bekommen.

Kritik an Aufmerksamkeits-Ökonomie des Smartphones wächst im Silicon Valley

Selbst eine der ersten zentralen Figuren von Facebook äußerte sich zuletzt kritisch dazu, was das weltgrößte soziale Netzwerk, fraglos eine der meistgenutzten Smartphone-Apps, mit der menschlichen Psyche eigentlich anstellt. „Nur Gott weiß, was Facebook mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet“, erklärte Sean Parker vorgegangene Woche auf einer Podiumsdiskussion.

„Wir mussten einen regelmäßigen Dopaminausstoß triggern, weil jemand ein Bild oder Post likte oder kommentierte. Das führte dazu, dass mehr Leute mehr Content lieferten, die wiederum mehr Likes und Kommentare erzeugten“, erklärt der Seriengründer und Tech-Investor den neuen Suchtmechanismus im Smartphone-Zeitalter.

Parker ist keine Ausnahme. Im Silicon Valley ist in letzter Zeit eine regelrechte  Smartphone-Dystopie heraufgezogen – echte Reue hat sich unter Entwicklern breitgemacht. Justin Rosenstein, Entwickler von Facebooks Like-Button, erklärt gegenüber dem Guardian zur Aufmerksamkeitsökonomie, die er miterschaffen hat: „Jeder ist abgelenkt. Die ganze Zeit.“  Rosensteins Konsequenz: Er installiert keine Apps mehr auf dem iPhone und hat sich die Nutzung von Social Networks verboten.

„Smartphones sind nützliche Werkzeuge, aber sie machen süchtig“

Ein anderer früherer Google-Mitarbeiter schlägt einen noch dunkleren Ton an. „Wir sind alle in dem System gefangen“, erklärt Tristan Harris der britischen Tageszeitung. „All unsere Gehirne können entführt werden. Unsere Wahl ist nicht so frei, wie wir denken“, mahnt der 33-Jährige an. „Eine Handvoll Leute, die  bei einer Handvoll Konzernen arbeiten, bestimmen durch ihre Auswahl, was eine Milliarde Menschen heute denkt.“

Auch ein Silicon Valley-Veteran identifiziert das Smartphone als Wendepunkt in der neuen digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. „Facebook und Google beanspruchen das Verdienst für sich, den Nutzern zu geben, was sie wollen. Dasselbe kann man auch über Tabakkonzerne und Drogendealer sagen“, erklärt Roger McNamee, Wagnisfinanzierer-Pionier und früherer Mentor von Mark Zuckerberg.

„Smartphones sind nützliche Werkzeuge, aber sie machen süchtig. Ich bereue die Nachteile“, äußert sich Loren Brichter, Entwickler der Twitter-App Tweetie, gegenüber dem Guardian unisono skeptisch zur Omnipräsenz des Smartphones, die schwer zu brechen scheint.

Auch im Urlaub fest im Griff des Smartphones

Ab der zweiten Woche, die wir im Süden verbracht haben, haben wir ein Experiment gemacht. Das Netzwerk-iPhone meiner Frau blieb im Hotel, wir nehmen unsere unverbundenen iPhones mit wie Foto-Touristen, die sich über WLAN wie Schneekönige freuen. Leider reicht das WLAN nie bis zum Strand.

An Tag eins habe ich verzweifelt für jeweils 5 Euro zwei oder drei 100 MB-Datenpakete gekauft, heimlich natürlich. An Tag zwei noch eins. Ab Tag drei keins mehr. Ab Tag vier setzt die Entspannung ein, besonders am Strand. Trotzdem starrten und wischten gefühlt 80 Prozent der Touristen bei greller Sonne mit verkniffenen Augen in ihren Liegestühlen über ihre Smartphones – besonders entspannt sahen sie nicht dabei aus. Ab Tag fünf habe ich mein iPhone im Hotelsafe gelassen und es erst abends wieder herausgeholt. Ich habe stattdessen drei Romane in einer Woche gelesen, so viel wie seit Jahren nicht in einem Urlaub.

Natürlich setzt danach wieder der Alltag ein, natürlich wird das Smartphone bis auf Weiteres unser Alltagsbegleiter bleiben, das Rad bekommen wir nicht mehr zurückgedreht. You can’t get the Jeanie back in the Bottle. Wer in der Digitalbranche arbeitet, wird nicht plötzlich zur Schreibmaschine zurückkehren, mit dem Drehscheibentelefon telefonieren und wieder VHS-Videos sehen.

Aber man kann bewusster mit dem Smartphone umgehen und aktiv dagegen angehen, dass es die totale Kontrolle über den Alltag einnimmt bzw. die Verwendung und auch Erneuerung öfter hinterfragen. Brauche ich wirklich das iPhone X, wenn ich ein iPhone 7 habe? Ist das randlose Display und die Gesichtserkennung Face ID wirklich die 1320 Euro wert oder reicht ein Upgrade im nächsten Jahr?  Und muss ich wirklich in jeder freien Sekunde – an der Bushaltestelle, an der Kasse, beim Spaziergang – nach dem iPhone greifen, nur um festzustellen, dass in den letzten fünf Minuten keine neue Email eingetroffen ist und keine spannenden Instagram-Fotos, Facebook-Posts, neuen Tweets und Snapchat Stories gepostet wurden?

Smartphone-Nutzung wie Propofol-Narkose

Knapp 3 Stunden verbringt der Durchschnittsnutzer heute auf seinem Smartphone, das er sage und schreibe dabei 2617 Mal am Tag berührt – den Löwenanteil davon im Social Network-Delirium aus immer neuen Posts, Likes, Shares, Stories, Snaps, dem nie abbrechenden Smartphone-Stream, der National Book Award-Preisträger Jonathan Franzen an das Narkosemittel Propofol erinnert.

„Es ist, wie Propofol, eine Möglichkeit, wach zu sein, ohne sich daran zu erinnern, dass man wach ist“, erklärte Franzen bereits 2012 die exzessive Smartphone-Nutzung. „Sie werden sich nicht an die Stunden erinnern, die Sie damit zugebracht haben, iPhone-Apps zu vergleichen, Twitter-Beiträge zu lesen oder Ihre Facebook-Seite zu personalisieren; diese Stunden werden Ihrem Leben fehlen, so wie die Fahrt meines Vaters zur Notaufnahme ihm fehlte.“

Vielleicht erleben wir aktuell die letzte Phase, in der bewusstes Innehalten noch möglich ist, bevor die Dinge im nächsten Jahrzehnt wirklich verrückt werden, wenn wir den Smartphone-Nachfolger 24/7 im Gesicht tragen.

Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten netzfreien Sommer in Albanien.

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