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„Ich würde gern nie wieder in der Bild-Zeitung stehen“: Boris Becker rechnet in ARD-Doku „Der Spieler“ mit Medien ab

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"Ich bin nicht Euer Boris!" Tennisstar Becker in der ARD-Doku "Der Spieler" / Screenshot: ARD

Zwei Tage vor Boris Beckers 50. Geburtstag hat die ARD in einer Dokumentation auf das Leben einer der größten deutschen Sportler zurückgeblickt: "Der Spieler" heißt die Reportage, die über einen Zeitraum von einem Jahr entstanden ist. Sehenswert war die 90-minütige Sendung allein wegen der zahlreichen Bekenntnisse, die das Autorenduo Hans-Bruno Kammertöns und Michael Welch der Tennis-Legende entlockt hat – vom Begräbniswunsch in Wimbledon bis zum trotzigen Bekenntnis: "Ich bin nicht Euer Boris".

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Es ist ein Bild, das man aus Absteigerfilmen kennt: Ein humpelnder Mann, die Basecap ins Gesicht gezogen, zündet sich einen Zigarillo an. Noch einmal geht er an der Kulisse seines früheren Lebens vorbei, diesmal jedoch von außen, um Jahrzehnte gealtert, optisch ein Schatten seines glänzenden früheren Selbst.

„Wenn ich auf mein Leben zurückblicke – das macht man wohl das erste Mal mit 50 – dann habe ich mehr richtig gemacht als falsch“, sagt der Mann, der sich als Boris Becker entpuppt, in der Einstiegsszene der Dokumentation „Der Spieler, die die ARD gestern zwei Tage vor dem 50. Geburtstag des dreifachen Wimbledonsiegers ausgestrahlt hat.

Die 90-minütige SWR-Reportage ist zwar keine bahnbrechende Netflix-Dokumentation à la „Icarus“, die auf dem Sundance Festival Preise abräumen würde, aber sie ist auch kein Staatsfernsehen, das das Nationalheiligtum Boris Becker verklärt. Das Reportergespann Hans-Bruno Kammertöns und Michael Welch zeigt Becker, wie man ihn selten, vielleicht noch nie gesehen hat: zerbrechlich, nachdenklich, trotzig.

„Ja, lass die Kamera ruhig laufen. Es ist die Wahrheit.“

Über ein Jahr haben Kammertöns / Welch den mit Abstand erfolgreichsten deutschen Tennisspieler in einer nicht gerade einfachen Phase seines Lebens begleitet und dabei etliche Weggefährten zu Wort kommen lassen: von Trainer Günther Bosch und Manager Ion Tiriac, die Becker zum sportlichen Star und zur Marke gemacht haben, über Mutter, Schwester und Ehefrau Lily bis zu früheren Davis Cup-Kollegen wie Charlie Steeb und Rivalen wie Michael Stich.

Man sieht Becker in der Doku auf den letzten Metern seiner Trainertätigkeit mit Novak Djokovic, die zu den erfolgreichsten Unternehmungen gehört, die Becker in den knapp zwei Jahrzehnten nach seinem Leben als Tennis-Ikone gelungen ist, an alten Schauplätzen seinen bewegten Lebens, vor allem aber in der Konfrontation mit seinen vermeintlich finanziellen Problemen im Sommer dieses Jahres.

Becker humpelt buchstäblich durch die eineinhalbstündige Dokumentation. Es ist ein Bild mit Symbolcharakter, gegen das sich die Tennislegende nicht wehrt. „Will er sich so zeigen?“ fragt der Erzähler aus dem Off.  „Ja, lass die Kamera ruhig laufen“, sagt Becker. „Es ist die Wahrheit.“

„Seit über 30 Jahren lebe ich öffentlich. Dafür zahlt man einen Preis“
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Die Wahrheit schmerzt. Becker selbst, der für seinen unnachahmlichen Einsatz auf dem Platz über mehr als zwei Jahrzehnte nunmehr einen hohen Preis zahlen muss, aber auch seine Familienangehörigen, wie seine Schwester erzählt. Es tue ihr in der Seele weh, dass er nicht mehr machen könne, was er wolle, sagt Sabine Becker-Schorp und meint damit das aktive Tennisspielen.

Was Becker offenkundig noch mehr schmerzt als die Sportverletzungen ist der mediale Umgang mit ihm, der seit dem 7. Juli 1985, dem ersten Wimbledonsieg, der buchstäblich alles veränderte, über den damals gerade mal 17-jährigen Leimener hereingebrochen ist.

„Seit über 30 Jahren lebe ich öffentlich. Dafür zahlt man einen Preis“, sagt Becker gleich zu Beginn der Reportage. War der Preis zu hoch? Über weite Strecken von „Der Spieler“ hat man den Eindruck. Becker wirkt trotzig bis bitter, wenn er über die Berichterstattung in deutschen Medien spricht.

„Das war Rufmord. Das war versuchter Totschlag“

„Ich würde gerne für den Rest meines Lebens nie wieder in der Bild-Zeitung stehen. Glauben Sie’s mir“, sagt Becker mit blitzenden Augen. „Ich würde gerne nie wieder in einem deutschen Sender zu sehen sein, wenn ich die Wahl hätte. Ich habe nur die Wahl nicht.“

Es ist vor allem der hämische Umgang der deutschen Medien mit ihm nach dem Insolvenzverfahren in Großbritannien, der offenkundig Spuren hinterlassen hat. „Das war Rufmord. Das war versuchter Totschlag. Es geht darum, einen Menschen und sein Lebenswerk kaputtzumachen“, ordnet Becker die Berichterstattung ein. „Wenn ich eine Schuld habe, muss ich die bezahlen. Aber in dieser Bösartigkeit frage ich mich, was ich den Redakteuren und Herausgebern getan habe.“

„Ich war noch nie Euer Boris“

Man merkt Becker in diesen Passagen an, warum er dieser nicht gerade schmeichelhaften Dokumentation in einer schwierigen Phase zugestimmt hat: Es ging ihm um die Deutungshoheit. „Mein Name ist Herr Becker. Und wenn Sie mich ganz lange und ganz gut kennen, dann erlaube ich Ihnen, mich Boris nennen zu dürfen – und nicht umgekehrt“, stellt Becker mit fester Stimme klar.

Das Verhältnis zu den deutschen Medien dürfte sich mit der SWR-Dokumentation eher nicht entspannen. Aber darum ging es dem sechsfachen Grand Slam-Sieger wohl auch nicht, sondern vor allem darum, eine Sache nach fünfzig Jahren, davon 33 in der Öffentlichkeit, klarzustellen: „Ich war noch nie Euer Boris“,  sagt Becker am Ende der Dokumentation und fügt mit hartem Blick hinzu: „Noch nie.“

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