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„Lagerfeuer wird erloschen sein und es wird sich nicht wieder entzünden lassen“: Kai Gniffke warnt vor Abschaffung der „Tagesschau“

Debatte über die Zukunft von ARD und „Tagesschau“: Rainer Robra (Staatsminister aus Sachsen-Anhalt), Kai Gniffke (Chefredakteur der „Tagesschau“) und Malu Dreyer (Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz)
Debatte über die Zukunft von ARD und "Tagesschau": Rainer Robra (Staatsminister aus Sachsen-Anhalt), Kai Gniffke (Chefredakteur der "Tagesschau") und Malu Dreyer (Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz)

Mit nur einem Interview hat Rainer Robra, Medienminister aus Sachsen-Anhalt, den ARD-Apparat und die Politik gehörig aufgewirbelt. Der CDU-Politiker erklärte die "Tagesschau" für "überflüssig" und regte einen radikalen ARD-Umbau an. Nach einer recht defensiven Reaktion der ARD-Chefin Karola Wille wehrt sich nun der Tagesschau-Chef Kai Gniffke erheblich besorgter: "Wenn man die Tagesschau zur Disposition stellt, dann wird dieses Lagerfeuer erloschen sein und es wird sich nicht wieder entzünden lassen."

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In seiner Gegenrede zu Robra erklärt der Chef von ARD-aktuell erst einmal die grundsätzliche Aufgabe der größten deutschen Nachrichtensendung:

Wir sollen Informationen über relevante Fragen des Zeitgeschehens vermitteln und damit den „Brennstoff“ für den gesellschaftlichen Diskurs liefern. Jede Bürgerin, jeder Bürger dieses Landes soll sich auf der Basis von Informationen ein eigenes Urteil bilden, soll an politischen Prozessen partizipieren können und – wenn sie/er will – sich engagieren. Diese Funktion erfüllt die Tagesschau nur, wenn sie unvoreingenommen berichtet und den Leuten keine Meinung unterjubelt.

Genau das mache seine „Tagesschau“ laut Zuschauerzahlen sogar so erfolgreich wie noch nie. Gniffke ist davon überzeugt, dass die 15-Minuten-Sendung den Diskurs über sämtliche Parteigrenzen hinweg fördere und dazu beitrage, die Gesellschaft zusammenzuhalten, „auch wenn die Zeiten rauer werden“.

Sein Fazit:

Keine Sorge, die Tagesschau ist nicht dafür da, dass alle das gleiche denken. Im Gegenteil, alle Positionen (auch die neu im Parlament vertretenen) finden in der Tagesschau statt. Diese Lagerfeuer-Funktion ist sehr, sehr selten geworden. Wenn man die Tagesschau für überflüssig erklärt und zur Disposition stellt – sei es im Internet oder im Fernsehen – dann wird dieses Lagerfeuer erloschen sein und es wird sich nicht wieder entzünden lassen.

Bereits am gestrigen Dienstag hatte die Vorsitzende der ARD-Intendantenkonferenz, Karola Wille, auf die Attacke des CDU-Politikers geantwortet. „Die Tagesschau als erfolgreichste und unabhängige deutsche Nachrichtensendung sowie Das Erste insgesamt sind ein Garant für den aus den Regionen gespeisten freien bundesweiten Diskurs in unserem föderalen Land“, schrieb sie in einer Stellungnahme. Weiter sagte sie: „Dazu gehört auch, dass die ARD immer wieder dafür sorgen muss, allen Regionen auch auf nationaler Ebene eine publizistische Stimme zu geben und damit ein kulturelles Miteinander zu ermöglichen.“

In einem nicht als Zitat gekennzeichneten Einschub heißt es noch: „In einer Zeit der Polarisierung in der Gesellschaft müsse aus Sicht der ARD alles getan werden, um die Vielfalt zu erhalten.“

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Mit seinen radikalen ARD-Plänen trägt der CDU-Politiker aus Sachsen-Anhalt – ob bewusst oder unbewusst – allerdings auch selbst gehörig zur Polarisierung in der Debatte um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei.

In einem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung hatte Robra einen Plan skizziert, nach dem man das ZDF künftig als „nationalen Player betrachten“ sollte. Die Landesrundfunkanstalten dagegen sollten sich „stärker regional präsentieren“.

Hintergrund der Überlegungen ist die aktuelle Debatte um einen neuen Rundfunkstaatsvertrag und die Frage, was ARD und ZDF eigentlich im Internet können dürfen sollten sowie die Strukturoptimierungspläne der Sender, die sie gerade erst vorgestellt hatten.

Idee des Ministers, der zudem Mitglied im ZDF-Fernsehrat ist: „Das Erste wäre dann mittelfristig kein nationaler Sender mehr, sondern das Schaufenster der Regionen. Es soll das Beste aus Mitteldeutschland zeigen, aus dem Norden, aus allen Ländern.“ Zur Zeit sieht der Politiker das ARD-Programm zugepflastert mit „zuviel vom gleichen“ und zu kleinen regionalen Fenstern. In letzter Konsequenz würde das Konzept bedeuten, dass das ZDF beispielsweise das Kanzlerduell oder auch die Ausstrahlung von Hollywoodfilmen übernehmen würde. Und die „Tagesschau“, fragt die MZ. Antwort von Robra: „Die wäre dann in dieser Form überflüssig“.

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder nahm dem CDU-Minister am Morgen schon einmal gehörig Wind aus den Segeln, versuchte ihn zum Außenseiter zu machen und sprach ihm zudem eine gewisse Intelligenz ab.

Im Interview mit dem Deutschlandradio erklärte sie, dass Robra im Unrecht sei und er sich im Vorfeld der Rundfunkkommissionskonferenz positionieren wolle. Sie musste aber auch zugeben, dass es „eine ungewöhnliche Positionierung“ sei, die keine Mehrheit unter den Ländern finden würde. Dreyer zur bisherigen Aufstellung der öffentlich-rechtlichen Sender: „An der Grundstruktur sollte man nicht rütteln“. Da gebe es doch „intelligentere Möglichkeiten zu Einsparungen zu kommen“.

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