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Bild-Chef Reichelt vs. die Faktenchecker vom BR: das Problem mit einer Flüchtlings-Überschrift

Bild-Chef Julian Reichelt wehrt sich gegen Kritik an dieser Story. Das Problem ist die Schlagzeile
Bild-Chef Julian Reichelt wehrt sich gegen Kritik an dieser Story. Das Problem ist die Schlagzeile

Bild-Chef Julian Reichelt und Bild-Politikchef Nikolaus Blome wehren sich öffentlich auf Twitter gegen einen Bericht des "Faktenfuchs" vom Bayerischen Rundfunk. Die Faktenchecker hatten den Bild-Aufmacher vom Dienstag ("So viele Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss") kritisiert. Schaut man sich die Fakten an, haben beide Parteien in gewisser Weise recht. Die Bild-Schlagzeile bleibt für sich genommen aber hoch problematisch.

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Die Schlagzeile „Die echten Zahlen – So viele Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss“ knallt in bewährter Boulevardmanier. Sie stellt aber eine Verkürzung dar, denn die 59% der Flüchtlinge ohne Schulabschluss aus der Zeile im Innenteil der Bild bezieht sich auf die arbeitssuchenden Flüchtlinge und nicht – wie Bild in der Zeile suggeriert – auf alle Flüchtlinge. Die Bild zitiert im Text zur Zeile einen Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und das durchaus korrekt. Darauf weist Bild-Chef Julian Reichelt auf Twitter die „lieben @BR24 ‚Rechercheure'“ auch hin:

Beim „Faktenfuchs“ von BR24 haben sie das BIBB und die Bundesagentur für Arbeit mit dem Bild-Bericht konfrontiert. Das BIBB teilte dem BR mit: „Die Aussage ’59 % der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss‘ wurde seitens des BIBB nicht getroffen, da sie sachlich nicht richtig ist.“ Denn, wie bereits erwähnt, die Aussage wird von der Bild so auch nur in den Überschriften auf Seite 1, Seite 3 und dem Online-Artikel getroffen. Anschließend bringt der BR24 „Faktenfuchs“ einige Zitate einer Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit, die die Zahl der Flüchtlinge ohne Schulabschluss weiter relativieren sollen, mit der Statistik aber nichts zu tun haben, was Reichelt wiederum anprangert:

Auch Bild-Politikchef Nikolaus Blome schickte einen Tweet in Richtung BR24:

Beide Parteien haben in gewisser Weise recht. Die Bild hat in dem Artikel-Text die Statistik des BIBB korrekt wiedergegeben. Die Überschriften zum Bild-Artikel suggieren aber etwas anderes, nämlich dass sich die 59% ohne Schulabschluss auf die Gesamtzahl aller Flüchtlinge bezieht und nicht nur auf sie arbeitssuchenden. Das ist darum relevant, weil solche Überschriften in Zeiten von Social Media wie ein Brandbeschleuniger funktionieren können. So zeigte die MEEDIA-Auswertung in unserem #trending Newsletter, dass die Bild-Story mit den Flüchtlingen one Schulabschluss im Social Web enorm erfolgreich war. Zitat aus #trending:

Eine Story, die am Dienstag mehrfach weit oben in den Social-Media-News-Charts zu finden war, kam ursprünglich von der Bild: „BIBB rechnet Zahlen nach – 59 % der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss“ titelte Springers Boulevard-Schlachtschiff und sammelte damit rund 8.000 Interaktionen bei Facebook und Twitter ein. Ebenfalls erfolgreich mit der Story: Focus Online und die Junge Freiheit, die jeweils Bild zitierten. Unter den Facebook- und Twitter-Accounts, die die Artikel verbreiteten, waren viele von AfD-Politikern, Facebook-Seiten wie „Keine weitere Asylantenheime in Deutschland“, Erika Steinbach, usw.

Andere Medien wie Focus Online und die Junge Freiheit sind also auf den durch die Headline vorgegebenen Spin der Bild aufgesprungen. Die falsche Lesart der Überschrift verbreitete sich viral im Netz. Bei der Bild hätten sie allerwenigstens die Online-Überschrift genauer gestalten können, aber das war offensichtlich nicht gewollt. Die Lehre daraus: Verknappungen von komplexen Sachverhalten, wie sie im Boulevardjournalismus durchaus üblich sind, können in Zeiten von Social Media hochproblematisch sein.

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