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MEEDIA-Wochenrückblick: Was an den Begriffen „Zwangsabgabe“ und „Staatsfunk“ schlimm ist und was nicht

Käßman in der JF, Porno im „Tatort“, Blindtext im Wetterbericht
Käßman in der JF, Porno im "Tatort", Blindtext im Wetterbericht

Die rechte Wochenzeitung hatte mit der Theologin Margot Käßmann einen eher unwahrscheinlichen Interviewpartner. Die Bild regte sich furchtbar über den bayerischen Porno-„Tatort“ auf. Was ist an den Worten „Zwangsabgabe“ und „Staatsfunk“ schlimm? Und was zur Hölle rauchen die Leute, die das FAZ-Reisewetter texten? Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Im Frühjahr war’s, da sorgte die rechte Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) für einiges Aufsehen, als sie die ZDF-Journalistin Dunja Hayali interviewte. „Wir müssen reden!“ lautete die Schlagzeile auf der Titelseite. Hayali, die in der Flüchtlingsdebatte immer wieder Toleranz einforderte, und die JF – das schien so gar nicht zu passen. Für beide Seiten war das Interview nicht ohne Risiko. Diese Woche hat die JF wieder eine unwahrscheinliche Gesprächspartnerin auf dem Titel: die prominente Theologin und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann. In dem Gespräch geht es viel um die Rolle der evangelischen Kirche in der heutigen Zeit aber natürlich auch um die Flüchtlingsfrage, die AfD und Käßmanns viel diskutierten Ausspruch „da weiß man, woher der braune Wind weht“ mit Bezug auf das AfD-Parteiprogramm. Die Titelzeile lautet: „Ich bin bereit für die Debatte“. Die Bereitschaft, trotz gegensätzlicher Ansichten und Welt-Anschauungen miteinander zu reden, scheint damals wie heute besonders bemerkenswert zu sein. Damals wie heute gilt, dass diese gegenseitige Gesprächsbereitschaft absolut begrüßenswert ist. Auf der selben Seite wie das Käßmann-Interview lobt die JF übrigens den Zeit- und Tagesspiegel-Kolumnisten Harald Martenstein über den grünen Klee („…einer der charmantesten Querköpfe im Land…“). Der schreibt in einigen seiner Kolumnen schon seit geraumer Zeit immer mal wieder gegen ein von ihm wahrgenommenes Diktat der Political Correctness an – insofern mag das dicke Lob der Jungen Freiheit womöglich nicht allzusehr zu überraschen. Trotzdem: Käßmann und Martenstein auf einer Seite … nähert sich die JF etwa dem sog. Mainstream an?

Ui, da hat die Bild sich aber aufgeregt diese Woche. Grund der Grande Echauffierung war der „Ekel-Tatort“ des Bayerischen Rundfunks vom vergangenen Sonntag. Die Münchner Kommissare ermittelten im Porno-Milieu und entsprechend gerieten auch die Dialoge und Szenen etwas handfester. U.a. kam ein mit Sperma und Urin befülltes Planschbecken vor. Der Film hatte eine Freigabe ab 12 Jahren, sonst hätte er ja auch gar nicht um 20.15 Uhr gezeigt werden dürfen. Der BR teilte der schäumenden Bild mit: „Die Altersfreigabe ab 12 Jahre begründet sich darin, dass der Film das Pornogeschäft und den Pornokonsum in seiner Gesamtaussage als nicht erstrebenswert darstellt.“ Die Boulevard-Redaktion fand trotzdem eine Rundfunkrätin, die das ganz schlimm fand und einen Psychologen, der ein bemerkenswert langes Zitat abgab. Darin sagt er u.a.: „Wenn junge Menschen von verantwortlichen Eltern erzogen wurden, können die Praktiken und Dialoge aus diesem ,Tatort‘ sie verstören.“ Komisch. Ich dachte immer, es sei genau andersherum: Wenn junge Menschen verantwortungsbewusst erzogen wurden, könnten sie mit solchen Szenen besser umgehen. Wenig später schafft der Psychologe es sogar, den Porno-„Tatort“ mit dem Reizwort „Zwangsabgabe“ und Rundfunkbeitrags-Bashing anzureichern: „Ich hoffe, dass möglichst viele Zuschauer gegen einen solchen ,Tatort‘ rebellieren. Auch deshalb, weil ihre Zwangsabgabe für so etwas missbraucht wird. Die gebührenfinanzierten Sender haben einen Bildungs- und keinen Verderbe-Auftrag!“

So etwas steht wohlgemerkt bei Bild.de, jenem Saubermann-Medium, das eine eigene, umfängliche Erotik-Rubrik betreibt, ein Pimper-Portal namens Visit-X als Kooperationspartner hat und auf einer Partnerseite Tipps für Intimrasuren gibt. Und und und.

Stichwort: Zwangsabgabe. Da ist derzeit recht viel die Rede von, ebenso vom sog. „Staatsfunk“.

Mit der Zwangsabgabe ist in der Regel der Rundfunkbeitrag gemeint, mit dem Staatsfunk der öffentlich-rechtliche Rundfunk per se. Private Medien und ARD/ZDF bekabbeln sich derzeit mehr oder weniger offen, weil im Hintergrund über eine Neufassung des Telemedienauftrags im Rundfunkstaatsvertrag verhandelt wird. Die Öffis hätten gerne mehr Befugnisse im Digitalen und möglichst auch mehr Geld ab der kommenden Gebührenperiode. Die Privatmedien fürchten, dass ihre digitalen Geschäftsmodelle dadurch kaputtgemacht werden. „Zwangsabgabe“ und „Staatsfunk“ – beides sind Begriffe, die von Kritikern des ÖR in diesen Tagen gerne im Munde geführt werden.

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Aber ist das eigentlich schlimm? Ich persönlich finde den Begriff „Zwangsabgabe“ nicht problematisch. Der weckt zwar keine kuscheligen Assoziationen in Bezug auf ARD und ZDF, ist aber im Kern korrekt. Ich habe keine Wahl, ob ich den Beitrag zahle oder nicht. Ich werde praktisch zum Zahlen gezwungen. Der Begriff „Staatsfunk“ dagegen führt wohl mit Absicht in die Irre. Das Wort impliziert, dass der ÖR direkt vom Staat gelenkt wird, was aber nun tatsächlich ja nicht der Fall ist. In der Türkei kann man eine Entwicklung hin zu Staatsmedien beobachten. Das ist eine eine Situation, in der kritische Journalisten weggesperrt werden. Davon sind wir hierzulande – Gottseidank – Lichtjahre entfernt.

Der Medienjournalist Daniel Bouhs, aus dessen Twitter-Timeline der oben eingebundene Ausschnitt der notorisch ARD-kritischen FAZ stammt, hat diese Woche auch andere Teile der FAZ aufmerksam gelesen. So das Reisewetter.

Vermutlich Blindtext, der versehentlich stehen geblieben ist. Aber mal ein ausgesprochen lustiger Blindtext.

Schönes Wochenende!

PS: Wie immer an dieser Stelle der Hinweis auf die aktuelle Podcast-Folge „Die Medien-Woche“, diesmal u.a. mit der neuen Bundeswehrserie „Mali“ und einem Gespräch mit Google-News-Chef Richard Gingras. Es geht um das Verhältnis des Such-Riesen zu den Verlagen. Viel Spaß beim Hören!

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