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„Symptom eines politisch entleerten Wahlkampfes“: Experten erwarten wenig vom TV-Duell Merkel vs. Schulz

Das TV-Duell ist die einzige direkte Konfrontation zwischen den beiden Spitzenkandidaten
Das TV-Duell ist die einzige direkte Konfrontation zwischen den beiden Spitzenkandidaten

Am kommenden Sonntag stehen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz im großen TV-Duell gegenüber. Übertragen von ARD, ZDF, ProSieben und Sat.1 soll das Format bis zu 20 Millionen Zuschauer erreichen. Die Live-Sendung ist die einzige direkte Konfrontation der beiden Kandidaten im gesamten Wahlkampf – die Erwartungen von Medienexperten sind allerdings eher gedämpft.

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Nach Zuschauern könnte es das größte Fernseh-Ereignis des Jahres werden: die Sender erwarten am Sonntagabend zur Primetime um 20.15 zwischen 15 und 20 Millionen Zuschauer. Sie würden damit das Finale des Confederations Cups zwischen Deutschland und Chile (14,69 Millionen Zuschauer) von Platz eins der diesjährigen Quoten-Wertung verdrängen. Inhaltlich verspricht das TV-Duell eher mäßige Unterhaltung. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen aus Tübingen erwartet weder inhaltliche noch verbale Ausflüchte. „Das TV-Duell ist die Symptomveranstaltung eines politisch entleerten und inhaltlich entkernten Wahlkampfes“, so der Experte.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hatte bereits am vergangenen Wochenende angekündigt, seine Kontrahentin nicht persönlich angreifen zu wollen. „Ich respektiere Frau Merkel sehr“, sagte Schulz im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Dennoch wirft er der Union vor, das Konzept für die kommende Legislaturperiode beschränke sich auf die Person Angela Merkel.

Schulz im Offensivmodus?

Schulz wird dennoch in die Offensive gehen müssen, wenn er weiter im Rennen bleiben will. Aktuelle Umfragen sehen die CDU im Mittel rund 15 Prozentpunkte vor der SPD. Die Rollen von Favorit und Außenseiter scheinen also verteilt. Und die Moderatoren stellen sich bereits darauf ein, dass Martin Schulz die Rolle des Angreifers einnehmen wird. In der Vorab-Pressekonferenz am Freitag sagte Sandra Maischberger, die Taktik der Kanzlerin sei leicht vorhersehbar. „Frau Merkel steht in Interviewsituationen wie ein Fels und lässt vieles wie Wasser an sich abperlen.“ Gemeinsam mit Maybrit Illner, Claus Strunz und Peter Kloeppel moderiert Maischberger das Duell.

Die Themen gaben die Organisatoren ebenfalls vorab bekannt. Sat.1-Nachrichtenchef Hans-Peter Hagemes erklärte auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit ARD, ZDF und Pro7, dass die Sender sich auf die vier Themenblöcke Migration, Außenpolitik, Soziale Gerechtigkeit und Innere Sicherheit geeinigt hätten. „Bis auf diese vier Kategorien hat es inhaltlich keinerlei Absprachen mit dem Kanzleramt gegeben“. Die Schwerpunkte innerhalb der Themen, sowie deren Gewichtung, setzen Hagemes zufolge die Moderatoren.

Das Ziel der Moderatoren sei es, einen Dialog zwischen den beiden Kanzlerkandidaten herzustellen. Auf einen starren Fragenkatalog ist Maischberger zufolge bewusst verzichtet worden. „Eine Liste mit 38.000 Fragen würde uns nur dem Druck aussetzen, diese Fragen abzuarbeiten und die Interaktion zwischen Schulz und Merkel unterbinden.“ ARD-Chefredakteur Rainald Becker unterstrich zusätzlich, dass es der ausdrückliche Wunsch beider Seiten gewesen sei, mehr aufeinander zu reagieren.

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Merkel in Interviewsituationen „wie ein Fels“

Kanzlerin Angela Merkel ist im Zuge der Vorbereitungen für das TV-Duell unter Druck geraten, weil sie das Format quasi im Alleingang diktiert hat: nur ein Duell anstelle von zweien, kein Studio-Publikum, keine Moderatoren-Duos zu den Schwerpunkten sondern alle vier Moderatoren zusammen. Bernd Gäbler, Professor für Journalismus und Krisenkommunikation an der FMH Bielefeld, kritisiert das Einknicken der Sendeanstalten. „Was uns in diesem Jahr geboten wird, ist kein Konzept, sondern ein Korsett“, so der ehemalige Journalist.

Über die Gründe für Merkels Bedingungen, so wenig wie möglich vom bisherigen Format abzurücken, wird vielfach diskutiert. Merkel-Gegner unterstellen der Kanzlerin, mit diesem Verhalten ihre Angst vor einem Gesichtsverlust indirekt einzugestehen. ZDF-Chefredakteur Peter Frey äußerte sich dazu in der Pressekonferenz neutraler und verwies auf die Tradition des Kanzlerduells im Fernsehen und dessen Erfolg in den vergangenen Jahren. Er bezeichnete die Verhandlungen als „vernünftigen Austausch“ und reagierte damit auf die Aussagen seines Vorgängers Nikolaus Brender, Merkel habe die Sender „erpresst“.

Jeder vierte Wähler noch unentschieden

Das Forsa-Institut ermittelte im Auftrag des stern in einer Umfrage, dass 48 Prozent der über 60 Millionen Wahlberechtigten das TV-Duell ansehen wollen. Davon gaben fast ein Viertel der Befragten an, sich in ihrer Wahlabsicht noch nicht festgelegt zu haben und das Duell abwarten zu wollen. Mehrheitlich junge Leute zwischen 18 und 20 Jahren können sich vorstellen, dass der Ausgang des Duells ihre Wahlentscheidung noch beeinflussen könnte.

Peter Frey hat sich zu Beginn der Pressekonferenz positiv geäußert, dass das TV-Duell für alle Beteiligten, besonders aber für die Zuschauer, einen hohen Mehrwert haben werde, da es sich dabei um das „wahrscheinlich wichtigste Ereignis des Wahlkampfes“ handele. Der ZDF-Chefredakteur hofft, dass spätestens die direkte Konfrontation zwischen Merkel und Schulz die „Initialzündung für die heiße Phase des Bundestagswahlkampfes“ ausmacht – drei Wochen vor der Wahl. Ob die Parteien nach dem Duell die Notwendigkeit für einen Endspurt sehen, bleibt abzuwarten.

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