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„Sender als schnappatmende Schockverstärker“: die Medienstimmen zur Bundestagswahl

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In der ersten Einschätzung sind sich die meisten Medien einig: “Angela Merkel hat diese Niederlage verdient, es ist ihre Niederlage, auch in dieser Höhe" (Spiegel). Das Wall Street Journal sieht gar eine "Merkeldämmerung", während die Süddeutsche immerhin über eine Mitschuld der Medien am starken AfD-Abschneiden nachdenkt. In der Bild hofft Chefredakteurin Tanit Koch, dass Deutschland kein “Gauland wird."

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Tanit Koch kommentiert in der Bild: „Angela Merkel ist es nicht gelungen, einer verunsicherten Bevölkerung die Sorge vor Kriminalität und Islamisierung zu nehmen. Die Angst davor gab es lange vor der Flüchtlingskrise. Doch man war sich zu fein dafür, sie zu adressieren. Nun hat die AfD die Früchte dieser Angst geerntet. Ab jetzt gilt es, zu handeln, das Vertrauen zurückzuerobern. Damit Deutschland kein Gauland wird.“

Hans-Jürgen Jakobs schreibt im Morning Briefing des Handelsblatt: „Erdbeben, Denkzettel, Erdrutsch, Schock – nur mit Vokabeln drastischer Art lässt sich diese Bundestagswahl beschreiben. Es war eine Anti-Merkel-Wahl, die als Pro-Merkel-Wahl endete.“ Weiter schreibt er: „Aus dem Wohlfühl-Modus, in den sie die Deutschen hypnotisiert hat, muss nunmehr ein Aufbauprogramm pro Digitalisierung, Klimaschutz und Bildung werden – und das im Zusammenspiel mit dem Wahlgewinner FDP (Comeback auf 10,7 Prozent) und den Grünen.“

Spiegel-Vize Dirk Kurbjuweit erklärt im Morning Briefing „Die Lage“ und nennt sechs Gründe, warum das Wahl-Ergebnis doch ein gutes ist. Zudem schreibt er: „Es geht nicht an, dass jemand müde und lustlos seine erneute Kandidatur erklärt, uninspiriert durch den Wahlkampf schleicht, die Herausforderung von rechts weitgehend ignoriert und damit ein gutes Wahlergebnis einstreicht. Angela Merkel hat diese Niederlage verdient, es ist ihre Niederlage, auch in dieser Höhe. Diesmal ist sie mit ihrem Politikansatz gescheitert, ihrem Projekt. Das hat sie vor vielen Jahren erfunden. Es hieß: die Regierung der Stille. Niemanden aufregen, alle beruhigen, keine großen Debatten, keine großen Veränderungen, Konsens, möglichst breit, am liebsten in einer Großen Koalition. Das Ergebnis jetzt: Die Große Koalition ist abgewählt, das Land erlebt Streit wie lange nicht mehr.“

In der Süddeutschen geht Paul Katzenberger der Frage nach, ob die öffentlich-rechtlichen Sender am Wahlabend dem Ergebnis der AfD so viel Sendezeit hätten einräumen müssen. Der „Schock“ des Wahlergebnisses der Partei wäre für die Programmmacher nicht „wirklich überraschend“ gewesen. „Da wären die deutsche TV-Öffentlichkeit ein guter Ort gewesen, um mit der Ursachenforschung anzufangen. Zu fragen, was nun geschehen muss, in Deutschland, im Parlament.“ Weiter schreibt er: „Doch die Sender gerierten sich über weite Strecken als schnappatmende Schockverstärker. Als wäre AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland nun zu einer bestimmenden Größe der deutschen Politik, speisten die Sender seine provokativen Äußerungen im Viertelstundentakt in ihre Meldungen ein: „Wir werden Frau Merkel jagen.“ Die AfD wolle sich „unser Land und unser Volk zurückholen“. Worte wie „jagen“, „Land“ und „Volk“ gehen nicht zusammen mit dem, was bisher als Kodex im demokratischen Diskurs gilt. Doch musste das öffentlich-rechtliche Fernsehen dabei noch als Verstärker wirken? Ging es nicht viel mehr um die Frage, wie es mit dem Land weitergeht? Wer dazu Antworten haben wollte, wurde von der TV-Berichterstattung dieses Abends eher spärlich bedient.“

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Heribert Prantel beschäftigt sich mit dem Erfolg der AfD. Er meint: „Heulen ändert nichts“. Seine Analyse endet mit dem Absatz: „Vor Jahrzehnten, als die NPD Wahlerfolge hatte, klebten an den Unis Aufkleber mit dem Satz „Neonazis rüsten fleißig für ein neues 33„. Der Reim ist zu billig, um damit heute viel auszurichten. Die Auseinandersetzung mit der AfD wird fantasievoller und energischer sein müssen. Die anderen Parteien müssen sich klar von der AfD abgrenzen und zugleich mit dem heutigen Tag beginnen, AfD-Wähler zurückzugewinnen. Schon die Koalitionsverhandlungen gehören zu diesem Versuch. Er ist eine Bewährungsprobe für die deutsche Demokratie.“

In der Welt dröselt Torsten Krauel den „heilsamen Zwang des Wahldesasters“ auf: „Seit Sonntag gibt es einschließlich der CSU nun sieben Bundestagsparteien. Eine gezielt herbeigeredete politische Polarisierung mit sieben Parteien ist etwas völlig anderes als der Wettstreit zwischen dreien. SPD oder FDP, Grüne oder Linke schreien sich als Machtlose an, die einander dringend brauchen, um überhaupt etwas bewegen zu können. Einzig die Union hat trotz ihrer schweren Niederlage noch Eigengewicht genug, um sagen zu können, ein scharfes Wort von ihr habe auch scharfe Konsequenzen. Die anderen Parteien sind für große Worte zu klein geworden.“

In seinem Countdown-Newsletter analysiert Mathias Müller von Blumencron für FAZ.net: „Im Morgenlicht des anbrechenden Tages erstreckt sich vor uns ein Trümmerfeld, das Trümmerfeld der Parteienlandschaft der Nachkriegsgeschichte. Diese Wahl war nicht weniger als ein Erdbeben, allerdings eines mit Ansage.“ Der scheidende Digital-Chef der FAZ der sieht eine „naheliegende Perspektive“. So schreibt er: „CDU/CSU, FDP und Grüne starten als temporäre Koalition, deren Protagonisten nach etwa zwei Jahren erschöpft aufgeben werden. Vielleicht hat sich bis dahin die AfD genug desavouiert. Vielleicht hat die SPD dann festgestellt, dass ihr die Opposition noch weniger bekommt als die Regierungsbeteiligung. Mit Sicherheit aber wird die Kanzlerin dann für sich selbst festgestellt haben, dass es jetzt reicht. Das Ergebnis wären Neuwahlen, das Ende der Ära Merkel und eine neue Regierung – geleitet von ihrer Nachfolgerin oder ihrem Nachfolger.“

In der taz beschäftigt sich Jan Feddersen mit der Alternative für Deutschland: „Die AfD wird nichts ändern können, ihr gemeinsamer Hass ist solitär und einer von Verzweifelten. Sie werden sich mit dem neuen Deutschland (Marina und Herfried Münkler) arrangieren müssen, sie sind auch lifestylig nie mehr als Verlierer gewesen – selbst dann, wenn sie aktuell ein Siebtel der Stimmen gewinnen sollten. Sechs Siebtel stehen gegen sie, weil sie das, was die AfD repräsentiert, nicht wollen. Sie haben keine Chance. Ihre Weltvorstellungen sind streng und eng, sie versprechen kein gutes Leben. Sondern nur ein anstrengendes-gesinnungsethisches. Das muss sie verzweifeln lassen. Gut so. Und: fuck them all!“

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