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Nach der Böhmermann-Wutrede: Warum der digitale Boulevard von Bento, Watson, Vice & Co. besser ist als sein Ruf

Vice, Buzzfeed, Bento & Co: digitaler Boulevard 2.0
Vice, Buzzfeed, Bento & Co: digitaler Boulevard 2.0

Der ZDF-Komiker Jan Böhmermann sorgte vergangene Woche mit einer 20-minütigen Wurede gegen die Millennial-Website Bento, ein Ableger von Spiegel Online, für Aufsehen. Böhmermanns Urteil war vernichtend. Aber sind junge, auf Unterhaltung getrimmte Websites wie Bento, Buzzfeed, Noizz, Watson oder Vice wirklich so schlimm? Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass sich hier eine Art neuer, digitaler Boulevard herausgebildet hat. Ein Kommentar.

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Auf Bento (oder eine beliebige andere Website dieses Kalibers) einzuprügeln, wie Jan Böhmerman das getan hat, ist relativ einfach und relativ billig. Ja, die veröffentlichen viele unsinnige Texte und hanebüchene Quizze („Kannst Du so schnell laufen wie ein Schwein?“). Ja, die machen Native Advertising bei dem man darüber streiten kann, ob das nun auffällig genug als Anzeige gekennzeichnet ist oder nicht. Ja, manches geht auch daneben. Aber: Sie machen auch viele Stücke zu aktueller Politik und relevante Gesellschaftsthemen. Manchmal sogar Nachrichten. Der Aufmacher bei Bento, als diese Zeilen entstehen, ist eine rein nachrichtliche Story zum jüngsten Terror-Anschlag in New York.

Das Schweizer Portal Watson, das bald unter dem Dach von Ströer einen deutschen Ableger bekommt, hat neben viel (lustigem) Unfug auch Artikel veröffentlichen wie die Reihe „Was ich wirklich denke“. Hier beschreibt ein junger Chirurg zum Beispiel, wie er eine 120-Stunden Arbeitswoche in einem Krankenhaus durchsteht. Als es bei der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr zum Eklat bei einer Veranstaltung eines rechten Verlages kam und ein Frankfurter Stadtverordneter der Satire-Partei DIE PARTEI von Sicherheitskräften überwältigt wurde, veröffentlichte Buzzfeed eine minutiöse Rekonstruktion der Ereignisse mit Tweets und animierten GIF-Bildchen. Das sind jetzt nur wenige Beispiele, es lassen sich mühelose viele weitere finden, und zwar sowohl für strunzblöde Artikel, als auch für wirklich nützliche und intelligente Stücke. Womit manche Kritiker offenbar nicht klarkommen ist, dass in der Welt der reinen Digitalmedien beides nebeneinander existiert: das haarsträubend Banale und das werthaltig Intelligente. Bisweilen vermischen sich beide Welten sogar.

Die junge Medienmarke Vice spielt ohnehin in einer eigenen Liga mit teils aufwändig produzierten Videos und investigativen Reportagen – stets aufgeschrieben in einem speziellen Stil – manche würden sagen: Sound – der unverwechselbar Vice ist. Lärmig, aufgekratzt aber nichtsdestotrotz meist fundiert und vor allem ganz und gar unlangweilig. Diese jungen Digitalmedien – so verschieden sie von Bento über Vice bis hin zu ze.tt auch sind –  eint, dass sie sich jünger geben als die „traditionellen Medien, dass sie keine Berührungsängste vor auch mal banaler Unterhaltung haben und Untenrum-Themen ohne die Altherren-Sexismus-Brille auf der Nase bearbeiten. Das kann auch mal daneben gehen, wie bei der zeitweise arg verkorksten Sex-Kolumne einer gewissen Nea Nyström bei Bento, die mittlerweile freilich ersetzt wurde. Was dabei herauskommt, wenn alte Boulevardmänner das Thema Sexismus anpacken, veranschaulichte jüngst auf grausige Weise eine Reihe von Bild-Schwadroneur Norbert Körzdörfer, der den Weinstein Skandal zu einer Sammlung von Schmunzel-Anekdoten umdichtete.

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Noch etwas unterscheidet die digitalen Millennial-Medien angenehm von ihren Boulevard-Pendants vom alten Schlag: Sie haben allesamt einen Hang zur Ironie. Das kann natürlich auch mal auf die Nerven gehen, aber wenn klassische Boulevardmedien wie Bild, Express oder im Web auch Focus Online eines ganz gewiss nicht können, dann ist das Ironie. Der klassische Boulevard ist stets straight in the face und richtet sich meist an einen imaginierten „kleinen Mann“, den potenziellen Wutbürger. Und dessen vorstechendes Charaktermerkmal ist bornierte Dauer-Erregung und weniger die ironische Distanz. Zu den „alten“ Boulevardmedien muss man hier auch die Digital-Ableger von privaten TV-Sendern zählen, wie etwa die Facebook-Seiten von RTL Next oder der ProSieben-Sendung „Galileo“

So hat sich mit den Millennial-Medien fast unbemerkt eine neue Gattung und Spielart etabliert, eine Art digitaler Boulevard 2.0. Der hat keine Angst vor Unterhaltung (auch unter der Gürtellinie), ist oft ironisch, nimmt seine Leser aber auch ernst und verkauft sie nicht für dumm. Wenn Quatsch-Wellen durchs Netz rollen, wie jüngst die Hysteriewelle um die harmlose Hauswinkelspinne, dann sind es meist die „alten“ Medien, die diesen Quatsch befeuern und weniger die neuen, jungen Portale.

Anmerkung des Autors: In einer ursprünglichen Version des Textes wurde der Artikel „3 Gründe, weshalb Trump die Republikaner im Sack hat“ als positives Beispiel für pointierte Politik-Berichterstattung des Schweizer Portals watson.ch gelobt. Der Text ist auch gut und pointiert, allerdings ist er eine Übernahme von Spiegel Online, mit dem watson.ch kooperiert, was mir nicht aufgefallen war. Insofern passt auch die Zuschreibung, dass dieser Text so ist, „wie man sich das von zur Geschwätzigkeit neigenden Qualitätsmedien auch manchmal wünschen würde“ nicht. Die Aussage des Artikels sollte freilich auch nie sein, dass alle Texte aller traditionellen Medien „geschwätzig“ sind. Das Beispiel wurde nun durch ein anderes Beispiel eines gelungenen watson.ch-Textes ersetzt.

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Alle Kommentare

  1. Nun mokiert sich Böhmermann aber konkret über Bento.
    Daß Vice oder Watson durchaus auch lesenswerten Stoff produzieren, spricht genau deswegen nicht für Bento, sondern dagegen – weil es offensichtlich besser geht.

    Mit dieser analytischen Denkleistung überfordert zu sein deutet dann auch nur auf die Armutssolidariserung hin, das eigene, unbedarfte Schäfchen ins Trockene zu bringen.

    Noch Fragen, Herr Winterbauer?
    Bitte, immer gern.

  2. Ich finde die Bezeichnung, die ich in einem Forum über Bento gelesen habe, nicht nur witzig, sondern auch treffend.
    Da schrieb jemand über diese Truppe, sie wären „die Hitlerjugend vom Spiegel“.

    Und in der Tat; wenn es so schrill und linksverdreht werden soll, daß man nicht einmal die intellektuell entgleiste Stokowski vorschieben möchte, dann bedient man sich Bentos.
    Vermutlich, weil man da auf Welpenschutz hofft und außerdem keine Negativpropaganda für den Spiegel selbst befürchtet.

    Noch was:
    „Ironie“ hab ich bei Bento noch nie irgendwo gefunden.
    Die sind so verbissen indoktriniert wie………..aber das sagte ich ja schon.

  3. „Womit manche Kritiker offenbar nicht klarkommen ist, dass in der Welt der reinen Digitalmedien beides nebeneinander existiert: das haarsträubend Banale und das werthaltig Intelligente“

    Richtig beobachtet, aber das macht die Sache ja nicht besser: Müll entwertet gute Inhalte. Schon in kleinen Mengen, in großen Mengen wie bei Bento umso mehr. Vergleichen Sie das doch einfach mal mal mit dem Zeitgeschichte-Ableger „Einestages“ von SpOn, dort wird genau der gegenteilige Kurs gefahren.

  4. Mir kommt das ganze wie ein Nebenkriegsschauplatz der Diskussion um die Onlineauftritte der öffentlich rechtlichen vor. Media hält dem BDZV die Stange

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