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Von Nazis und Narzissten: die deprimierenden Lehren aus dem Buchmesse-Eklat

Aggressionen von links oder von rechts? Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse und die Berichterstattung darüber
Aggressionen von links oder von rechts? Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse und die Berichterstattung darüber

Die Tumulte am Wochenende auf der Frankfurter Buchmesse sind auch ein Lehrstück darüber, wie schwierig es in Zeiten von Social Media ist, Fakten von Fake zu trennen. Und rechts von links. Viele Medien, Demonstranten und Multiplikatoren machen es sich dabei schlicht zu einfach. Profiteure sind die rechten Verlage.

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Das war passiert: Die Frankfurter Buchmesse hat in diesem Jahr auch Stände so genannter rechter Verlage zugelassen, was bereits im Vorfeld und während der Messer für reichlich Kritik sorgte. Manche sind der Meinung, man dürfe rechten Verlagen auf der Messe kein Podium bieten. Andere meinen, die Meinungsfreiheit gebiete genau das. Am vergangenen Samstag nun kam es bei einer Lesung des rechten Antaios-Verlags zu Tumulten. Während einer Lesung hielten Demonstranten bunte Schilder hoch und es gab laut Aussagen von Teilnehmern Rufe gegen die Veranstaltung und gegen die AfD. Teile des Publikum reagierten mit Gegenrufen. Laut Polizei Frankfurt hatte sich „eine Menschentraube von etwa 400 Personen aus beiden Lagern gebildet“. Die Stimmung sei aufgeheizt gewesen, eine Eskalation habe gedroht. Die Polizei erklärte, sie habe zwei Personen vorläufig festgenommen und ein 34-Jähriger habe versucht bei der Festnahme zu intervenieren. Weiter heißt es in der Polizei-Mitteilung: „Dies wiederum sah ein Mitarbeiter des Sicherheitsunternehmens der Messe und schritt ein. Der 34-Jährige wurde ebenfalls vorläufig festgenommen, angezeigt und erhielt ein Hausverbot. Eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen den Sicherheitsmitarbeiter wurde zwischenzeitlich durch den 34-Jährigen bei dem 17. Polizeirevier erstattet.“

Bei dem 34-Jährigen handelt es sich um Nico Wehnemann, Stadtverordneter in Frankfurt und Funktionär der Satirepartei DIE PARTEI. Er schildert den Vorfall anders. Er und seine Begleiter hätten sich durch rechte Identitäre massiv bedroht gefühlt und versucht, die Veranstaltung zu verlassen. Dabei sei ihm ein Mann in ziviler Kleidung entgegengetreten, der ihn aggressiv am Weitergehen habe hindern wollen. Dann sei er von einem anderen Mann angegriffen und zu Boden gerungen worden. Dabei habe er sich eine Blockade im Bewegungsapparat und eine Prellung am Rücken zugezogen. Wehnemann setzte nach dem Vorfall folgenden Tweet ab:

Ab diesem Zeitpunkt begann die Medienmaschine zu laufen, befeuert durch Multiplikatoren wie den früheren Chefredakteur des Titanic-Satiremagazins, Leo Fischer, und den ZDF-Komiker Jan Böhmermann. Fischer schilderte den Vorfall zugespitzt auf Facebook. Wehnemann sei auf der Buchmesse zusammengeschlagen worden, weil er „gegen die von der Messe geduldeten Nazis“ protestiert habe, so Fischer. „Dutzende Identitäre“ hätten „Sieg Heil“ geschrien, so Fischer weiter.

Jan Böhmermann teilte diesen Eintrag bei Facebook, wünschte Wehnemann „gute Besserung“ und schrieb am gestrigen Sonntag mit Verweis auf die Vorkommnisse vom „Gastland Dunkeldeutschland“.

Das Foto, das den auf dem Boden liegenden Wehnemann mit dem kahlköpfigen Mann auf ihm zeigt, stammt von dem Journalisten Jonas Fedders, der es Wehnemann zur Verfügung gestellt hatte. Fedders hat die Situation auch als Video aufgenommen.

Nachdem Wehnemanns Tweet von Leo Fischer zugespitzt und von Jan Böhmermann geteilt worden war, stiegen schnell Medien in die Berichterstattung ein. Allgemeiner Tenor: Politiker wurde von Nazis auf der Buchmesse zusammengeschlagen, während „Sieg Heil“-Rufe skandiert wurden.

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Fedders veröffentlichte daraufhin sein Video von der Situation und distanzierte sich von Wehnemanns „Nazi auf mir drauf“-Aussage. Er habe Wehnemann bei der Überlassung des Fotos seine Einschätzung mitgeteilt, dass es sich um einen Zivilpolizisten handle, nicht um einen „Nazi“ (in Wahrheit war es ein Security-Mitarbeiter der Messe). Im Gespräch mit MEEDIA sagte Wehnemann, mit seinem Tweet habe er, genau wie der Fotograf auch, lediglich eine Mutmaßung angestellt. Er sei in erster Linie privat auf Twitter unterwegs. Im Schock des Vorfalls habe er nicht daran gedacht, dass sein Tweet eine solche Wirkung entfalten könne. Was die angeblichen „Sieg Heil!“-Rufe betrifft: Wehnemann sagt, er persönlich habe nur mitbekommen, dass ein einzelner Rechter „Sieg Heil!“ gesagt habe, während er ein Plakat eines der Demonstranten in Stücke riss. Sprechchöre habe es „natürlich nicht“ gegeben. Bislang sind auch noch keine Videos oder Ton-Dokumente aufgetaucht, die „Sieg Heil!“-Rufe bei der Veranstaltung belegt hätten.

Linker Demonstrant mit kahlem Kopf, „rechter Verleger“ Götz Kubitschek (rechts)

Bei der Berichterstattung macht unterdessen ein dpa-Bild die Runde, das einen kahlköpfigen Mann in schwarzem T-Shirt zeigt, der aggressiv mit dem Finger auf einen anderen zeigt. Der Mann, der auf den ersten Blick wirken könnte, wie ein rechter Aggressor, ist freilich ein Mitglied des antifaschistischen „Black Bembel Block“ der den „rechten Verleger“ Götz Kubitschek vom Antaios Verlag angeht. Es ist verwirrend.

Am Ende dieser Geschichte stehen alle (fast) als Verlierer da: Die Buchmesse, die mit der Zulassung der rechten Verlage Meinungsfreiheit ermöglichen wollte. Die Antifa-Demonstranten, die mit ihrem Protest den rechten Verlagen überhaupt erst zu großer Publicity verholfen haben. Nico Wehnemann, der vorschnell den Kampfbegriff „Nazi“ benutzte und dafür nun Morddrohungen von rechter Seite erhält. Die Polizei, der vorgeworfen wird, mal wieder die Kontrolle verloren zu haben. Die Medien, die mal wieder eine klickträchtige, Skandalstory aus dem Social Web nachgeplappert haben. Leo Fischer und Jan Böhmermann, die mit dem Verbreiten eines offenbar falschen Hergangs der Ereignisse wohl eher eine Art von Social-Media-Narzissmus pflegten, statt zu irgendeiner Art von Aufklärung beizutragen.

Die einzigen, die in dem ganzen Chaos ganz gut wegkommen, sind die rechten Verlage, denen einmal mehr Gelegenheit gegeben wurde, sich als Opfer darzustellen. Die Publizistin Liane Bednarz, die mit Vehemenz gegen rechts anschreibt und nach eigenen Angaben Augenzeugin der Vorfälle auf der Buchmesse war, hat auf Facebook erklärt, die Aggression sei in diesem Fall klar von Seiten der linken Demonstranten ausgegangen, was sie verurteilt. Sie schreibt: „Die Auseinandersetzung mit den Rechten läuft über das Argument. Und da hat das nicht-rechte Denken alle Karten für sich. Man muss die Debatte offensiv führen. Niederbrüllen verhindert sie.“

Damit vertritt sie auf linker Seite eher eine Mindermeinung. Leider ist in rechten wie in linken Kreisen eine gewisse Tendenz zu beobachten, die Wahrheit nach dem eigenen Weltbild zurechtzubiegen.

Im Sinne der Buchmesse schließen wir diese deprimierende Geschichte mit dem immer noch gültigen Gedicht von Ernst Jandl, „lichtung“:

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

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Alle Kommentare

  1. Die Botschaft, die von der Buchmesse in die Welt getragen wird, wird ebenso verheerend fürs Deutschland-Bild in der Welt sein, wie die letzte Woche verlängerten Grenzkontrollen von Dänemark mit der Begründung, Sicherheitsprobleme durch nicht abgeschobene abgelehnte Asylbewerber in Deutschland. Wenn man dann noch den Titanic-Tweed zu Kurz heute mitbekommt, muss man als Außenstehender sich fragen, wie gefährlich und irre Deutschland und dem Diktat der Frankfurter Schule für den Rest des Kontinents geworden ist.

  2. Ihr Text enthält Fehler.

    Kubitschek und sein Verlag Antaios sind nicht das 1.mal auf dieser Messe. Und auch der Manuscriptum-Verlag war schon in anderen Jahren da.

    Und wenn einem über Nacht die Stände verwüstet werden und das Messematerial zerstört wird, dann stellt man sich nicht als Opfer dar, dann ist man es.

  3. Ich mag mich irren aber ist „Rechts“ nicht ein integraler und ganz normaler Bestandteil des politischen Spektrums? CDU, CSU usw. Warum wird dieser Begriff immer so seltsam zurechtgebogen ganz so, als wäre der rechte Teil irgendwie schmutzig?

  4. Was soll das zu schreiben, dass „die Rechten“ sich als Opfer „darstellen“?

    Sind SIND Opfer und stellen sich nicht als Opfer dar. Schwachsinnsartikel!

  5. Danke für den Artikel. Nur zwei Sachen habe ich vermisst bzw. haben mich gestört.
    1. Die unsägliche Rolle des Börsenvereins wurde nicht thematisiert, der die Verlage eingeladen hat um dann umgehend gegen sie zu demonstrieren. Eine Heuchelei erster Güte.
    2. Sie schreiben „Die einzigen, die in dem ganzen Chaos ganz gut wegkommen, sind die rechten Verlage, denen einmal mehr Gelegenheit gegeben wurde, sich als Opfer darzustellen.“ So wie ich das verstanden haben, WAREN die Verlage das Opfer, sie mussten sich nicht so darstellen.

  6. Was soll der Quatsch? Kubitscheks Antaios-Verlag ist seit vielen Jahren (mindestens zehn) mal in Frankfurt und mal (meistens) in Leipzig dabei – je nach wirtschaftlichen Möglichkeiten und Erwägungen. Andere rechte Kleinverlage à la Karolinger ebenso. Es hat deshalb nie Aufregungen gegeben.

    Und nun fällt das auf einmal irgendwelchen Wichtigtuern von „der Partei“ oder dem notorischen Netz-Spasti Jan Böhmelmann auf.

  7. Der „Neonazi“ auf obigem Bild ist in Wirklichkeit ein Angehöriger des Frankfurter Schwarzen Bembel-Blocks. Also jemand aus dem linksextremen Lager. Wie sich die Bilder doch gleichen. Das Nazometer bedarf dringend einer Justierung.

  8. > Die Frankfurter Buchmesse hat in diesem Jahr auch Stände
    > so genannter rechter Verlage zugelassen …
    Das klingt danach, als wäre das eine Neuheit.
    Ist das verifiziert?

    Anderswo liest man, die Verlage wären schon seit einigen Jahren auf der Messe und bisher hätte es nie Probleme gegeben.

    Bis dann die Buchmesse zu „aktiven Auseinandersetzung“ mit diesen Verlagen öffentlich aufgerufen hat – und das haben einige linke Gruppen dann wohl als Aufforderung zum Krawall genommen.

    Wie gesagt, das wäre noch zu verifizieren. Aber wenn es wahr wäre, wäre das extrem peinlich für die Messeveranstalter.

  9. Wenn da jetzt das aggressive »Niederbrüllen« des politischen Gegners wieder Form der politischen Auseinandersetzung in Deutschland wird – egal ob von rechts oder links, dann Gute Nacht, Deutschland.

  10. upps…welch ein Schaden… haben wir nicht andere Probleme in unserem Land? Ich sehne mich nach Frieden…für alle Menschen…oben, unten, recht und links…
    dann dies auf der Buchmesse…mit zu vielen Akteuren, die plötzlich auf der Bühne stehen…
    Mein Tipp…auch wenn wenn vertragen kaum möglich sein wird…sagt einfach Entschuldigung! Manchmal hilft dieses Wort…
    Worte von einem „Esoteriker“? Nein, von einem Menschen, von einem Mann, der in Frieden leben möchte…ein Mensch, der gerne liest…um sich ein Bild vom Zustand unserer Gesellschaft macht…

  11. Diese Verherrlichung alles Linken und die Verdammung aller konservativen Tendenzen ist unerträglich. Bei den Grünen und den Linken sitzen Alt-Stalinisten, Maoisten und ähnliches, von den pädophilen Tendenzen bei Erstgenannten ganz abgesehen. Und diese Leute werden hofiert. Studienabbrecher wie KGE oder verkorkste Existenzen wie Claudia Roth sind die Elite. Absurder geht es nicht mehr…

  12. Zwei Worte und es beginnt bei mir im Hals zu würgen:
    1. Nazis
    2.. Flüchtlinge

    Zu 1.) Alle Merkel-Regime-Kritiker sind zuallererst mal Nazis.
    Zu 2.) Alle Versorgungsuchende und Zuwanderer werden von dem Mainstream
    und den Merkel konformen Politiker dem Volk als als Flüchtlinge verkauft.

    So, jetzt brauche ich erst mal einen großen Kübel !

    1. Merkelregime….. Merkel konform…….Mainstream…..

      Bei dem Weltbild würde mir auch schlecht.

  13. Das größte Problem – und gleichzeitig ein absolutes Armutszeugnis für unsere Mainstreampresse – ist, dass Bilder und Aussagen bewusst aus dem Kontext gerissen und instrumentalisiert werden, um die eigenen Zuschauer/Leser zielgerichtet zu manipulieren. Ich hätte vor Jahren nie im Traum daran gedacht, dass Journalismus in diesem Land so tief sinken könnte und den Anspruch einer möglichst neutralen Berichterstattung völlig über Bord wirft. Da kann man nur sagen: Ideologie vernebelt das Gehirn. Ich habe vor einigen Tagen die Aussage gelesen, dass die Schweizer Medien das neue Westfernsehen für uns Deutsche geworden sind. Dieser Satz bewahrheitet sich leider Tag für Tag mehr.

    1. DANKE, schrottpresse

      Besser und treffender kann man diesen traurigen und stumpfen Einheitsbrei von deutschen Journalismus nicht bezeichnen.

      Leider, leider lassen sich damit immer noch Millionen von Leser beeinflussen und das wissen sowohl die Medien als auch die deutschen „Elite“-Politiker.

  14. Könnten Sie darauf verzichten, diesen merkwürdigen Typen auf das Titelbild zu setzen?
    Titelbilder sollen repräsentativ für das Geschehen sein, also informieren. Ich bin lange kein Konservativer, aber selbst mir widerstrebt diese Meinungsmache. Ich habe das Geschehen auf der Buchmesse in Bild und Text verfolgt. Und die einzige Person, die irgendwie äußerlich in die Nähe eines Neonazis kommt, ist diese Typ da oben. Und genau den setzten Sie in Titelbild. Für eine solche Presse, die mich eher wegleitet vom echten Geschehen, gebe ich kein Geld mehr aus.

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