Anzeige

Fake News in der Rheinischen Post? FDP-Chef Lindner bezeichnet Bericht über geheimes Jamaika-Treffen als „frei erfunden“

FDP-Chef Christian Lindner (links), Rheinische Post Chefredakteur Michael Bröcker: Streit um angebliches Jamaika-Geheimtreffen
FDP-Chef Christian Lindner (links), Rheinische Post Chefredakteur Michael Bröcker: Streit um angebliches Jamaika-Geheimtreffen

Die Düsseldorfer Rheinische Post berichtet, dass Grüne und FDP im Geheimen bereits mit Sondierungen für eine Jamaika-Koalition begonnen haben und auch bereits Ministerposten aufteilen. FDP-Chef Christian Lindner und Grüne-Spitzenpolitiker dementieren entschieden, RP-Chefredakteur Michael Bröcker verweist auf ein Dokument, das der Redaktion vorliegt, und auf vertrauenswürdige Informanten.

Anzeige
Anzeige

„In Kreisen von Grünen und Liberalen kursiert ein Papier, wonach bereits ein informelles Sechser-Treffen stattgefunden haben soll“, schreibt die Rheinische Post in ihrem Artikel „Grüne und FDP bereiten Jamaika Koalition“ vor. In der Bildunterschrift wird sogar noch deutlicher formuliert: „Grüne und Liberale haben schon mit den Sondierungen zur Jamaika-Koalition begonnen.“ Das ist brisant, da es offiziell noch keinerlei Sondierungsgespräche gegeben hat und auch die CDU als Partei mit den meisten Stimmen noch zu gar keinen Sondierungsgesprächen eingeladen hat. Sondierungsgespräche finden vor Koalitionsgesprächen statt um zu testen, ob man überhaupt die Chance auf eine gemeinsame Basis hat. Bekanntermaßen muss sich die CDU aber erst einmal mit ihrer Schwesterpartei CSU in zentralen Fragen einig werden – Stichwort: Obergrenze – bevor es mit Jamaika-Sondierungen losgehen kann.

Diese Gemengelage lässt solche Geheimgespräche, wie sie von der RP berichtet werden unwahrscheinlich erscheinen. Zumal es bei diesen Gesprächen schon darum gegangen sein soll, welche Partei welche Ministerposten bekommt. Aber unwahrscheinlich muss ja nicht unmöglich bedeuten. An dem Gespräch sollen laut RP FDP-Chef Lindner, FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, Parteivize Wolfgang Kubicki, Grünen-Chef Cem Özdemir, Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und der schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck teilgenommen haben. Die FDP hat gegenüber der RP dementiert, dass es ein solches Treffen gab, das Dementi findet sich auch im Bericht.

Die RP dokumentiert ihre Recherche mit einem Screenshot. Der Redaktion liegt das „Papier“ in digitaler Form als E-Mail vor, wie Chefredakteur Michael Bröcker gegenüber MEEDIA erklärt. FDP-Chef Lindner hat den Bericht auf Facebook und bei Twitter deutlich als „in jeder Hinsicht frei erfunden“ bezeichnet. Gezeichnet „CL“ für Christian Lindner. Der FDP-Chef hat den Tweet also persönlich verfasst. Unter dem Tweet finden sich weitere, u.a. von Robert Habeck, der erklärt, er und Lindner würden sich kommenden Sonntag erstmals in der Talkshow „Anne Will“ treffen. Die RP sei wohl einer Ente aufgesessen, so Habeck. Auch Özdemir nutzte Twitter für sein Dementi:

Anzeige

RP-Chefredakteur Michael Bröcker reagierte auf Lindner und Özdemir, indem er nochmals den Screenshot des „Papiers“ twitterte und erklärte, die Redaktion habe das Dokument nicht erfunden. Bröcker schränkte aber zugleich ein: „Vielleicht aber nur Skizze übereifriger Parteileute …“

Gegenüber MEEDIA sagte Bröcker: „Unsere Informanten versicherten uns, dass es Gespräche zwischen den Spitzen von Grünen und FDP gab, deren Ergebnisse in der von uns veröffentlichten E-Mail detailliert beschrieben werden. Weder Form, noch Schrift, noch Inhalt des Textes, gaben Anlass, an der Sachlage und an der Echtheit des Dokuments zu zweifeln, zumal die Informanten bei uns als verlässliche Quellen bekannt sind.“ Dass die Mail existiert sei für jeden ersichtlich, die Geschichte als „frei erfunden“ zurückzuweisen sei „deshalb schon mutig“, so Bröcker in Richtung Lindner. Der in der Mail enthaltene Fahrplan seit von zusätzlichen Quellen bestätigt worden.

Das Ganze ist darum relevant, weil der Bericht der RP gängige Ressentiments gegenüber der Politik und Politikern aufgreift, nämlich, dass es diesen vorrangig um Posten ginge. Vor allem FDP-Chef Lindner hat in seinem Wahlkampf immer wieder betont, dass es ihm eben nicht um Posten, sondern um die berühmten Inhalte geht. Wäre das „Papier“, das der RP vorliegt, echt, wäre Lindner quasi als Lügner entlarvt. Dass die beteiligten Politiker aber alle so schamlos öffentlich lügen, wenn sie öffentlich bestreiten, dass es ein solches Treffen gab, erscheint kaum vorstellbar. Ist das „Papier“ nun also „eine Skizze übereifriger Parteileute“ ist, wie Bröcker in seinem Tweet andeutet? Man weiß es offenbar nicht, trotz angeblich vertrauenswürdiger Quellen.

Bröcker betont, dass der Artikel im Konjunktiv formuliert ist, da hat er recht. Überschrift und Bildunterschrift sind aber im Indikativ formuliert. Das ist eine durchaus gängige Form der journalistischen Zuspitzung, die sich in Fällen wie diesen aber gleichwohl als problematisch erweisen kann.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Wenn sowieso nur Grüne und FDP teilgenommen haben, kann es ja kein Jamaica-Treffen sondern nur grün-gelb oder gelb-grün sein. Und eine Videokonferenz ist vielleicht auch kein Treffen und sowieso nur virtuell also nur im Kopf. So (oder ähnlich) kann man sich gut heraus-reden und die eigenen Delegierten bejubeln und verteidigen sowas dann sogar noch… Rückkehr ist ja leider inzwischen Tradition:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Bonusmeilen-Affäre

  2. es war bei der Landtagswahl in NRW doch auch so, daß es sich in Gänze bestätigte, was die RP im Vorfeld berichtete…..also, obwohl ich der Presse grundsätzlich nur eingeschränkt vertraue, glaube ich in diesem Falle dem Blatt
    voll und ganz.
    Geheimabsprachen gab es doch schon immer, in diesem Falle sollte man denjenigen, die das veröffentlicht haben, danken, ist es doch ein besonders
    schlimmer Fall von Wählerbetrug.
    Ach ja…was hätte die RP denn davon, sollte sie vorsätzlich diesen Artikel zum Schaden der kleinen Parteien eingestellt haben? Eben, nichts hätte sie davon- also……

    alles an.

  3. Erster Testlauf für die Selbstzensur bei behaupteten fakenews. Muss RP jetzt binnen einer Woche löschen?

  4. „Grüne und Liberale haben schon mit den Sondierungen zur Jamaika-Koalition begonnen.“ Das ist brisant, da es offiziell noch keinerlei Sondierungsgespräche gegeben hat und auch die CDU als Partei mit den meisten Stimmen noch zu gar keinen Sondierungsgesprächen eingeladen hat

    Unerhört.

    Die bestens begründete Definition für Sondierungsgespräch lautet bekanntlich:

    Was die Presse als solches ausgibt,
    nur durch die CDU einleitbar.

    Ist Mutti denn überhaupt schon wieder aus Tallin zurück?

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*