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Kai Gniffke über ARD-Faktenfinder zu Fake News: Recherchebasis, aber kein „Wahrheitsministerium“

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Gefälschte Meldungen oder Halbwahrheiten entlarven: Das versucht seit April das ARD-Onlineportal „Faktenfinder“. Ende November soll das Projekt auslaufen, aber ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke hofft darauf, dass die ARD-Intendanten bei ihrem nächsten Treffen grünes Licht für eine Verlängerung geben – denn seine Bilanz sei positiv, wie der "Tagesschau"-Chefredakteur jetzt bei Radio Bremen mitteilte.

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Von Eckhard Stengel

Fünf Monate nach dem Start des „Faktenfinders“ zog der Erste Chefredakteur von ARD-Aktuell und damit auch Tagesschau-Chef Gniffke am Donnerstagnachmittag eine „sehr, sehr positive Bilanz“ des ARD-Gemeinschaftsprojekts. „Der Erfolg ist größer, als wir erhofft hatten“, sagte Gniffke als Gastreferent auf der jüngsten Rundfunkratssitzung von Radio Bremen (RB). Allein im Juli registrierte die „Faktenfinder“-Onlineseite 5,6 Millionen Page-Impressions, vor allem auch wegen des Themas „G20-Gipfel“; im August waren es dann noch 3,6 Millionen. Der „Faktenfinder“ gehöre auch immer zu den Top Ten mit den meistgelesenen Beiträgen auf tagesschau.de. In den sozialen Netzwerken erreichten manche „Faktenfinder“-Posts jeweils eine Million Menschen, so Gniffkes Bilanz. Bei Bedarf fließen die Recherche-Ergebnisse auch ins ARD-Programm mit ein.

Die Idee, ein eigenes „Verifikationsteam“ aufzubauen, kam den ARD-Machern Ende 2016 nach der Trump-Wahl und den sich häufenden Fake News. „Normalerweise werden falsche Nachrichten in den Papierkorb geworfen“, erinnerte Gniffke an die übliche Redaktionspraxis. Aber angesichts des Superwahljahres 2017 wollte die ARD den bewusst falschen oder halbwahren Meldungen etwas entgegensetzen. Deshalb beschlossen die Intendanten, ein eigenes Faktencheck-Team einzusetzen. Unter Leitung von Patrick Gensing, bis dato Autor und Chef vom Dienst, sind seit April pro Werktag jeweils vier Rechercheure im Einsatz: je einer in vier Schichten zwischen 8 und 22 Uhr; am Wochenende gibt es zwei Schichten. Die Hälfte des Teams kommt von ARD-Aktuell, die andere Hälfte wird für zwei bis vier Monate aus einzelnen Funkhäusern nach Hamburg entsandt, wie Gniffke auf Nachfrage von MEEDIA erläuterte. Je nach Thema wird die Zentrale bei ihren Recherchen auch von anderen ARD-Redaktionen oder Korrespondenten unterstützt. Gniffke: „Der Faktenfinder ist sozusagen der Knotenpunkt in der ARD-Welt.“

Etwa fünf Themen am Tag – mal selbst gesucht, mal auf Anregung aus den ARD-Anstalten behandelt – werden auf einer Unterseite präsentiert. „Nicht alle fünf sind harte Fake News“, so Gniffke. Denn manchmal kümmert sich das Team auch um strittige Sachverhalte, bei denen verschiedene Akteure unterschiedliche Positionen vertreten. „Wir versuchen dann aufzubereiten, welche Informationen wirklich zur Verfügung stehen und was die Faktenbasis ist.“

„Wir erheben nicht den Anspruch, die Wahrheit zu kennen“
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Bei der Themenauswahl spielt laut Gniffke eine große Rolle, ob eine Nachricht geeignet ist, große Emotionen zu schüren. Fake News seien nämlich Informationen mit geringem Wahrheitsgehalt, die bewusst in die Welt gesetzt würden, um damit eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Auch Aussagen von Politikern werden auf ihren Korrektheit überprüft, und in Internet-Tutorials versucht die Redaktion, Medienkompetenz zu vermitteln.

„Aber wir erheben nicht den Anspruch, die Wahrheit zu kennen“, versicherte Gniffke dem RB-Rundfunkrat. Der „Faktenfinder“ sei also kein „Wahrheitsministerium“, sondern mache lediglich deutlich, welche Informationen das Team für nicht zutreffend halte. „Wir stellen unsere Recherche-Ergebnisse zur Verfügung, und auf dieser Basis kann sich jeder selbst seine Meinung bilden.“

Viel Lob, aber auch einige Kritik hat das Portal in den ersten fünf Monaten kassiert. Die Kritik kam erwartungsgemäß vor allem aus rechten Kreisen. Dem ARD-Aktuell-Chef ist klar: „Wir können überzeugte Verschwörungstheoretiker nicht überzeugen.“ Doch zumindest möchte er jene Menschen erreichen, die sich bei bestimmten Informationen unsicher sind („Das klingt doch erstmal plausibel“). „Um die geht es auch und in besonderem Maße.“ Aber selbst mit Hasskommentatoren sucht die ARD das Gespräch: per Videochat bei der Aktion „Sag’s mir ins Gesicht“. Gniffkes Erfahrung dabei: „Im Dialog von Angesicht zu Angesicht ist auf einmal der Hass weg“ – auch wenn sich die Gesprächspartner nicht von ihrem Glauben abbringen ließen, „dass die Tagesschau lügt“.

Ende November, zwei Monate nach der Bundestagswahl, soll eigentlich Schluss sein mit dem „Faktenfinder“. Doch der Chefredakteur könnte sich „gut vorstellen“, damit weiterzumachen, wenn auch mit reduziertem Aufwand. „Ich würde es mir wünschen.“

In der kommenden Woche steht das Thema auf der Tagesordnung der nächsten ARD-Intendantenkonferenz. RB-Intendant Jan Metzger machte nach Gniffkes Vortrag deutlich, dass er sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen für eine Fortführung einsetzen will – mit Rückenwind vom Rundfunkrat, wie die Diskussion nach dem Vortrag zeigte. Denn nach dem erwarteten Einzug der AfD in den Bundestag wäre ein Faktencheck durch die ARD nötiger denn je, hieß es in der Diskussion.

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Alle Kommentare

  1. Dann sollte man Herrn Gniffke auch auf die Schweizer „Sternstunde Philosophie“ aufmerksam machen, in der Philosoph Vincent F. Hendricks über Fake News, Filterblasen, Shitstorms spricht. Er leitet das weltweit einzige Institut zur Erforschung von Filterblasen und Fake News in Kopenhagen. Wirklich eine „Sternstunde“… besonders für Journalisten und sonstige Interessierte:
    https://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/vincent-f-hendricks-gefangen-in-der-filterblase

  2. Sprache ist ein wirkungsmächtiges Herrschaftsinstrument, welches durch Vorgaben der Bedeutung von Worten direkt sowohl die Gefühlswelt, als auch die Erkenntniswelt der Menschen steuert.

    Zur Lenkung viel besser geeignet als beispielsweise Gewalt, oder Bestechung, weil es unterhalb des Erkenntnishorizonts des Menschen abläuft.

    Beispiel: Ein Rassist ist heute jemand, der das Rechtssystem der BRD schützen will und deswegen die Kontrolle der Grenzen einfordert. Früher eine selbstverständliche Notwendigkeit. Heute ein Verbrechen, welches mit der entwaffnenden Metapher von Rassismus belegt wird.

    Die innere Souveranität der Menschen wird ausgehöhlt, indem man die Menschen in eine Folge von Kriegsverbrechern darstellt und diese damit in die Defensive bringt. Eine unverschämte Instrumentalisierung des Nationalsozialismus, exekutiert mit dem Schwert der Sprache. Eine in ihren Gefühlen derart entkernte, und damit in die Defensive gestellte Bevölkerung ist nicht mehr in der Lage, eine souveräne Wahl abzuhalten.

    Es gibt natürlich weitere Ansätze, dem Bürger als Souverän einen Ring durch die Nase zu ziehen. Aber immer geschieht dies durch Umdeutung der Begriffsinhalte, transportiert durch Sprache

    Wichtiger Transportriemen solche Behandlungtechnik sind – wer sonst – Medien. Allen voran der Staatsfunk.

    Dieser schaltet sich nun ein in die deutende Bewertung, was fake- news sein soll ?

    Das ist zwar sehr gut verständlich. Aber dies dürfte wohl auch die eigentliche Fake- news sein.

  3. Gegen einen „Faktenfinder“ ist nichts zu sagen – wenn er denn neutral wäre. Nehmen wir einen dortigen Beitrag vom 08.09.: „Ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche. Ein Überblick über Fakten und Zahlen.“

    https://www.tagesschau.de/multimedia/kurzerklaert/kurzerklaert-zuwanderer-kriminalitaet-101.html

    Das ist, was die Amerikaner „cherry picking“ nennen – es werden nur die Fakten genannt, die genehm sind.

    Zum Vergleich: In Bayern hat laut Statistik die Zahl der Vergewaltigungen im ersten Halbjahr 2017 im Vergleich zu ersten Halbjahr 2016 um fast 50% zugenommen. Von 685 Fällen wurden 126 von Zuwanderern begangen, im Jahr davor waren es 60.

    https://www.br.de/nachrichten/vergewaltigungen-bayern-kabinett-100.html

    Wenn von 685 registrierten Vergewaltigungsfällen 126 von Zuwanderern begangen wurden, dann macht das einen Anteil von etwa 18% aus. Und das bei einem geschätzten Bevölkerungsanteil von 3%.

  4. Wie war das noch mit dem Versuch der ARD, die Ausschreitung der G20 Gegner irgendwelchen erfundenen Rechtsradikalen und Russen zuzuschreiben?
    Immerhin: die AfD bewegt und motiviert natürlich auch die willfährige Regierungspresse, nicht zuletzt aus Angst über die Beendigung ihrer Millioneneinkommen.
    Dass man aus der Grundgesetzänderung zur Dauer der Wahlperiode von den Öffentlich-Rechtlichen erst dann etwas hört, wenn die freie Presse schon berichtet hat, zeigt nur die völlige Inkompetenz dieser vollgefressenen Herrschaften.

    1. Milliarden-Einkommen!!! mit Markt-Macht über Filme und Serien, die locker 165 Tochterfirmen (eine neue kommt dazu) gegründet und damit den freien Markt pulverisiert haben.. denn (fast) ALLE sind heute abhängig vom ÖR.. in dem ganz Wenige mit unseren Gebühren tun und lassen können, was sie wollen (bei Degeto mit 600 Millionen Budget sind es zwei Leute – Strobel + Schwingel, beim ZDF nicht viel mehr). Nichts wird kontrolliert! Außer die von den Sendern SELBST angemeldeten Budgets! Die prüft de KEF, das war’s aber dann schon). Und heute hat uns die Ankündigung des ZDF erreicht, dass mal wieder der Rundfunkrat in Mainz bespaßt wird.. Da ist auch eine „Gleichstellungsfrau“ dabei, die „berichten wird“. Wir sollten alle mal hinhören, um welche „Gleichstellung“ es da geht. Nur um die Frauen im Sender oder um die Frauen, die deren Programme machen und „massiv diskriminiert“ werden…. Die Wut wächst.. und wächst.. mal sehen wohin sie wächst.

  5. Den Bock zum Gärtner machen…
    Da bleibt nur der Selbstlob und natürlich der Ruf nach mehr Geld.
    Dass die Journaille sich dabei in der täglichen Berichterstattung selbst mit den Fakten ein Problem hat, fällt ihm natürlich dienstbeflissendlich nicht auf.
    Wieso auch. Vertritt man doch offiziell und ungeniert die Linie, dass eine faktenbasierte und objektive Berichterstattung natürlich auch das Recht hat, nicht alle bekannten Fakten auch dem Leser zu unterbreiten.
    Aber was will man auch anderes von glühenden „Antifaschisten“ in den Anstalten erwarten.
    Und in der nächten Woche pöbeln seine „Freien“ mit Presseausweis wieder gegen jeden, den man als faschistische Gefahr für den eigenen Gehaltsanspruch ausgemacht hat.
    Wer als Angestellter einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft ungeniert und nach eigenen Gutdünken seine Besoldung häppchenweise veröffentlicht, der nimmt es schon aus diesen Gründen mit der Wahrheit nicht genau.

  6. „„Normalerweise werden falsche Nachrichten in den Papierkorb geworfen“, erinnerte Gniffke“
    Schöne Benutzung von ‚falsch‘ anstatt ‚unwahr‘.
    Und dass der Laden Ende November schließt wäre doch nun wirklich gemein gegenüber tapferen „Anti“-Faschisten wie Gensing.

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