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Ein Interview und seine Folgen: Wie der Focus ins Visier von Erdogan und der türkischen Staatspresse geriet

Der Focus vom 5. August sorgte für viel Aufregung in der Türkei. In der kommenden Ausgabe äußert sich Chefredakteur Robert Schneider noch einmal in seinem Editorial
Der Focus vom 5. August sorgte für viel Aufregung in der Türkei. In der kommenden Ausgabe äußert sich Chefredakteur Robert Schneider noch einmal in seinem Editorial

Seit dem vergangenen Samstag liegt der Focus mit der Titelgeschichte “Die Heilkraft der Natur” an den deutschen Kiosken. Weitaus brisanter als die Titelstory ist ein Interview mit dem türkischen Oppositionsführer Kemal Kilicdarouglu im Heft. Unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit arbeitet sich die staatsnahe türkische Presse seit Tagen an Burdas Nachrichtenmagazin wegen des Interviews ab. Auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan schaltete sich ein.

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Mit dem Interview schaffte es der Focus auf die Titelseiten der großen Tageszeitungen Star und Aksam und in unzählige Online-Berichte in der Türkei. Alle Stücke arbeiten sich an dem Interview mit dem Oppositonspolitiker ab. Unter der Überschrift “In der Türkei gibt es für niemanden eine Sicherheitsgarantie” kritisierte der Chef der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei CHP im Focus die Regierungspolitik von Erdogan und rät – zumindest verklausuliert – von Urlaubsreisen in die Türkei ab.

Auf die Frage, ob die Angst gerechtfertigt sei, dass man wegen eines falschen Witzes oder eines falschen T-Shirt-Aufdrucks verhaftet werden zu können, antwortet Kilicdaroglu im Focus:

Leider muss ich feststellen, dass ein solches Klima wirklich existiert. Ich sage seit langem, dass es in der Türkei derzeit für niemanden eine Sicherheitsgarantie gibt, weder für Leib und Leben noch fürs Eigentum. Natürlich muss der Staat Vorkehrungen treffen. Leider leben wir in einer Zeit, in der das Gesetz nichts gilt und Gerechtigkeit nicht existiert. Um das Vertrauen der Welt wiederzuerlangen, muss die Türkei dringend wieder zur Normalität und Demokratie zurückkehren.

Diese Sätze erzürnten offenbar den Staatspräsidenten wie auch die regierungsnahe Presse. So musste sich der Focus einiges anhören. Präsident Erdogan wetterte sogar selbst gegen das Magazin und hielt dem Oppositionsführer entgegen, dass er sich schämen solle.

In einer Vielzahl von Artikeln wurde der Focus hart angegangenen, “dem Oppositionsführer Vaterlandsverrat vorgeworfen und dem Interviewer Spionage”, wie Focus-Chefredakteur Robert Schneider im Editoral der kommenden Ausgabe schreibt. Weiter notiert Schneider, dass er froh sei, dass der Autor die Türkei mittlerweile verlassen habe. “Denn ja, es ist wohl so, wie Kemal Kilicdaroglu, der den mutigen Marsch Hunderttausender Menschen für Gerechtigkeit organisierte, sagt: Es gibt in der Türkei derzeit für niemanden eine Sicherheitsgarantie.”

Einer der Vorwürfe, die von türkischer Seite dem Focus gemacht wurden, war die Behauptung, dass das Interview in einer nicht-autorisierten Form erschienen sei. Auf MEEDIA-Anfrage stellt der Focus jedoch klar, dass alle Antworten vom Büro Kilicdaroglu abgenommen worden seien. Journalistisch ist die Redaktion davon überzeugt, sauber gearbeitet zu haben. Mit den heftigen Reaktionen der türkischen Kollegen, vor allem der regierungsnahen Medien, hatte beim Focus jedoch kaum jemand gerechnet.

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