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„Was stern und Spiegel früher stark gemacht hat, macht sie heute schwach“: Oliver Gehrs über die Sehnsucht nach einem jungen Nachrichtenmagazin

Chefredakteur und Verleger: Oliver Gehrs in der Dummy-Redaktion in Berlin
Chefredakteur und Verleger: Oliver Gehrs in der Dummy-Redaktion in Berlin

Dummy ist der selbsternannte Primus unter den Independent-Magazinen. Und wenn es nach Dummy-Macher Oliver Gehrs geht, ist endlich mal Schluss mit immer neuen Interior- oder Wohlfühlheften: "In dieser Welt darf man nicht unpolitisch publizieren." Im MEEDIA-Interview spricht der Verleger und Chefredakteur über unabhängige Hefte und warum es endlich ein Nachrichtenmagazin von jungen Menschen für junge Menschen braucht. Schließlich würden stern und Spiegel "mit gestern assoziiert".

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Die großen Verlage stöhnen unter sinkenden Auflagen, Bedeutungsverlust und immer weniger Anzeigenumsätzen. Wie geht es dem unabhängigen Dummy-Magazin?
Oliver Gehrs: Danke der Nachfrage: Dummy geht’s gut. Aber auch uns ging schon einmal etwas besser. Als Heft, das vor allem am Bahnhofskiosk liegt, spüren wir zum Beispiel dass die Bahn Wlan eingeführt hat. Das trifft auch andere Titel. Freude machen uns aber die Abonnenten, die sich stetig vermehren. Genau das macht uns auch das Überleben möglich. Anzeigen sind bei unseren gesellschaftlich interessanten Programm eher schwierig. Das haben wir schon sehr früh gemerkt.

„Alte, Sex, Gewalt, Behinderte – alles tabu“ 


Warum?

Viele Anzeigenkunden wollen nicht neben gesellschaftspolitisch Relevantem stehen. Alte, Sex, Gewalt, Behinderte – alles tabu. Und da wird es bei uns schon schnell schwierig, denn das sind ja u.a. die Themen, denen wir uns besonders gerne widmen.

Dummy bezeichnet sich selbst als “Primus” unter den Independent-Magazinen. Wie viele Abonnenten braucht es für den Titel?
Wir sind mittlerweile bei rund 8.000 Abonnenten. Das geht aber auf Kosten des Einzelverkaufes. Bei uns bedeutet eine steigende Aboauflage immer auch fallende Kiosk-Absätze.

Heißt: Weil viele Leser wissen, dass sie im Zug freies Internet und einen Zugang zu einem abgespeckten Streaming-Angebot haben, kaufen sie vor Fahrtbeginn weniger Zeitschriften als früher?
Genau so ist es.

DummyDie aktuelle Ausgabe von Dummy zum Thema Schwule

Dummy erscheint alle drei Monate und widmet sich monothematisch immer einem Oberthema. Welche Themen interessieren die Menschen denn mehr? Lesen sie lieber etwas über Idioten oder über Schwule?
Schwule weiß ich noch nicht. Die Ausgabe liegt ja jetzt erst im Handel. Also Idioten kam erstaunlicherweise besonders gut an, ähnlich wie Muslime übrigens.

Bei Idioten machte es bestimmt auch die starke Titelseite mit Kim Jong-un?
Es ist das Cover, aber auch das Thema. Wir bemühen uns schon Themen aufzugreifen, die irgendwie in der Luft sind. Wenn die Leute umzingelt sind von durchdrehenden Politikern oder einer realen wir gefühlten Gefahr durch Islamismus, dann liegt es relativ nahe, dass man das auch mal thematisiert. Da standen wir mit Muslimen und Idioten gut in der Zeit. Aber grundsätzlich dürfen wir nicht so sehr auf das Marktpotentials eines Themas schielen. Wir müssen auch die schwierigen Stoffe machen, das gehört zu unserer DNA.

Ein Bestseller unter den Dummy-Heften: Idioten aus dem Frühling 2016

Laufen bei Dummy denn überhaupt klassische Mainstream-Themen?
Irgendwie auch. So war das Heft, das am besten verkaufte, “Familie”. Es kam um Weihnachten herum in den Handel. Da sind offenbar selbst die Dummy-Leser auf Friede-Freude-Eierkuchen geeicht. Obwohl wir gleich auf dem Titel klar gemacht haben, dass Familie auch extrem nerven kann.

Als ein Freund von konfrontativen Titeln und Themen: Wie finden sie die deutsche Independent-Magazin-Landschaft?
Ich finde sie etwas irrelevant. Noch immer steht die visuelle Beschäftigung mit den Themen im Vordergrund. Bei vielen unabhängigen Magazin-Projekten hat man ja oft den Eindruck, dass es sich bei den Machern halt um beschäftigungslose Grafiker handelt. Wahrscheinlich sind das alles Art-Direktoren, die aus Langeweile ein Heft machen und sich ein paar Freunde suchen, die dann auch noch schreiben. Das führte zu einer Flut an Lifestyle- und Interior-Magazinen mit immer den gleichen Inhalten: Wo wohnen und wie wohnen welche Freunde und welche Fahrräder fahren sie.  

„Es muss doch grundsätzlich gelten: In dieser Welt darf man nicht unpolitisch publizieren“

Wohnen, Fahrräder. Wenn es keine Käufer gäbe, gäbe es wohl kaum so viele Hefte dazu?
Es muss doch grundsätzlich gelten: In dieser Welt darf man nicht unpolitisch publizieren. Wir haben jetzt wirklich genug Magazine über Whisky-Destillerien und Fahrräder mit nur einem Gang. Jetzt müssen wir mal wieder schauen, wie wir als Blattmacher in dieser Welt Stellung beziehen können und wie wir publizistisch dazu beitragen können, dass die Leute eine gewisse Politisierung erfahren.

Fehlt es also an politischen Print-Projekten?
Ohja. Ich würde mir wünschen, dass es viel mehr junge Blattmacher geben würden, die sich mehr mit Politik beschäftigen. Die großen Verlage setzen ja lieber auf Hefte über Fleisch und Gemütlichkeit.

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In ihren Augen wahrscheinlich nur Synonyme für Eskapismus?
Ja. Verlage wie Gruner + Jahr scheinen dem Motto zu folgen: Die Welt ist schlimm, aber Zuhause ist es gemütlich. Da machen wir mal ein Heft draus oder auch zwei, drei. Das kann`s ja eigentlich nicht sein. Als politischer Mensch fehlt mir da schon was.

Haben uns andere Länder da eine besserer, wildere politische Magazin-Kultur voraus?
Wenn man nach Amerika schaut: auf jeden Fall. Da ist viel mehr Bewegung.

Gibt es in Deutschland überhaupt ein gutes politisches Independent-Magazin?
Nö. Gibt es nicht.

Bräuchte es denn welche?
Ich glaube schon. Ich bin mir sicher, dass vor allem die jungen Menschen so etwas lesen würden. Dabei ist es heutzutage ja gar keine Geheimwissenschaft mehr, ein Medium zu machen. Es gibt aber schlicht kein junges, politisches Heft für eine junge Zielgruppe. Am ehesten noch Neon, aber da überwiegt mir auch ein wenig die Introspektion.

Und weil es keine Hefte aus Ihrer Lebenswirklichkeit gibt, kaufen Sie keine Magazine mehr. Auch nicht Spiegel oder Stern?
Gucken sie sich den Spiegel an, da gehen die Auflagen ja auch nicht in die Höhe, und der bedeutet den Menschen ja auch nicht mehr so viel wie früher. Aber das heißt ja nicht, dass die Leute auf einmal keine Lust mehr auf relevante Themen und politischen Journalismus haben. Vielmehr schätzen sie die Machart der arrivierten Nachrichtenmagazine nicht mehr.

Tichys Einblick, Compact & Co.: „Ich muss diese Hefte hier ständig von irgendwelchen libanesischen Bäckershop-Theken runterquatschen“

Am konservativen Ende des politischen Spektrums gibt es mit Tichys Einblick oder Cato sehr wohl junge publizistische Projekte.
Die aber nur von alten Säcken gemacht werden. Auch der Elsässer und sein Compact-Zeug nicht zu vergessen. Ich muss diese Hefte hier ständig von irgendwelchen libanesischen Bäckershop-Theken runterquatschen. Ich erkläre den Verkäufern dann immer: “Das sind doch Leute, die wollen Euch raus haben aus dem Land und ihr verkauft das Zeug auch noch”.

Ich wollte eigentlich auf etwas anderes heraus. Nämlich auf die Frage, ob im Bereich der politischen Magazine möglicherweise die linke Flanke offen ist?
Die ist auf jeden Fall offen. Schauen sie sich den G20-Gipfel an. Wie viele junge Leute da waren. Die Menschen, die zwischen 18 und 35 Jahre sind. Die sind irre an einer Veränderung der Gesellschaft interessiert.

Und für die gibt es heute kein Magazin mehr?
So ist es. Aber ich habe noch Hoffnung, dass es langsam wieder neue politische Magazine gibt. Auf Plattformen wie Issuu sind jetzt erste interessante Neulinge zu sehen. Auch bei meinen Studenten an der UDK (Universität der Künste, Red.) stelle ich eine zunehmende Politisierung fest. Wie sie dann neue Magazine machen, ob digital oder analog, wäre dann egal. Wenn die Inhalte gut sind, können sie auch eine Wandzeitung machen und die Leute bleiben davor stehen.

„Der stern und der Spiegel werden mit gestern assoziiert“

Das bedeutet auch, dass die Inhalte von stern, Spiegel & Co. nicht mehr gut genug sind, dass die Menschen davor stehen bleiben?
Der stern und der Spiegel werden mit gestern assoziiert. Das, was die Marken früher mal stark gemacht hat, macht sich heute schwach. So gehört zum Markenkern des Spiegels eine gewisse Autorität. Nur leben wir jetzt in einer Zeit, wo Autoritäten nicht mehr gefragt sind. Beim Spiegel denken noch zu viele, dass ein Thema erst dann auserzählt ist, wenn es der Spiegel gemacht hat. Dabei war es schon überall zu lesen. Gerade diese Erzählhaltung stößt vor allem jungen Lesern böse auf. Die verbinden ja auch nicht dieses Weihevolle mit dem Spiegel, wie noch ihre Eltern.

Gehrs, der selbst für zwei Jahre beim Spiegel arbeitete, setzt sich immer wieder Kritisch mit dem Nachrichtenmagazin auseinander. Hier das Dummy-Cover zum Thema „Hilfe“

Warten wir also auf einen jungen Augstein, der Nachrichten-Magazin-Journalismus für jüngere Zielgruppen neu denkt?
Das wäre schon großartig. Schauen sie mal: Die Geisteswissenschaften erleben gerade eine echte Renaissance. Das zeigt, wofür sich die jungen Leute heute interessieren. Die sind hellwach. Die brennen für gesellschaftliche Themen. Man müsste sie packen, ihre Ideen und ihren Furor und mit ihnen ein Medium für ihre Generation machen.

Gibt es denn auch eine Renaissance für gedruckte Magazine?
Mit Online läuft es auf eine friedliche Koexistenz hinaus. Print-Magazine können mit ihren überraschenden Themen und Inhalten auch mal helfen, die eigenen Online-Filterblasen und Echokammern zu verlassen. Ein Magazin kann seine Leser auf wunderbare Pfade führen, die sie sonst nie betreten hätten. So stoße ich bei der Zeit, anders als beim Spiegel, immer wieder auf Themen, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass ich eigentlich mehr darüber wissen will. Das paust sich ja auch in den Auflagen ab. Zudem ist es beim Magazin- wie beim Buchmarkt.

Nämlich?
Jetzt mal jenseits der Krimi-Kost: Am erfolgreichsten sind die Bücher, die sich um eine gewisse Ausstattung bemühen. Da kommen ein Farbschnitt und ein Lesebändchen dazu. Das ist bei Magazinen auch ganz ähnlich. Die Haptik wird immer wichtiger. Wie wichtig aufwendig gemachte Magazine noch immer sind, sieht man beispielsweise auch bei Corporate-Kunden. Die wollen erst nur eine Webseite. Aber dann wünscht sich der Vorstand doch auch wieder ein gedrucktes Magazin. Das kann man halt hinlegen, vorzeigen, verschenken. Das liegt gut in der Hand und ist auch nicht so flüchtig wie das Netz.

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