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„Wahl-O-Mat ist demokratischer Volkssport“: Digitaler Entscheidungshelfer steht kurz davor, Zehn-Millionen-Marke zu knacken

Mit dem Wahl-O-Mat macht Daniel Kraft und die Bundeszentrale für politische Bildung die Wahlprogramme erlebbar. Auch mit Hilfe von 50 Medienpartnern sorgt das Tool für Klick-Rekorde
Mit dem Wahl-O-Mat macht Daniel Kraft und die Bundeszentrale für politische Bildung die Wahlprogramme erlebbar. Auch mit Hilfe von 50 Medienpartnern sorgt das Tool für Klick-Rekorde

Es ist nur noch eine Frage von Stunden, bis der Wahl-O-Mat erstmals die Marke von zehn Millionen Nutzungen überspringen wird. Dem Online-Angebot mit seinem spielerischen Ansatz gelingt es offenbar besser als jeder Redaktion, Parteiprogramme verständlich zu machen. Im MEEDIA-Interview erklärt Daniel Kraft von der Bundeszentrale für politische Bildung, warum der Wahl-O-Mat den Journalisten doch nicht die ganze Arbeit abnimmt.

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Am 30. August startete die neue Ausgabe des Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl 2017. Sofort sprang der digitale politische Entscheidungshelfer in die Top-Suchanfragen bei Google. Offenbar ist ihnen wieder ein echter Klick-Hit gelungen …
Daniel Kraft: Dieses Online-Angebot ist in der Tat auch ein Zahlenphänomen. 2002 in Deutschland gestartet, dann in der „Harald Schmidt Show“ gespielt und danach brachen erstmals die Server zusammen (2002 = 3.600.000 Nutzungen).

Das passierte dann nochmals 2013, als Stefan Raab im „Kanzler-Duell“ 2013 eine Frage zum Wahl-O-Mat stellte (2013 = 13.300.000 Nutzungen). Und kein Wunder, dass „Wahl-O-Mat“ 2013 Suchbegriff des Jahres bei Google war. Vor dem Start des Bundestags-Wahl-O-Mat haben wir dann insgesamt über 50 Millionen Nutzungen bei allen bisherigen Wahl-O-Maten verzeichnen können. Man kann also ohne große Übertreibung sagen: Der Wahl-O-Mat ist inzwischen demokratischer Volkssport. 

Wie sie selbst getwittert haben, stehen sie ja tatsächlich kurz davor aktuell die Marke von zehn Millionen Nutzungen zur durchbrechen.
Dem Wahl-O-Mat scheint mit seinem spielerischen Ansatz und der didaktischen Reduktion etwas zu gelingen, was manchen anderen Medien nicht gelingt: er schafft es, dass sich sehr viele Menschen für Politik, hier ganz konkret für die Bundestagswahl, interessieren. Das sieht man z.B. sehr eindrücklich bei den Google Suchbegriffen der letzten Wochen. Im Moment des Wahl-O-Mat-Startes wird nicht nur dieser massiv gesucht, sondern auch der Begriff „Bundestagswahl“. Wir erreichen damit genau das, was wir wollen: Die Bürgerinnen und Bürger interessieren sich für Politik und politische Zusammenhänge.

Wie viele Medien haben in diesem Jahr den Wahl-O-Mat eingebunden?
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat mit rund 50 Partnern einen Vertrag über die Medienpartnerschaft geschlossen. Das reicht von Spiegel Online bis zum Gäuboten. Die Vertragspartner stehen dabei oftmals für mehrere Medien, so dass deutlich mehr Internetseiten den Wahl-O-Mat im Rahmen einer Medienpartnerschaft einbinden.

Ist das ein Rekordwert?
Ja, zur Bundestagswahl 2013 lag die Anzahl der Medienpartner bei etwa 40.

Warum nutzen die Menschen den Wahl-O-Mat so fleißig und teilen ihre Resultate sogar freiwillig öffentlich in den sozialen Netzwerken?
Das ist in der Tat ein interessantes Phänomen, der „Wahl-O-Mat-Selfie“. Inzwischen gibt es ja nicht nur die Screenshots mit den Wahl-O-Mat-Ergebnissen auf Twitter, Instagram und Facebook, sondern auch nicht unerhebliche Let´s Play Aktivitäten auf YouTube, bei denen mehr oder weniger bekannte YouTuber den Wahl-O-Mat coram publico durchspielen.

Sicher gibt es dafür viele Gründe, ich beobachte vor allem drei Phänomene: Es ist erstens persönliche Verwunderung über das Ergebnis. Thomas Gottschalks Tweet wäre hier ein aktuelles Beispiel:

Zum zweiten ist es Instrument der Positionierung. Durch das Posting des Ergebnisses zeigt man seiner Community, wo man politisch steht und bezieht Stellung. Oft ist das auch gekoppelt an einen Aufruf an andere, es einem gleich zu tun. Hubertus Heil hat z.B. bei der Pressekonferenz sein Ergebnis getwittert:

Und drittens ist der Wahl-O-Mat ein digitales Zugpferd, an das sich der eine oder andere gerne dran hängt. Da kann es auch schon mal um Views und Klicks gehen.  

Nimmt der Wahl-O-Mat den Redaktionen nicht die Arbeit ab, indem die Medien die Programme immer weniger erklären müssen?
Nein, der Wahl-O-Mat ist nach unserer Beobachtung eher ein Katalysator für die Auseinandersetzung mit den Programmen. Die abgefragten zugespitzten Positionen der Parteien im Wahl-O-Mat bieten den Medien viele Anknüpfungspunkte für eine weitere Auseinandersetzung mit den Programmen der Parteien. Auf Basis der Begründungen und Positionierungen der Parteien können sie so deutlicher die unterschiedlichen politischen Ansätze der Parteien herausarbeiten. Und: 38 Thesen sind doch trotz allem immer nur ein Ausschnitt. Da bleibt noch viel Raum für Recherche und eigene Schwerpunkte.

Glauben Sie dass die Ergebnisse oder auch die Fragen, die der Wahl-O-Mat stellt, Einfluss auf die Berichterstattung nehmen könnten?
Zumindest kann man in den letzten Tagen beobachten, dass einige Thesen des Wahl-O-Mat und die Frage, wie die Thesen in den Wahl-O-Mat kommen,  intensiv in den verschiedensten Medien diskutiert werden. So hat sich zum Beispiel Stefan Marschall aus dem Wahl-O-Mat Team in einem Interview mit Zeit-Online zur Frage geäußert: „Warum klingen so viele Thesen im Wahl-O-Mat nach Rechtspopulismus?. Und selbstverständlich wird in den sozialen Medien immer wieder die Fragen aufgeworfen, warum es die eine oder andere These es nicht in den Wahl-O-Mat schafft. So oder so fällt aber auf: Kaum ein Medium berichtet nicht über den Wahl-O-Mat, unsere Presse-Clippings sind in den letzten zwei Wochen explodiert.

Welchen Einfluss hat der Wahl-O-Mat auf den Wähler?
Aus der seit Jahren stattfindenden begleitenden Forschung der Universität Düsseldorf wissen wir, dass der Wahl-O-Mat eine nicht unerhebliche Anzahl seiner Nutzerinnen und Nutzer überhaupt erst zu Wählern macht. Zuletzt gaben etwa 6 % der Nutzer an, dass der Wahl-O-Mat sie zur Wahlteilnahme motiviert habe, obwohl sie das ursprünglich nicht vorhatten. Ansonsten würde ich den Einfluss nicht überschätzen wollen, denn in den gleichen Studien haben wir herausgefunden: Über 90 Prozent der Nutzer mit einer klaren politischen Positionierung finden sich genau oder in etwa bei ihrer präferierten Partei wieder!

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