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Redakteurin „WDR-Fotze“ genannt: Gericht hält Verbalattacke von Serdar Somuncu für unterlassungswürdig

Er fühlt sich zensiert, sie sich beleidigt: Eine WDR-Mitarbeiterin geht rechtlich gegen Kabarettist Serdar Somuncu vor
Er fühlt sich zensiert, sie sich beleidigt: Eine WDR-Mitarbeiterin geht rechtlich gegen Kabarettist Serdar Somuncu vor

Zu Beginn des jungen Medienjahres 2017 entfachte Serdar Somuncu eine erneute Zensur-Debatte in den Medien. Auslöser war eine Zivilklage einer WDR-Mitarbeiterin, die er zuvor für eben diese kritisiert hatte – und zwar in teils vulgären Worten. Nun beschäftigt der Fall das Hamburger Landgericht, das über eine Unterlassung entscheiden soll – voraussichtlich zugunsten der Journalistin.

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Er fühlte sich zensiert, sie sich beleidigt. Anfang des Jahres machte Satiriker Serdar Somuncu mit einer Facebook-Aktion auf sich aufmerksam. Er hatte sein Facebook-Profil von Inhalten befreit, in seinem Titelbild erschien ein Foto, das einen Stempel zeigte, auf dem stand: „Zensiert“. Hintergrund war ein Streit mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) beziehungsweise mit einer seiner Mitarbeiterinnen, der kurz zuvor entfacht worden war. Somuncu wies wütend darauf hin, von eben dieser Mitarbeiterin verklagt worden zu sein – weil (so lautete es aus seiner Perspektive) er ihr zuvor Zensur vorgeworfen hatte. Es ging um Auftritte des Komikers, die der WDR aus redaktionellen Gründen, wie es damals hieß, geschnitten hatte. Doch um den Zensur-Vorwurf soll es jetzt nicht gehen.

Vielmehr ging es der Mitarbeiterin des WDR bei ihrer Klage um Beleidigung, „schwere Beleidigung“, wie man damals fest hielt. Am Landgericht in Hamburg wurde der Fall am heutigen Freitag mündlich verhandelt (Az. 324 O 30/17). Aus dem Vorwurf der „schweren Beleidigung“ ist mittlerweile nur noch eine Klage wegen Verletzung der allgemeinen Persönlichkeitsrechte geworden. Unterlassung fordert die Mitarbeiterin, die zwischenzeitlich eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte, weiterhin.

Es geht um Äußerungen, die Somuncu vor zwei Jahren getätigt hatte. Auf einer Veranstaltung der Körber Stiftung im November 2015 in Hamburg hatte der Künstler unter anderem von seiner Arbeit als Kabarettist auf Deutschlands Bühnen und im Fernsehen berichtet und den Medien, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, Zensur vorgeworfen. Somuncu, der sich in seinen Programmen unter anderem mit Ausländerhass sowie Faschismus beschäftigt, dafür aus „Mein Kampf“ zitiert und Bücher mit den Titeln „Der Antitürke“ oder „Der Adolf in mir“ veröffentlicht hat, erhob unter anderem Vorwürfe, wonach Redakteure seine Texte im Fernsehen „verstümmelt“ hätten, weil ihnen vieles aus seinen Auftritten „zu hart“ gewesen sei.

Dabei nannte Somuncu auch Beispiele – unter anderem mit namentlicher Erwähnung der Klägerin, deren Redaktion talentierte Comedians (sprichwörtlich) „hinrichte“, einem Kollegen „das Rückgrat gebrochen“ und ihn in die Depression getrieben habe. „Und diese Arschlöcher nehmen sich raus, im Namen der Gebührenzahler, uns zu zensieren. Und das war für mich die Keimzelle des Faschismus“, so Somuncu höchst emotional. „Arschlöcher“ hatte die WDR-Redakteurin hier als Beleidigung aufgefasst. Genauso wie eine weitere Äußerung Somuncus gegenüber dem kleinen Radiosender KölnCampus, in dem der Begriff der „WDR-Fotze“ gefallen sein soll. Als solche hatte Somuncu die Redakteurin zwar nicht namentlich bezeichnet. Allerdings, so die Argumentation, sei sie aufgrund des Zusammenhanges gemeint gewesen.

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Dass dem nicht so war beziehungsweise im Falle der Klägerin keine Betroffenheit vorliege, davon konnte Somuncu-Anwalt Heiko Klatt die Kammer am Freitag nicht überzeugen. Der Medienrechtler versuchte zu argumentieren, dass eine Beleidigung nicht die Absicht des Satirikers gewesen sei. Somuncu verkörpere die Rolle eines „Hasspredigers“, von dem man eine ebensolche Tonalität kenne, so der Anwalt weiter. „Krasse Überzeichnungen“ seien sein „rhetorisches Mittel“. Besonders der Sendungsredakteurin, die den Komiker sehr gut kenne, wisse das. Gegen sie persönlich habe Somuncu zudem nichts einzuwenden, nur eben gegen die von ihr betriebene Zensur. Zudem verwies er auf den Widerspruch, dass die Redakteurin nun gegen eine Rhetorik vorgehe, die sie zuvor in ihren Sendungen geduldet habe.

Für die Kammer aber bestehe kein Zweifel an der Betroffenheit der Klägerin, erklärte Simone Käfer, Vorsitzende der Pressekammer des LG Hamburg, und widersprach der Argumentation des Anwaltes. Bei seinen Auftritten im Radio wie auch im Körber Forum sei Somuncu nach Ansicht des Gerichts nicht als „Hassprediger“ aufgetreten. „Er war in keiner Rolle, sondern er war Serdar Somuncu“, so Käfer. „Er war auch nicht satirisch.“ Deshalb sei die Kammer geneigt, die bereits erlassene einstweilige Verfügung zu bestätigen, sagte die Richterin, empfahl allerdings einen anderen Weg.

Das Landgericht drängte auf einen Vergleich – Klägerin und Somuncu sollen sich auf Unterlassung einigen, die bislang entstandenen Kosten aber gegeneinander aufheben. Zu sofortigen Zusagen waren die Anwälte aufgrund der Abwesenheit ihrer Mandanten nicht bereit. Die Kammer diktierte den Vergleich ins Protokoll, versah ihn aber als Einigung auf Widerruf. Nun haben die Parteien bis zum 1. Dezember Zeit, sich zu entscheiden. Ansonsten will das Gericht sein Urteil am 6. Dezember verkünden.

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Alle Kommentare

  1. Meinungsfreiheit und Satirefreiheit endet wie jede andere Freiheit dort, wo die Freiheiten und Rechte anderer beginnen. Zum Beispiel die Persönlichkeitsrechte der WDR-Redakteurin, die hier in einer ungehörigen Weise geschmäht wurde. Das hat gute Satire nicht nötig, ansonsten ist es keine gute Satire.

  2. Beleidigung?
    Das ist die Ausdruckweise der „noch nicht so lange hier lebenden“…
    Das müssen wir aushalten!

    „Der kleine Akif“ spricht und schreibt doch ähnlich, das ist halt heute so. „Kanacksprack“, hätte man das früher genannt…

    Übrigens: Zuwanderer aus nicht muslimischen Ländern „Asiaten, Latein-Amerikaner“ lernen unsere Sprache ganz ohne solche „blumigen Metaphern“…

  3. Serdar Somuncu ist nur erwünscht….wenn er gegen die AfD hetzt…..oder Erdogan! Wenn es die versifften Mainstream Lügenmacher selber trifft…empören sich die Hofschranzen des Geldadels!

  4. soll sich halt überlegen, gegen wen man ohne Möglichkeit der Gegenwehr für die Betroffenen praktisch jede Art von Diffamierung ausbringen darf.

    Daran halten sich alle, warum nicht auch ein Serdar Somuncu.

    Zensur?
    Lachhaft.

    Doch halt, der Feststellung von Zensur wird ja garnicht widersprochen. Die Zensierenden bestehen lediglich darauf, daß man Achtungsvoll mit ihnen umgeht.

  5. Somoncu, in der „heute show“ zunehmend weichgespülter, langweiliger und öder, hat scheinbar Reste an Bodenhaftung verloren. Selbstkritik-Aversion ist ohnehin eine Domäne einiger Comedians, „Kolumnisten“ und Satiriker, die Wirklichkeit ohne jede soziale Kontrolle gerne so umdeuten, das sie einen Berechtigungsschein für das eigene Verhalten abbildet.
    Das ist in Summe erstens tragisch und zweitens dürftig.

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