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„Dass wir nicht verbrannt sind, war reines Glück!“ – ZDF-Reporter Dietmar Schumann über Rostock-Lichtenhagen

Dietmar Schumann filmte für das ZDF vor 25 Jahren die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen
Dietmar Schumann filmte für das ZDF vor 25 Jahren die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen

Im August 1992 setzte ein fremdenfeindlicher Mob im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen ein Wohnheim für vietnamesische Arbeiter in Brand. Gemeinsam mit den Bewohnern war ein Kamerateam von „Kennzeichen D“ im brennenden Hochhaus eingeschlossen. 25 Jahre später erinnert sich ZDF-Reporter Dietmar Schumann für MEEDIA an die größte Schande in der Geschichte der Bundesrepublik.

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Von Hendrik Steinkuhl

Als die Polizei die Lage endlich unter Kontrolle hatte, als die 115 vietnamesischen Bewohner der in Flammen stehenden Asylunterkunft gerade in einen Bus gebracht worden waren, begegnete Dietmar Schumann auf der Straße einem Anwohner, der ihm ungefragt mitteilte, was nun mit den Vietnamesen geschehen müsse: „Man sollte sie gleich alle ins Wasser fahren – weg damit.“

Auch Dietmar Schumann und sein Team wären am 24. August 1992 beinahe in dem brennenden Hochhaus umgekommen. 25 Jahre später, der Reporter ist mittlerweile in Rente, betrachtet Schumann Rostock-Lichtenhagen als das mit Abstand schlimmste Erlebnis seiner beruflichen Laufbahn. Und das, obwohl er für das ZDF aus vielen Kriegs- und Krisengebieten berichtet hat und mehrfach in Lebensgefahr war. Doch der 24. August 1992 steht bei ihm nicht nur für Angst; sondern auch für völliges Entsetzen. „Ich hätte doch nie damit gerechnet, dass mir so etwas ausgerechnet in Rostock passiert!“

Der Mob formierte sich an einem Samstag, es war der Abend des 22. August. In Rostock hatte es schon lange rumort, die Arbeitslosigkeit war hoch, viele empfanden sich als Wendeverlierer, und dann wurde die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber ausgerechnet im Brennpunkt-Stadtteil Lichtenhagen untergebracht. Weil der Platz fehlte, campierten Sinti und Roma vor dem Gebäude, sie verrichteten ihre Notdurft in Gebüschen, Müll lag herum, es stank. Dann, getragen von ostdeutschem Frust und dirigiert von einigen westdeutschen Neonazis, kam der Hass. Rund 2.000 Menschen versammelten sich vor der Zentralen Aufnahmestelle, Betonplatten wurden zertrümmert und auf das Gebäude geworfen. Der Mob brüllte „Sieg Heil!“ und „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“

Dietmar Schumann arbeitete damals für das linke ZDF-Politmagazin „Kennzeichen D“. Mit einem Kamerateam fuhr er nach Rostock, um eine andere Perspektive zu zeigen: die der Opfer. Medien aus vielen Ländern berichteten bereits aus Lichtenhagen, doch ihr Interesse war oft weniger journalistisch als voyeuristisch. „Alle möglichen Fernsehanstalten haben da ihre Kameras aufgebaut, auch auf einem Supermarkt-Dach. Die ganze Berichterstattung ähnelte eher einer Fußballübertragung.“ Einige englische Journalisten wollten nichts dem Zufall überlassen und sorgten selbst für die Bilder, die viele auf der Insel erwarteten: „Die haben Leute dafür bezahlt, dass sie den Hitlergruß zeigen!“, erinnert sich Dietmar Schumann.

Am 24. August, einem glühend heißen Montag, wurde die Zentrale Aufnahmestelle nach den nun schon zwei Tage dauernden Angriffen gegen Nachmittag evakuiert. Die Politik glaubte, das Problem damit gelöst zu haben. Doch der Mob blieb und suchte sich ein neues Ziel: das benachbarte Hochhaus, auf dem eine riesige Sonnenblume prangte, und in dem rund 100 vietnamesische Vertragsarbeiter lebten. Gegen 19 Uhr betraten Dietmar Schumann und sein Team das Sonnenblumenhaus, um dort zu drehen. „Ich habe noch mitbekommen, dass sich der Mob auf einer grünen Wiese vor dem Haus versammelte und es Randale mit der Polizei gab. Als wir im Haus waren, haben wir das aber erst mal gar nicht weiter verfolgt.“ Das Gegröle von draußen sei zwar weiter zu ihnen durchgedrungen; doch dass sich die Polizei zurückzog und das Haus angegriffen wurde, bekamen Schumann und seine Kollegen erst einige Stunden später mit. Zunächst wähnten sie sich nicht in Gefahr und filmten, was vor dem Haus passierte. Doch dann bemerkten sie, dass das Gebäude brannte.

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Nicht die Polizei, sondern eine Anwohnerin hatte als erste die Feuerwehr verständigt. Doch die kam nicht zum Sonnenblumenhaus durch, der Mob versperrte ihr den Weg, die wenigen Polizisten vor Ort waren machtlos. Dietmar Schumanns Reporter-Kollege Thomas Euting rief daraufhin seine Frau an und schilderte ihr die Situation, auch „Kennzeichen-D“-Redaktionsleiter Joachim Jauer wurde informiert. Beide, Eutings Frau und Jauer, bearbeiteten dann telefonisch die Berliner Polizei, damit diese die auf Tauchstation gegangenen Kollegen in Rostock alarmierte. „Das klappte auch“, sagt Dietmar Schumann, „und zwar – so komisch es klingt: über eine alte Standleitung der NVA.“ Gegen 22.30 Uhr, knapp eine Stunde, nachdem das Hochhaus in Brand gesteckt worden war, traf eine Hundertschaft mit Wasserwerfer in Lichtenhagen ein. Bis die Polizisten der Feuerwehr den Weg zum Haus freigemacht hatten, verging eine weitere halbe Stunde.

Für die 115 vietnamesischen Bewohner und das ZDF-Team wäre die Hilfe zu spät gekommen. „Ich habe an dem Abend mehrfach mit meinem Leben abgeschlossen“, sagt Dietmar Schumann. Sein Kollege Thomas Euting verfasste einen Abschiedsbrief an seine Frau, darin notierte er: „Die Notausgänge zum Nachbarhaus sind allesamt von den deutschen Nachbarn verrammelt und mit Ketten gesichert. Man will verhindern, dass die lästigen Ausländer rüberkommen können.“

Die Rettung für die Eingeschlossenen war laut Schumann eine Dachluke, die sie mit einem Holzbalken aufstoßen konnten. Und das in letzter Sekunde. „Dass wir nicht verbrannt sind, war reines Glück!“ Über die Luke krabbelten sie zum Nachbarhaus, von dort gelangten sie wieder ins Freie, wo sie von den Polizisten geschützt werden mussten. „Wir Journalisten wurden auch beschimpft, ‚Ausländerfreunde‘ haben viele gebrüllt.“

Am nächsten Morgen ging das Team von Kennzeichen D wieder an die Arbeit. Schumann und seine Kollegen recherchierten die Umstände der Brandstiftung, der sie selbst beinahe zum Opfer gefallen wären. Später fuhren sie dann ins ZDF-Landesstudio Schwerin und schnitten dort den Beitrag, für den sie zahlreiche Preise gewannen. „Wir haben anschließend schon wieder den nächsten Beitrag für die „Kennzeichen-D“-Ausgabe der folgenden Woche produziert. Zum Nachdenken hatten wir eigentlich gar keine Zeit, wir haben einfach weitergearbeitet.“

Die Ohnmacht und das Entsetzen konnten die Journalisten damit aber nicht dauerhaft löschen, das Erlebte hinterließ bei jedem von ihnen Spuren. „Bei einigen ist das Trauma tief. Einer so riesigen Menge von Landsleuten gegenüberzustehen, die einem nach dem Leben trachtet, das ist einfach ein furchtbares Gefühl.“

Dass die Täter so milde bestraft wurden, dass Politiker, die vorher gegen Asylanten gehetzt hatten, die ZDF-Reporter mit Lob überschütteten, dass jahrzehntelang kein namhafter Politiker nach Rostock kam, um an die Anschläge zu erinnern: All das findet Dietmar Schumann bis heute beschämend. Regelmäßig in Erinnerung zu rufen, was damals im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen passiert ist, hält er für eine Notwendigkeit. „Diese Anschläge haben gezeigt, was hierzulande geschehen kann, wenn der Rechtsstaat vor Extremisten kapituliert.“

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