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„Deutsche Version von Breitbart“: Wie der Spiegel eine brisante Formulierung klammheimlich löschte

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, im Nachgang gelöschter Seitenhieb gegen die Konkurrenz: „Ungenauigkeiten in der Hektik der Heftproduktion“
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, im Nachgang gelöschter Seitenhieb gegen die Konkurrenz: "Ungenauigkeiten in der Hektik der Heftproduktion"

Der Spiegel hat sich ausnahmsweise selbst korrigiert – allerdings bekam kaum ein Leser etwas davon mit. In einem Polit-Portrait über den FDP-Politiker Christian Lindner nannte das Nachrichtenmagazin das Newsportal des Focus "eine deutschsprachige Version von Breitbart News". Jetzt ist die Formulierung im E-Paper gelöscht, das Magazin beruft sich bei dem Fauxpas auf die "Hektik der Heftproduktion".

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In seiner aktuellen Ausgabe beschäftigt sich der Spiegel ausgiebig mit der anstehenden Bundestagswahl. So liefert das Politik-Ressort ein Interview mit dem SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz, Melanie Amann nähert sich Alice Weidel, und Markus Feldenkirchen begleitet den “Selfiemademan” Christian Lindner. In dem vierseitigen Portrait über den FDP-Chef findet sich 14 Absätze vor dem Ende ein Nebensatz mit einem merkwürdigen Vergleich, der später nahezu lautlos wieder verschwindet.

So heißt es in der Print-Ausgabe des Nachrichtenmagazins (Hervorhebung durch MEEDIA):

Kurz darauf verbreitete er diese These der AfD-Spitzenkandidatin in Interviews und auf Facebook. Sie geht zurück auf einen Artikel auf Focus.de, einer deutschsprachigen Version von Breitbart News, der später korrigiert werden musste.

Am Montagmittag liest sich der Satz im E-Paper um eine deutliche Nuance anders. Er lautet:

Kurz darauf verbreitete er diese These der AfD-Spitzenkandidatin in Interviews und auf Facebook. Sie geht zurück auf einen Artikel auf Focus.de, der später korrigiert werden musste.

 

Auch der Spiegel musste also später offensichtlich korrigiert werden, nur fehlt in der veränderten Fassung der identifizierende Hinweis auf eben diesen Eingriff. Aber dazu später mehr. Fakt ist: Im aktuellen E-Paper des Magazins ist die Nebensatz-Anspielung auf Focus.de und die rechte US-Plattform nicht mehr enthalten. Die gedruckte Spiegel-Ausgabe hingegen konnte im Nachhinein nicht mehr verändert werden; dort ist die ursprüngliche Formulierung für die Masse der Leser weiterhin präsent.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Breitbart gilt als eines der maßgeblichen Sprachrohre der amerikanischen Alt-Right-Bewegung, der jedes Mittel recht zu sein scheint, ihre Meinung und ihre Version der Wahrheit zu verbreiten. Die Breitbart-Macher stehen im Ruf, Profis zu sein, wenn es darum geht, Stories einen ideologischen Spin zu verpassen, indem man ausgewählte Fakten einfach verschweigt. Aufgebaut wurde Breitbart von dem umstrittenen ehemaligen Trump-Berater Stephen Bannon.

Gerade Markus Feldenkirchen, der laut Autoren-Kasten beim Spiegel über Politik schreibt und “Koordinator für Meinungsfragen” ist, sollte also genau wissen, um wen es sich bei Breitbart handelt – und sich ebenso genau überlegen, auf wen er einen derartigen Vergleich anwendet. Immerhin begleitete er als US-Korrespondent des Nachrichtenmagazins den Weg von Donald Trump ins Weiße Haus. Er muss sich also sehr wohl bewusst gewesen sein, was er da schreibt und in welchen rufschädigenden Zusammenhang er die Online-Präsenz eines direkten Wettbewerbers mit dieser Tatsachenbehauptung stellt.

Beim Medienhaus Burda, das den Focus verlegt, wurde der Nebensatz jedenfalls als grobes Foulspiel gewertet. Man sei empört über diese Beleidigung, heißt es seitens des Münchner Verlags und verwundert, dass „eines der führenden deutschen Online-Medien mit einem deutschen Ableger des rechtspopulistischen und gemeinhin als Fake-News-Schleuder berüchtigten“ Breitbart.com gleichgesetzt werde. Focus Online-Chefredakteur Daniel Steil erklärt dazu: „Vom Spiegel, der für sich selbst eine hohe Qualität beansprucht, hätte ich hier eine größere Sorgfalt erwartet. So etwas ist sehr ärgerlich und kann durchaus auch wettbewerbsschädigend sein. Die Spiegel-Kollegen sollten hier noch einmal ihre Qualitätskontrolle prüfen. Dass der Spiegel den Artikel sofort geändert hat, spricht für sich.“

Die Korrektur des Nebensatzes ging beim Spiegel allerdings nicht sonderlich transparent vonstatten. Unter dem Feldenkirchen-Portrait von Lindner heißt es in der online verfügbaren Version nun: „Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.“ Eine defensive und lapidare Erklärung, die letztlich auch auf die Hinzufügung eines Kommazeichens anwendbar wäre. Was im Artikel bearbeitet wurde und warum dies geschah, bleibt unklar.

Auf Nachfragen von MEEDIA teilte ein Spiegel-Sprecher Folgendes mit:

Ja, wir haben die Passage in unseren digitalen Ausgaben korrigiert. Sie ist missverständlich und konnte beispielsweise so gelesen werden, als sei Focus.de eine Tochterfirma von Breitbart. In der Hektik der Heftproduktion können Ungenauigkeiten bisweilen vorkommen, und dann korrigieren wir sie.

„Hektik der Heftproduktion“ und „Ungenauigkeiten“ sind Nebelraketen, die die offensichtlich schädigende Intention der Formulierung grotesk verschleiern. Dass hunderttausende Leser der Printausgabe von der Korrektur vermutlich niemals Kenntnis erhalten, erwähnt der Spiegel-Sprecher nicht. Motto: Sei’s drum, es ist halt beim führenden deutschen Nachrichtenmagazin oft wahnsinnig hektisch. Solche Malheurs gehören da zum normalen Betrieb, könnte man angesichts dieses Statements meinen. Und nicht jeder im Haus an der Ericusspitze scheint etwas dabei zu finden.

Am Montagmorgen hatte Medienjournalist Daniel Bouhs den merkwürdigen Passus in der Spiegel-Story von Markus Feldenkirchen öffentlich gemacht. Er twitterte einen Screenshot und schrieb nur dazu: “Quelle: der Spiegel”.

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Die erste Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie kam von Janko Tietz, dem CvD von Spiegel Online. Er entgegnete in Richtung Bouhs: “Gibt es Gegenargumente? Der Satz ist wahr, sonst hätte er die Fact Checker nicht passiert, für die allein Belege zählen.” In einer Online-Redaktion, aus der heraus ein verantwortlicher Redakteur jüngst beim TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz öffentlich die Frage stellte, ob die Kanzlerin schon gefragt worden sei, „ob sie Schulz fuckable findet“, kann man indes nie sicher sein, ob solche Postings nicht eventuell ironisch gemeint sind.

Offenbar gab es aber sehr wohl Gegenargumente.

Auch die weiteren Reaktionen im Social-Web unterstützen nicht gerade den Spiegel in seiner ersten Sichtweise von Focus Online. So twitterte der Medienberater Thomas Knüwer: “Würde ein Medienblog euch in dieser Art kritisieren, würde es mit Wut und Verachtung nicht unter 20 Jahre bestraft. #getreal”.

Beim Spiegel ist man offensichtlich der Meinung, mit einem ebenso stromlinienförmigen wie windigen Statement in der Causa Focus Online davonzukommen. Dabei scheint der vernichtende Nebensatz bei dem Politmagazin durchaus System zu haben. Das Portrait Feldenkirchens über den „Selfiemademan“ und FDP-Spitzenmann Christian Lindner jedenfalls liest sich über weite Strecken wie eine sich an Oberflächlichkeiten entlang hangelnde gezielte Demontage des Kandidaten, der vom Spiegel-Autoren stellenweise geradezu in die Nähe eines Fischmarkt-Verkäufers gerückt wird.

Auch an Seitenhieben auf die Konkurrenz spart Feldenkirchen nicht. So ist für ihn nicht nur Focus Online eine deutschsprachige Version von Breitbart News, auch die Macher des Handelsblatts bekommen ihr Fett weg. Ohne erkennbaren Zusammenhang zum eigentlichen Thema schreibt er: „Am nächsten Tag ist er (Lindner, die Red.) bei einer Tagung seiner Freunde vom Handelsblatt.“ Was das angeblich Kumpelhafte ausmachen soll, erwähnt Feldenkirchen nicht – er setzt ohne Vorwarnung einen Nadelstich im Nebensatz, ein Mittel der Demagogie.

Ist das beim Nachrichtenmagazin der neue Standard? In eigener Sache nimmt man es jedenfalls mit Kritik und Informationsbegehren derzeit nicht allzu genau. So hatte MEEDIA dem Spiegel zur gelöschten Formulierung im Lindner-Artikel vier Fragen gestellt. Sie lauteten:

Ist es richtig, dass sie dieser Passage nachträglich geändert haben?

Warum haben sie den Nebensatz gestrichen/geändert?

Wie kam es dazu, dass die Formulierung von “Focus.de, einer deutschsprachigen Version von Breitbart News“ durch die Dokumentation gehen konnte und in der gedruckten Version erschien?

Wie bewertet der Spiegel die Aussage, dass “Focus.de eine deutschsprachige Version von Breitbart News” sei?

Die Antwort auf die Fragen (siehe oben) erfolgte beim Spiegel quasi engros und inhaltlich ziemlich sparsam. Nicht einmal auf die Aussage des eigenen Online-CvDs nimmt die Stellungnahme Bezug. Auf Nachfrage von MEEDIA, warum der Spiegel die Änderung der betreffenden Textstelle überhaupt nicht deutlich gemacht hat, teilte ein Sprecher mit: „Im Zusammenhang mit der Korrektur wurde auch darauf hingewiesen, dass der Artikel nachträglich bearbeitet wurde.“ Was immer das mit Blick auf die Löschung einer konkreten Tatsachenbehauptung heißen soll.

Immerhin scheint man bei Burda kein Interesse an einer weiteren Eskalation der Sache zu haben. Rechtliche Schritte werde man wohl nicht ergreifen, heißt es. Eine Sprecherin: „Inzwischen hat der Spiegel diesen merkwürdigen – und in unseren Augen wirklich unverschämten und völlig unbegründeten – Seitenhieb von Herrn Feldenkirchen im E-Paper ersatzlos gestrichen. Dabei wollen wir es nun auch bewenden lassen.“

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

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