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Der Fluch der Endlos-Serie: Warum es besser wäre, wenn Netflix auf eine dritte Staffel „Stranger Things“ verzichtet

Netflix‘ Hit-Serie „Stranger Things“
Netflix' Hit-Serie "Stranger Things"

Die Netflix-Serie „Stranger Things“ gilt aktuell als einer der größten Hits des Streaming-Dienstes Netflix. Die Marktforscher von Nielsen haben errechnet, dass die erste Folge der zweiten Staffel in den USA innerhalb der ersten drei Tage 15,8 Mio. mal angesehen wurde. Laut Netflix selbst waren die Zuschauerzahlen sogar "deutlich höher". Doch auch bei einer so exzellenten Serie wie „Stranger Things“ droht bei ungebremster Fortsetzung der Fluch der Serie: dramaturgische Verflachung.

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„Stranger Things“ ist aus mehreren Gründen eine ganz vorzügliche Serie und gilt völlig zurecht als einer der größten, wenn nicht gar der größte Erfolg des Streaming-Dienstes Netflix überhaupt:

  • Die Serie fängt die Atmosphäre der 80er Jahre detailverliebt und authentisch ein – bis hin zu Film- und Musik-Plakaten, dem passenden 80er-Soundtrack und winzigen Details, wie den kleinen Bildstörungen im Vorspann, wie bei einem älteren Kino-Projektor.
  • Die Serie hat eine Riege überaus talentierter Kinder-Darsteller, allen voran die 13-jährige Millie Bobby Brown, die das übersinnlich begabte Mädchen „Eleven“ spielt.
  • Mit Winona Ryder feiert eine bekannte und beliebte Darstellerin ein gelungenes Comeback.
  • Drehbuch und Dialoge sind hervorragend geschrieben und kombinieren geschickt Spannung mit Action, Grusel, Comedy und Love-Story.
  • Die Serie steckt voller Anspielungen auf Klassiker des SciFi- und Horror-Genres, ist aber auch ohne Kenntnis der Vorlagen verständlich.

Kurzum: Die Produktion hat bei „Stranger Things“ so ziemlich alles richtig gemacht und das gilt für die zweite, deutlich aufwändigere Staffel fast noch mehr als für die schon hervorragende erste. Die zweite Folge der zweiten Staffel, in der die Protagonisten als Ghostbusters verkleidet auf Halloween-Trick-Or-Treat-Tour gehen, ist in Sachen Erzählrhythmus vielleicht sogar eine der besten Serien-Episoden überhaupt.

Dann hat man irgendwann die knapp neun Stunden „Stranger Things 2“ durch, alle Monster sind besiegt, es gibt ein anrührendes very Happy End und in der allerletzten Sequenz muss, dem gnadenlosen Gesetz der Serie folgend, dann doch wieder das altbekannte Monster auftauchen. Der Fingerzeig ist überdeutlich: Das „Schattenmonster“, der „Mind Flayer“, kehrt zurück. „Stranger Things“ will return. Nach den überaus erfolgreichen beiden ersten Staffeln wird Netflix wohl zwangsläufig Fortsetzungen in Auftrag geben, wenn es schlecht läuft gleich drei Staffeln am Stück.

Warum, „wenn es schlecht läuft“? Nun, in der Vergangenheit gab es allzu viele Serien, denen die andauernde Fortsetzerei gar nicht gut bekommen ist. Die Serien wurden dramaturgisch zum Opfer des eigenen Erfolgs. Ein Beispiel ist die wegen der Übergriffe ihres Hauptdarstellers nun wohl unrühmlich gestoppte Polit-Serie „House of Cards“. Staffel 1 und 2 rund um den intriganten Politiker Francis Underwood, gespielt von Kevin Spacey, waren großartig. Ab Staffel drei wurde es schon ziemlich unglaubwürdig und ab Staffel 4 tat es fast schon weh. Immer neue, immer unglaubwürdigere Handlungs- und Charakterkapriolen wurden ersonnen, um den Spannungsbogen in immer absurdere höhere Höhen zu schrauben.

Selbst eine Super-Serie wie HBOs „Game of Thrones“, die eine literarische Vorlage als Handlungsgerüst hat, zeigte in der jüngsten Staffel, die sich vollends von der Buchvorlage lösen musste, dramaturgische Ermüdungserscheinungen. Oder es sei erinnert an die Serienkiller-Operette „Dexter“, dem sogar die eigene (Stief)-Schwester irgendwann ihre Liebe gesteht, nur um noch einen weiteren schalen Twist zu erzeugen.

Allzeit-Paradebeispiel für eine Serie, die durch Fortsetzungeritis dramaturgisch getötet wurde, ist „Lost“. Das Mystery-Spektakel um eine Gruppe Überlebender eines Flugzeug-Absturzes, die sich auf einer einsamen Insel wiederfindet, auf der gar seltsame Dinge vor sich gehen. Die Serie startete fulminant, wurde genial fortgesetzt und mit den Staffeln 3 und vielleicht 4 zum Höhepunkt getrieben. Aber im Serien-Biz gilt leider nicht, dass man aufhört, wenn es am schönsten ist. Da sind die Quoten ja noch zu gut. Also wurde „Lost“ über insgesamt sieben Staffeln gepeitscht, während sich die Autoren in immer hanebücheneren, pseudo-religiösen Handlungs-Wendungen auf ein unerträglich herbeikonstruiertes Finale hinarbeiteten, das nur noch bitter enttäuschen konnte.

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Die in den USA unfassbar erfolgreiche Zombie-Reihe „The Walking Dead“ ist auch in so einer Endlos-Schleife gefangen. Nur, dass die Zombie-Saga, für die es auch eine umfangreiche Comic-Vorlage gibt, quasi unendlich fortsetzbar ist. Rick Grimes und seine Leute werden wohl nie eine – wenn auch abgeschmackte – Erlösung erfahren. Immer wieder wird eine neue Kolonie Überlebender mit noch bizarreren Ritualen gefunden und dann geht’s wieder auf Wanderschaft. Ein Ende ist erst in Sicht, wenn die Quote unter ein Mindestmaß abgesunken ist und der Fan sich angewidert abwendet.

OK, es geht auch anders. Die Referenz-Serie „Breaking Bad“ ist eine Ausnahme, weil sie erst spät (ab Staffel 3) richtig Fahrt aufnahm und Zeit hatte, sich vom Geheimtipp zum Massenphänomen zu entwickeln. Die Macher schafften es dann, die Story um den Drogen brauenden Chemielehrer Walter White einigermaßen mit Anstand zu beenden, bevor es lächerlich wurde. Viel weiter hätte es aber auch da nicht mehr gehen dürfen. Oder „Six Feet Under“, die Familienserie um die Bestatter-Dynastie der Fishers, die nach fünf Staffeln zu einem zwar traurigen aber befriedigenden Schluss geführt wurde.

Am einfachsten ist die Sache mit dem richtigen Schlusspunkt wohl, wenn der ganz große Erfolg ausbleibt. Die HBO-Serie „The Leftovers“, bei der zwei Prozent der Weltbevölkerung auf ungeklärte Weise verschwinden, geriet so verstörend und düster, dass ihr der ganz große Zuschauer-Zuspruch verwehrt blieb. Trotzdem hielt der Sender tapfer drei Staffeln durch und das Ergebnis ist eine stringent erzählte, große Geschichte mit einem überaus stimmigen Ende.

„Stranger Things“ ist nun so etwas wie die aktuelle Super-Serie. Der Hype ist schon seit Staffel 1 groß, die Geschichte mit Staffel 2 aber befriedigend zu Ende erzählt. Wie die Macher, die Duffer-Brüder in der begleitenden Talkreihe „Beyond Stranger Things“ verrieten, haben sie die Handlung für die zweite Staffel tatsächlich nach der ersten geschrieben und teils noch während des Drehs verändert. Das Ergbnis ist trotzdem in sich geschlossen, für viele Staffeln verheißt diese On-the-Go-Arbeitsweise aber nichts Gutes. Siehe „Lost“. Eine Fortsetzung von „Stranger Things“ wird es geben, soviel seht fest. Der Erfolg ist einfach zu groß. Denkbar sind zwei Varianten:

1. Die Macher und Netflix sind mutig und erfinden eine komplett neue Story mit neuen Figuren, in denen die alten Charaktere wenn überhaupt nur noch Nebenrollen oder Gast-Auftritte haben.
2. Es gibt eine konventionelle Fortsetzung, bei er die dämonische „Upside down“-Welt erneut über die Kleinstadt Hawkins hereinbricht. Eventuell wird der Handlungsbogen um weitere Schauplätze und Charaktere (Andeutungen gab es ja bereits) erweitert, im Prinzip wäre diese Variante aber more of the same.

In einer idealen Welt, würden die Macher aber sagen: So, nun haben wir viele feine Stunden Unterhaltung mit zwei Staffeln „Stranger Things“ produziert und damit ist es auch gut. Wir denken uns jetzt etwas ganz Neues aus. Das wäre dann aber wirklich ein „Upside down“ und wird mit 99,9%iger Wahrscheinlichkeit nicht passieren.

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