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Nach mehr als acht Jahren an der Spitze des Deutschlandradios: Intendant Willi Steul geht in den Ruhestand

Hat am 31. August seinen letzten Arbeitstag: Deutschlandradio-Intendant Willi Steul geht in Rente
Hat am 31. August seinen letzten Arbeitstag: Deutschlandradio-Intendant Willi Steul geht in Rente

Es gibt viele Dinge, für die Intendanten eines öffentlich-rechtlichen Senders zu wenig Zeit haben. Bücher schreiben gehört für Willi Steul dazu. Wenn der 66-Jährige am 31. August seinen letzten Arbeitstag als Deutschlandradio-Intendant hinter sich hat, soll das anders werden. Ein Sachbuch über die Staufer in der Provence hat sich der promovierte Ethnologe bereits vorgenommen - und einen Roman über den Mongolenherrscher Dschingis Khan. Ein Porträt.

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Mehr als acht Jahre war Steul Intendant beim Deutschlandradio mit aktuell 687 festangestellten Mitarbeitern und seinen drei Programmen, Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova. Zuvor war der Radio-Enthusiast unter anderem Politikredakteur beim Südwestfunk (SWF), ARD-Sonderkorrespondent für Afghanistan, ARD-Hörfunkkorrespondent für Griechenland, die Türkei und Zypern, von 1994 bis 1998 bereits Chefredakteur beim Deutschlandradio, anschließend stellvertretender SWR-Intendant.

Schon im Studium hat Steul für die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben und ist 1974 als Doktorand der Ethnologie an der Uni Heidelberg zum Radio gekommen. Seine ersten Beiträge hat er für den SWF in Tübingen gemacht – und auch selbst geschnitten, noch ganz analog. Die technischen Möglichkeiten seien im Vergleich zu damals viel besser geworden, sagt er. „Aber mein erster Beitrag wäre heute wesentlich kürzer.“ Die Ansprüche der Hörer hätten sich deutlich verändert.

„In meiner Zeit als Auslandskorrespondent war ein Standardbeitrag noch 4.30 lang“, erzählt Steul. Davon können viele Korrespondenten heute nur träumen. Vielen komplexen Themen könne man in zweieinhalb Minuten aber kaum gerecht werden. In den musikgestützten Massenprogrammen, wie Steul sie nennt, wollten die Hörer sich nicht intensiver mit einzelnen Themen beschäftigen. „Ich persönlich kann damit nichts anfangen, ich bevorzuge längere Beiträge.“

Hörfunk hat nach Steuls Überzeugung durchaus Zukunft. „Das Radio wird ja seit vielen Jahren totgesagt, aber allein die Kultur- und Informationsprogramme haben sechs Millionen Hörer, daran hat Deutschlandradio einen steigenden Anteil. Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova kommen zusammen auf rund 2,4 Millionen tägliche Hörer – für 49 Cent von den 17,50 Euro monatlichem Rundfunkbeitrag.

Dass immer mehr Menschen Radiobeiträge per App oder Podcast hören, ist aus Steuls Sicht keine bedrohliche Entwicklung: „Die klassische Radionutzung geht deswegen nicht zurück.“ Sorgen um die Zukunft des Hörfunks mache er sich deshalb nicht. „Wir sehen, dass sich unser Radioangebot ziemlich gut behauptet.“

Allerdings habe er auch schon 2009 als neuer Intendant vorausgesagt, dass die nicht-lineare Radionutzung mittelfristig so wichtig werde wie die lineare. „Und ich habe mich dabei nur mit der Prognose „mittelfristig“ geirrt.“ Ein positives Beispiel dafür seien die „Eine Stunde History“-Podcasts von Deutschlandfunk Nova, die es bis in die iTunes-Charts geschafft haben.

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Bei den Reformbemühungen der Öffentlich-Rechtlichen hätte es aus Steuls Sicht ruhig schneller gehen können. Dass die Sender jeweils eigene Abteilungen für IT, Gehaltsabrechnung und Einkauf haben, hält er schon lange für überholt. „Alles, was man gemeinsam machen kann, muss man gemeinsam machen. Für uns als kleines Haus ist die Kooperation mit ARD und ZDF bei Technik oder Buchhaltung quasi Teil unserer DNA.“ Die inzwischen beschlossene Standardisierung etwa bei der IT sei deshalb richtig.

Steul ist überzeugt, dass der Druck, durch Rationalisierung zu sparen, zunehmen wird. Dass sich durch solche Bemühungen ein höherer Rundfunkbeitrag ausschließen lasse, hält er aber nicht für realistisch. Für die Kritik am Rundfunkbeitrag zeigt er wenig Verständnis. Viele Länder beneideten Deutschland um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Wir haben das breiteste Angebot – und sind dabei nicht am teuersten.“

Auch die Forderung, das Angebot deutlich zu verkleinern und den Bereich Unterhaltung weitgehend den Privaten zu überlassen, hält Steul für abwegig – und gefährlich, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk damit insgesamt infrage gestellt werde.

Die in der ARD diskutierte Idee, den Rundfunkbeitrag gekoppelt an die Kostenentwicklung jährlich anzupassen, sieht Steul skeptisch. „Ich halte eine Institution wie die KEF für notwendig“, sagt der Deutschlandradio-Intendant. „Wenn wir alle diese geplanten Schritte bei IT, Einkauf und Gehaltsabrechnung gehen, dann lasst uns danach über so ein Modell reden. Aber derzeit würde ich davor warnen, diese Diskussion zu führen.“

Steul muss sich über diese Themen den Kopf nicht mehr zerbrechen. Ab 1. September ist er im Ruhestand. Künftig will er einen Teil des Jahres in Südfrankreich leben, die übrige Zeit in Berlin. Er ist nicht nur mit einer Französin verheiratet, er hat auch selbst die französische Staatsbürgerschaft. Den Deutschlandfunk will er weiterhin einschalten – neben France Culture. Und noch für etwas anderes will er sich mehr Zeit nehmen: „Ich höre ganz bestimmt mehr klassische Musik.“

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