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Von der AfD über Streaming bis zur Elefantenrunde: 10 elementare Erkenntnisse für Medien aus der Bundestagswahl

Wahlberichterstattung im TV und bei Facebook
Wahlberichterstattung im TV und bei Facebook

Die Bundestagswahl ist vorbei und das Ergebnis ist ebenso kontrovers wie spannend, wie zu erwarten war. Nicht nur für die Parteien, auch für die Medien bietet der Wahlausgang teils überraschende Erkenntnisse, die verarbeitet werden wollen.

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1. Streaming erobert die Politik-Berichterstattung …

Die Vielfalt an politischer Berichterstattung war vermutlich nie zuvor so groß wie zu dieser Bundestagswahl. Zahlreiche Medien experimentierten am Wahltag mit Live-Formaten, die meisten nutzen dafür die Live-Streaming-Technik von Facebook. Besonderen Aufwand betrieb einmal mehr Bild mit einem eigens eingerichteten Wahlstudio im Axel Springer Hochhaus in Berlin. Aber auch viele andere Redaktionen mischten mit beim Live-Streaming, von der FAZ (samt einer peinlichen Mikrofon-Panne) über stern.de bis hin zu RTL II. Live-Streaming hat sich nach dieser Wahl endgültig als eigenständiges mediales Format durchgesetzt. Facebook ist dabei die Plattform der Wahl.

2. … aber die alten medialen Kräfteverhältnisse gelten dabei nicht. RTL II schlägt sie alle!

Der eigentlich für den hohen Trash-Anteil im Programm bekannte Privatsender RTL II sendete am Wahl-Sonntag eine dreistündige „Wahlparty“ mit Interviews, Analysen und Reportern bei allen Parteien. Lohn der Mühe: Die „Wahlparty“ von RTL II war das mit Abstand erfolgreichste Live-Streaming der Medienanbieter. Hier eine Auswahl der erfolgreichsten Live-Streamingangebote zur Bundestagswahl:

1. RTL2 News (825.000 Views)
2. Bild (619.000)
3. Tagesschau (323.000)
4. Tagesschau (237.000)
5. Bild (221.000)
6. N24 (212.000)
7. WAZ (174.000)
8. Tagesschau (141.000)
9. ZDFheute (135.000)
10. FOCUS Online (119.400)

Zum Vergleich:
Spiegel Online (117.800)
RP Online (56.700)
FAZ (24.700)

3. TV bleibt an Wahltagen das Leitmedium

Trotz des beachtlichen Aufwands, den Redaktionen beim Streaming betreiben: Gegen klassisches Fernsehen kommen die digitalen Medien an einem solchen Wahlabend nicht an. Während bei ARD und ZDF ein Millionenpublikum den Fortgang der Wahl verfolgte, blieben die Zuschauerzahlen der diversen Live-Streamings vergleichsweise überschaubar. Dazu muss man auch stets im Hinterkopf behalten, dass bei Facebook wenige Sekunden ausreichen, damit ein Abruf bei einem Video gezählt wird. Bei TV-Quoten wird stets ein Durchschnittswert an Zuschauern über die gesamte Laufzeit einer Sendung angegeben. Facebook Live Zahlen und TV-Quoten sind also nicht vergleichbar. Wie MEEDIA-Daten-Analyst Jens Schröder schon in seinem Trending-Letter zur Wahl schrieb: „820.000 TV-Zuschauer sind also in der Regel ein deutlich größerer Wert als 820.000 Facebook-Views.“

4. Privatsender verabschieden sich von der politischen Relevanz

Wenn die Experimentierfreude vor allem von Print-Redaktionen im Digitalen positiv überraschte, so fiel das Engagement von privaten TV-Sendern in Sachen Wahlberichterstattung enttäuschend aus. RTL sendete überschaubare 90 Minuten Wahl-Sondersendung, Sat.1 magere 25 Minuten. Bei ProSieben fand die Wahl außerhalb der regulären Nachrichten überhaupt nicht statt. Offensichtlich haben die privaten TV-Sender in Sachen Politik-Berichterstattung vor der Dominanz der öffentlich-rechtlichen Sender kapituliert. Das ist traurig, denn zum Beispiel RTL II zeigte als Ausnahmeerscheinung bei den Privaten mit seiner „Wahlparty“, dass es durchaus Platz für Nischen- und Spezialangebote neben den öffentlichen Sendern geben kann, die ein Publikum finden. Außerdem reklamieren Privatsender immer wieder gerne für sich, auch eine gesellschaftliche Rolle zu spielen. ProSiebenSat.1 Vorstand Conrad Albert forderte in diesem Jahr sogar öffentlich, Privatsender sollten an Rundfunkbeiträgen partizipieren, weil sie einen Teil der Grundversorgung übernehmen würden. Mit der (Nicht)-Performance an diesem Wahlsonntag bleiben solche Forderungen leeres Wortgeklingel.

5. Die Öffentlich-Rechtlichen liefern, wenn es darauf ankommt

Viel wird immer wieder und auch immer wieder zurecht kritisiert am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man muss aber auch festhalten, dass ARD und ZDF wenn es darauf ankommt ihren Informationsauftrag exzellent erfüllen. Die Wahlberichterstattung auf beiden öffentlichen Sendern war durchweg professionell und informativ. Präzise Zahlen, schnelle Interviews und Schalten hin zu Kundgebungen in den Parteizentralen. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind Wahltage Glanztage.

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6. Fake News waren (noch) kein Problem

Viel wurde im Vorfeld spekuliert und Angst geschürt, Fake News, womöglich aus dem Ausland gesteuert, könnten die Bundestagswahl beeinflussen. Die Befürchtungen haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Von Einzelfällen abgesehen, spielten so genannte Fake News, also gezielt gestreute Falschnachrichten, keine Rolle in diesem Wahlkampf. Von us-amerikanischen Verhältnissen sind wir auch in dieser Beziehung hierzulande noch sehr weit entfernt.

7. Hochrechnungen haben eine ausgezeichnete Qualität

Bei dieser Wahl zeigte sich einmal mehr, wie professionell die Umfrage-Institute im Bereich der Hochrechnungen am Wahltag arbeiten. Bereits die allerersten Hochrechnungen kurz nach 18 Uhr, die auf Umfragen am Wahltag basieren, zeigten ein extrem genaues Bild der Wahl, das sich im tatsächlichen Ergebnis der ausgezählten Stimmen nur noch um Nuancen verschob. Sowohl ARD, als auch ZDF lagen bei den großen sechs Parteien (CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke, FDP, AfD) mit ihren 18-Uhr-Prognosen verglichen mit dem Endergebnis im Durchschnitt weniger als 0,5 Prozentpunkte daneben. Während die Umfragen vor der Wahl immer wieder mit Ungenauigkeiten zu kämpfen haben, sind die Hochrechnungen am Wahltag sehr zuverlässig. Für die ARD erstellt Infratest Dimap die Prognosen und Hochrechnungen, für das ZDF die Forschungsgruppe Wahlen. Dies zeigt, dass viel von der Kritik an der Demoskopie auch unfair ist. Die Umfragen im Vorfeld des Wahltages müssen mittlerweile mit einem sich immer schneller ändernden Stimmungsbild in der Bevölkerung zurecht kommen. Viel von der Kritik an den Umfragen kommt auch daher, dass das Publikum immer wieder Wahrscheinlichkeiten mit Gewissheiten verwechselt.

8. Das Comeback der Elefantenrunde

Die „Berliner Runde“ nach der Wahl, eine Live-Analyse in ARD und ZDF mit Spitzenkandidaten aller gewählten Parteien, hat Tradition. Die so genannte Elefantenrunde galt aber in der Vergangenheit schon mal als überholt und schwerfällig bis langweilig. Ganz ofensichtlich hängt der Spannungsgrad der Elefantenrunde aber auch vom Wahlausgang ab. Das spannende bis dramatische Wahlergebnis sorgte diesmal für eine ebensolche Diskussion unter den Spitzenpolitikern mit den Chefredakteuren von ARD und ZDF. Die Abgrenzung der etablierten Parteien zum Neuzugang AfD, der verspätet erwachte Wahlkämpfer Martin Schulz, erste Annäherungen zwischen FDP und Grünen in Gestalt von Christian Lindner und Katrin Göring-Eckardt – all das war hoch interessant und auch unterhaltsam anzuschauen. Zusammengenommen sahen über zehn Millionen Zuschauer die „Berliner Runde“ bei ARD und ZDF. Sogar Bild.de übertrug die „Berliner Runde“ live im Internet – eine eher ungewöhnliche Kooperation. Insgesamt lockte die Elefantenrunde so viele Zuschauer wie seit 2005 nicht mehr.

9. FDP Agentur Heimat gewinnt den Wettkampf der Werber

Mit ihrem fulminanten Wiedereinzug in den Bundestag ist die FDP einer der großen Gewinner des Wahlabends. Als Gewinner darf freilich auch die FDP-Werbeagentur Heimat betrachtet werden, die eine ebenso kontrovers diskutierte, wie mutige und frische Kampagne für die Liberalen erfand. Die Fokussierung auf den Spitzenkandidaten Lindner, die ungewöhnliche Schwarzweiß-Optik, die Entscheidung, Plakate mit großen Textblöcken aus dem Wahlprogramm zu machen – all dies hat ausgetretene Pfade der Polit-Werbung verlassen und sich als goldrichtige Strategie erwiesen. Die FDP-Kampagne ließ die der anderen Parteien alt aussehen. Besonders bitter ist das für die CDU-Werber von Jung von Matt und ihren Slogan „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die Werbesprüche waren sicher nicht wahlentscheidend, aber eine Agentur wie Jung von Matt sollte sich überlegen, ob nach dieser Performance der gerne genommene Zusatz „kreativ“ vor dem Agenturnamen noch passend ist.

10. Zwischen ignorieren oder bekämpfen – die Medien im AfD-Dilemma

Auch das machte der Wahlabend und die darauffolgende Berichterstattung klar: Die Medien haben immer noch keine klare Linie gefunden, wie mit dem Phänomen AfD umzugehen ist. Es geht den Medien dabei nicht anders wie den etablierten Parteien. Bislang rangieren die Strategien von Ignoranz bis offene Bekämpfung. Mit den immer wieder zelebrierten Ausfällen des AfD-Personals macht die Partei es den Medien freilich auch nicht leicht. Das sollte für die Journalisten aber kein Grund sein, die Rolle der Berichterstatter gegen die von Aktivisten einzutauschen. Normalität im Umgang herzustellen, ist im Zusammenhang mit der AfD eine der schwierigsten Aufgaben, die Medien (und Parteien) erst noch lösen müssen. Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag führt daran aber kein Weg vorbei.

Mitarbeit: Jens Schröder

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Alle Kommentare

  1. …5. Die Öffentlich-Rechtlichen liefern, wenn es darauf ankommt…

    Normal, da schauen die Parteibücher dreifach genau hin, wenn da was schiefgeht gibts monatelang Stress mit den „Gremien-Gremlins“, Drohung mit GEZ-Kürzung inkl.

    Der Landfrauen-Verband soll ein übler Zuchtmeister sein, nach den Parteien selbstredent.

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