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Ehrlich oder verpeilt? Die Absage von Ringier-Verlagschef Marc Walder an den Journalismus

Der ehemalige Ringier-Journalistenschüler ist im größten Schweizer Medienunternehmen zum Vordenker für Innovation und Digitalisierung geworden.
Der ehemalige Ringier-Journalistenschüler ist im größten Schweizer Medienunternehmen zum Vordenker für Innovation und Digitalisierung geworden.

Marc Walder, CEO des Schweizer Medienunternehmens Ringier, sieht schwarz für die Zukunft des gedruckten Journalismus. Seine Prognose für digitalen Journalismus fällt im Interview mit dem Handelsblatt nur wenig optimistischer aus. Ihm zufolge wollen Leser nicht für Nachrichten bezahlen. Verlage müssten sich deshalb über alternative digitale Angebote finanzieren, ihre Lage sei "lebensbedrohlich".

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Die Schweiz soll das Land der Vordenker in Sachen Digitalisierung in Europa werden. Das ist zumindest die Vision von Ringier-CEO Marc Walder, die er gegenüber dem Handelsblatt äußerte. Dafür hat er 2015 die Standortinitiative Digitalswitzerland ins Leben gerufen, einen Verbund aus 80 Unternehmen und Institution, die gemeinsam eine Digitalstrategie für die Schweiz entwickeln wollen.

Seit Walders Eintritt in die Führungsriege des Familienunternehmens 2008 verfolgt der ehemalige Tennisprofi eine intensive Diversifikationsstrategie. „Verlagshäuser sind heute in einer lebensbedrohlichen Lage, wenn sie es nicht schaffen, sich komplett zu transformieren“. Seit seinem Amtsbeginn setzt Walder auf Marktplätze, E-Commerce, Ticketing und Sportvermarktung, hat zahlreiche Zukäufe getätigt. Die künftige Rolle von Journalismus für das Medienunternehmen? Zweitrangig.

„Wir verlieren mit Zeitungen und Zeitschriften jedes Jahr – je nach Publikation und Land – zwischen fünf und 15 Prozent an Werbevolumina. Medienunternehmen haben extrem schwierige Jahre hinter sich. Die schwierigsten Jahre stehen aber noch bevor.“ Walder möchte sich nicht auf ein erfolgreiches Zukunftsmodell für journalistische Inhalte festlegen. „Es gibt zu viele Inhalte, zumindest ökonomisch gesehen.“ Lediglich globale Marken wie die New York Times oder der Economist haben dem Schweizer zufolge eine reelle Chance, von Lesern für die Inhalte bezahlt zu werden. Walder wörtlich: „Es wird blutig werden.“

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Walder sieht die Aufgabe des Journalismus in der intellektuellen Durchdringung des Alltags. „Unsere Chance als Medienhaus liegt in der Relevanz. Ich sage gerne: ‚Erklärt die Welt‘.“ Finanziell lohne Journalismus sich jedoch nicht mehr. Der Ringier-Chef rechnet mit einem gravierenden Verlagssterben in den kommenden Jahren. „Die geniale Pressevielfalt, die wir hatten, wird unter die Räder kommen.“

Damit Ringier trotzdem ein erfolgreiches Unternehmen bleibt, setzt Walder auf Marktplätze, E-Commerce, Ticketing und Sportvermarktung – alles digital. „In fünf Jahren werden wir wohl 80 Prozent unseres operativen Gewinns mit digitalen Modellen erwirtschaften“. Um das Umdenken im Unternehmen voran zu bringen, hat der CEO  nun Programmier-Unterricht für die Mitglieder des Vorstands angeordnet. „Codieren ist das neue Lesen und Schreiben“, so Walder. Durch sein Engagement zählt Ringier schon heute neben Axel Springer und Schibsted zu den digitalsten Medienunternehmen Europas.

 

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Alle Kommentare

  1. Das Niveau der Printmedien ist doch vom Niveau der auf facebook erscheinenden News nicht mehr zu unterscheiden.
    Wer über Trumps Kleidung politische Glaskugelleserei verbreitet und Täter hinter „Männer“ oder „Rocker“versteckt, der schreibt am Informationsinteresse des Lesers vorbei.
    Dass man trotzdem die Spalten mit diesen Nullinfos füllt, mag dem politischen Erziehungsanspruch der gescholtenen „Journaillie“ geschuldet sein, der Daseinsberechtigung einer solchen Presse nutzt es aber wenig.

  2. Im Zeichen der Fake-News ist es dann im Endeffkt auch besser, wenn die Zeitungen und Magazine verschwinden. Dazu fehlt dann nur noch die Abschaffung des GEZ-Zwangsfernsehens.

    1. Anders herum wird ein Schuh drauß: Die GEZ-Beiträge verdoppeln und die Verlage teilhaben lassen. Eine vielfältige Presselandschaft kostet eben.

  3. Print verliert auch deshalb, weil die Redakteure nicht mehr rausgehen und daher das Leben der Menschen und ihre tatsächlichen Probleme gar nicht mehr kennen. Lieber schreibt einer vom anderen ab. Das braucht niemand.

    1. völlig richtig. Das liegt aber daran, dass alle Redaktionen personell extrem ausgedünnt wurden. Der verbleibende personelle Rest muss dagegen so viel produzieren, dass überhaupt keine Zeit für umfangreiche Recherchen bleibt. „Rausgehen“ gibts schon gar nicht mehr. Und wenn, gehen Praktikanten raus. Darunter leidet die journalistische Qualität. Ohne Qualität wiederum sinkt die Auflage. Journalismus hat keine Zukunft mehr. Er schafft sich selbst ab.

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