Anzeige

Presserat missbilligt Fahndungsaufruf zu G20-Gewalttätern in Bild und rügt FAZ für homophoben Kommentar

Der Presserat missbilligt den eigenmächtigen Fahdungsaufruf der Bild.
Der Presserat missbilligt den eigenmächtigen Fahdungsaufruf der Bild.

Nach den gewalttätigen Krawallen während des G20-Gipfels druckte die Bild Fotos mutmaßlicher Randalierer und rief die Leser dazu auf, sachdienliche Hinweise zu den gezeigten Personen der Polizei zu melden. Dafür sprach der Presserat nun eine Missbilligung aus: Es gehöre nicht zur Aufgabe der Presse, selbständig nach Bürgern zu fahnden. Rügen sprachen die Medienwächter u.a. gegen Focus Online, Bild.de und die FAZ aus.

Anzeige
Anzeige

Im Juli dieses Jahres druckte die Bild auf ihrer Titelseite unverpixelt einen Steine werfenden jungen Mann sowie zahlreiche weitere Fotos, auf denen mögliche Randalierer identifizierbar zu erkennen waren. Die Zeile dazu lautete: „Gesucht! Wer kennt diese G20-Verbrecher: Sachdienliche Hinweise bitte an die nächste Polizeidienststelle“. Insgesamt zeigte die Boulevard-Zeitung die Gesichter von insgesamt 18 Personen, die an Krawallen und Plünderungen während des G20-Gipfels beteiligt gewesen sein könnten.

Insgesamt elf Beschwerden zu der eigenmächtigen Fahndungsaktion der Bild seien bei ihnen eingegangen, verkündete der Presserat am Freitag. Alle Beschwerden kritisierten im Kern eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten.

Aufgrund des überragenden öffentlichen Interesses an dem Geschehen in Hamburg sah der Presserat keinen Verstoß gegen den Schutz der Persönlichkeit nach Ziffer 8 des Kodex gegeben. Die Demonstranten mussten damit rechnen, dass sie während des Ereignisses fotografiert werden. Jedoch verstößt die Art der Darstellung – mit Foto und eingeklinktem Porträtbild – in Verbindung mit dem Fahndungsaufruf gegen den Pressekodex. Die Abgebildeten würden hierdurch an einen öffentlichen Medienpranger gestellt.

Der Presserat urteilt: „Es gehört nicht zur Aufgabe der Presse, selbständig nach Bürgern zu fahnden, ohne dass ein offizielles Fahndungsersuchen seitens der Staatsanwaltschaft vorliegt. Die Berichterstattung ist daher nicht mit dem Ansehen der Presse gemäß der Präambel des Kodex vereinbar“. Deshalb sprachen die Medienwächter eine Missbilligung aus. Folgen einer selbst inszenierten Verbrecherjagd sind nach Auffassung des Presserats nicht „mehr zu kontrollieren und können auch Selbstjustiz Vorschub leisten.“

Presserat rügt außerdem FAZ, Bild.de, TZ Online und Traunsteiner Tagblatt Online

Darüber hinaus erhielt die Frankfurter Allgemeine Zeitung wegen „diskriminierender Berichterstattung“ eine Rüge. Die Zeitung hatte sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe einen Kommentar unter der Überschrift „Wir verraten alles, was wir sind“ über die Ehe für alle und damit verbundene Änderungen im Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften veröffentlicht. In dem Kommentar wurden in Form einer rhetorischen Frage die Behauptungen aufgestellt, dass adoptierte Kinder aufgrund einer wegfallenden „Inzest-Hemmung“ ungleich stärker der Gefahr eines sexuellen Missbrauchs ausgesetzt seien und dass diese Gefahr bei homosexuellen Eltern aufgrund ihrer Homosexualität besonders hoch sei. Nach Auffassung des Presserates gebe es für diese Behauptungen jedoch „keinen wissenschaftlichen Beleg“. Sie entfalte jedoch „eine diskriminierende Wirkung gegenüber Homosexuellen“ und stelle damit einen schweren Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot nach Ziffer 12 des Pressekodex dar. Über den Kommentar hatten sich 31 Leser beim Presserat beschwert.

Drei Rügen sprach der Presserat gegen Berichterstattungen über den Terroranschlag bei einem Konzert in Manchester aus. Bild Online berichtete unter der Überschrift „Zu jung zum Sterben“ unter Namensnennung und mit Porträtbild detailliert über zwei einzelne Opfer. TZ Online berichtete unter der Überschrift „Anschlag in Manchester: Das sind die Opfer“ mit einer Fotostrecke ebenfalls über diverse Opfer mit Fotos, Details und unter Namensnennung. In beiden Fällen bestand nach Auffassung des Presserats kein öffentliches Interesse an der identifizierbaren Darstellung der Opfer. Einige Opfer waren zudem minderjährig. Die verwendeten Fotos stammten aus sozialen Netzwerken. Eine Einwilligung der Angehörigen zur Verwendung der Bilder in der Presse lag jedoch nicht vor, wäre aber erforderlich gewesen, so der Presserat. Es handelte sich nicht um Personen des öffentlichen Lebens. Aus Sicht des Presserats stellen die Berichterstattungen einen schweren Verstoß gegen den Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 des Pressekodex dar.

Anzeige

Ebenfalls gerügt wurde Bild Online für die Berichterstattung unter der Überschrift „Mutter weiß nicht, dass Saffi nicht mehr lebt“. Ausführlich dargestellt wurde das Schicksal eines minderjährigen Opfers mit Foto und Namensnennung. Auch diese Darstellung sei nicht mit dem Opferschutz vereinbar. Ethisch problematisch war für den Presserat auch der Umstand, dass laut Artikel die Mutter, die wegen des Anschlags selbst auf der Intensivstation lag, noch nicht über den Tod ihres Kindes informiert war.

Native Advertising bei Focus Online und Schleichwerbung bei Freizeit Heute

Eine Rüge wegen mangelhafter Kennzeichnung von Werbung und damit einer Verletzung des Trennungsgrundsatzes nach Ziffer 7 sprach der Presserat gegen Focus Online aus. Dort war ein redaktionell gestalteter Beitrag unter der Überschrift „Wenn Ihre Bank die Hand aufhält, zeigen Sie ihr die rote Karte“ erschienen, der sich allgemein mit Girokonten-Gebühren befasste. Die Veröffentlichung war oben links mit ‚Partnerinhalt‘ überschrieben. Darunter erfolgte der Hinweis ‚Special – Ehrlich beraten‘. In dem Text enthalten war ein Link zu der Website einer Bank, auf der diese ihre Kontomodelle mit dem anderer Banken verglich. Der Presserat stellte fest, dass es sich bei dem Beitrag um bezahlte Werbung für diese Bank handelte. Für die Leser sei dies nicht erkennbar gewesen. Vielmehr habe die Veröffentlichung den Eindruck einer unabhängigen redaktionellen Berichterstattung über das Thema „Girokonten-Gebühren“ erweckt, so der Pressrat. Dies sei ein deutlicher Verstoß gegen die Richtlinie 7.1 Pressekodex gewesen, in der die Anforderungen an die klare Erkennbarkeit von Werbung formuliert sind. „Weder ist die Bezeichnung ‚Partnerinhalt‘ ein presseethisch akzeptables Synonym für den Hinweis ‚Anzeige‘ noch war das Layout des Beitrages geeignet, seinen Werbecharakter zu verdeutlichen. Gerade bei solchen Native Advertising-Werbeformen muss auf eine klare Anzeigenkennzeichnung geachtet werden, da ihre redaktionelle Aufmachung die Leser über die Werbeabsicht hinwegtäuschen kann“, heißt es in der Begründung.

Gerügt wegen Schleichwerbung wurde Freizeit Heute für einen Beitrag unter der Überschrift „Hier mäht der Robo-Gärtner“ in der Ausgabe 6/2017. In der Veröffentlichung stellte die Redaktion einen einzelnen selbststeuernden Rasenmäher vor. Konkurrenzprodukte wurden nicht genannt und ein Alleinstellungsmerkmal war nicht erkennbar. Das Gerät wurde ausschließlich positiv und mit werblichen Formulierungen beschrieben. Zudem wurde der Preis des Mähers genannt und auf die Website des Herstellers hingewiesen. Mit dieser Art der Darstellung sei die Grenze zwischen einer Berichterstattung von öffentlichem Interesse und Schleichwerbung nach Richtlinie 7.2 Pressekodex deutlich überschritten worden, so der Presserat.

Zeitung berichtet redaktionell über Aktion der eigenen Anzeigenabteilung

Der Donaukruier wurde wegen eines Verstoßes gegen das Gebot der klaren Trennung von Werbung und Redaktion gemäß Ziffer 7 des Pressekodex gerügt. Die Redaktion hatte unter der Überschrift „Siebler z’Egg ist Lesers Liebling“ über den Gewinner eines von der Zeitung initiierten Biergartentests durch die Leser berichtet. Teilnahmebedingung an der Aktion war für die Biergärten das Schalten einer Anzeige. Den Lesern des Artikels wurde dieser Zusammenhang nicht kenntlich gemacht. Der Presserat sah in der Berichterstattung über eine anzeigenbasierte Aktion ein Eigeninteresse des Verlages betroffen, über das die Leser zumindest hätten unterrichtet werden müssen.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige