Auslandskorrespondent Carsten Stormer: „Kriegsreporter sind im deutschen Journalismus etwas verpönt“

„Es war ein schleichender Prozess“: Krisenjournalist Carsten Stormer spricht im Interview mit MEEDIA über seine posttraumatische Belastungsstörungen
"Es war ein schleichender Prozess": Krisenjournalist Carsten Stormer spricht im Interview mit MEEDIA über seine posttraumatische Belastungsstörungen

Der Journalist Carsten Stormer berichtet seit vielen Jahren aus den Krisengebieten der Welt, hat Artikel, Fernsehbeiträge und Bücher veröffentlicht. Im Interview mit MEEDIA spricht er über das mäßige Image des Krisenreporters, kritisiert das geringe Interesse deutscher Medien an Syrien und berichtet über die gesundheitlichen Folgen, die der Beruf mit sich bringen kann.

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Von Hendrik Steinkuhl

Herr Stormer, würden Sie sich selbst eigentlich als Kriegsreporter bezeichnen?
Ich definiere mich zuerst als Journalist und Reporter, und meine Interessen liegen vorwiegend in Krisengebieten. Ich würde also eher sagen, dass ich Krisenjournalismus betreibe. Bei dem Wort Kriegsreporter denken die meisten, dass einem da permanent die Kugeln um die Ohren fliegen. Solche Situationen sind aber nur ein ganz kleiner Teil des Berufs. Das meiste spielt sich ein paar Kilometer hinter der Front ab.

Welches Image haben denn Ihrer Beobachtung nach Kriegs- oder Krisenreporter?
Beide Begriffe sind mit ganz vielen Klischees behaftet, und im deutschen Journalismus ist der Kriegs- oder Krisenreporter sogar ein bisschen verpönt. Da wird gerne mal die Nase gerümpft, weil man glaubt, wir wären alle Adrenalin-Junkies, die lustig an der Front rumlaufen, Fotos davon auf Facebook posten, uns abends gegenseitig auf die Schulter klopfen und an der Hotelbar noch einen Gin Tonic trinken.

In anderen Ländern ist die Wahrnehmung eine andere?
Ja, auf jeden Fall. In Frankreich, England, Italien oder den USA ist der Krisenjournalismus hoch angesehen. Da gehört es auch zum Selbstbild der großen Magazine, Zeitschriften und Fernsehsender, mehrere Krisenreporter zu beschäftigen.

Heißt das, dass deutsche Medien auch ein vergleichsweise geringes Interesse daran haben, über Krisenregionen zu berichten?
Ja, das heißt es. Es gibt natürlich Ausnahmen: den Spiegel vor allem, die Zeit kann man auch noch nennen, dann kommt hier und da noch ein Drei-Minuten-Video in den Tagesthemen oder im Auslandsjournal. Aber das war es dann eigentlich auch. Vor Ort sind einige freie Journalisten, die sich wirklich auskennen, aber der Platz für Berichte aus Krisengebieten ist sehr klein. Im Zweifel berichtet man eher groß über die CSU-Klausurtagung in Kreuth als über Syrien.

Würden Sie der immer wieder geäußerten Kritik zustimmen, dass insbesondere Syrien in den deutschen Medien lange Zeit völlig unterbelichtet war?
Das würde ich. Ich musste wirklich darum kämpfen, meine Beiträge zu verkaufen, weil es lange Zeit kaum Interesse an Syrien gab. Natürlich ist es gefährlich, dort zu arbeiten, und natürlich ist es teuer, Leute dort hinzuschicken. Trotzdem gehört das aus meiner Sicht zum journalistischen Selbstverständnis. In Syrien waren Christoph Reuter vom Spiegel, Alfred Hackensberger von der Welt, Julian Reichelt von der Bild, Wolfgang Bauer von der Zeit – und ich. Das wars.

Welche Folgen hat dieses geringe Interesse?
Ich glaube, dass man in Deutschland auch deshalb die Zeichen einer sich andeutenden großen Flüchtlingskrise übersehen hat und sehr überrascht war, als plötzlich Tausende Menschen vor Passau standen. Und als der IS seine absolute Hochzeit hatte, Mitte 2014, war gerade Fußball-WM. Da hat wirklich niemanden interessiert, was gerade in Syrien los ist.

Der momentan wohl bekannteste und umstrittenste deutsche Kriegsreporter ist Paul Ronzheimer von der Bild. Was halten Sie von ihm?
Wir kennen uns zwar nicht persönlich, aber ich stehe über Facebook mit ihm in Kontakt. Ich empfinde ihn als einen sehr angenehmen Kollegen, der immer hilfsbereit ist und mit dem man sich sehr gut austauschen kann. Paul ist ein toller Journalist. Er ist natürlich an allen Brennpunkten gleichzeitig, meine Art der Berichterstattung ist eine völlig andere. Ich schreibe lange Reportagen und versuche, Konflikte so lange wie möglich zu begleiten und halte grundsätzlich nicht viel von diesem Parachute-Journalism, den inzwischen viele Medien betreiben.

Sie sind vor ein paar Jahren psychisch erkrankt, auch in Folge Ihres Berufs. Was genau ist passiert?
Es begann Ende 2013 mit einer Reise nach Zabadani in Syrien, wo ich entführt werden sollte. Die zwei Männer, die mir dort quasi das Leben gerettet haben, sind Anfang 2014 getötet worden. Im Juni 2014 ist dann mein Vater gestorben, im August wurde mein Freund und Kollege James Foley vom IS geköpft, und im Oktober ist mein Sohn geboren worden. Das alles war zu viel für mich.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit verändert?
Es war ein schleichender Prozess. Man merkt das erst gar nicht, man will auch gar nicht akzeptieren, dass da etwas bei einem kaputt gegangen ist. Ich war gereizt, habe mich selbst infrage gestellt, habe meine Ehe infrage gestellt, ich habe den Spaß an meinem Beruf verloren, ständig schlecht geschlafen.

Und wann ist Ihnen bewusst geworden, dass da, wie Sie sagen, etwas bei Ihnen kaputt gegangen ist?
Mir ist irgendwann aufgefallen, dass mir beim Anschauen meiner Filme oder beim Lesen meiner Artikel alles wahnsinnig nahe ging. Dann dachte ich, dass ich dringend etwas tun muss, um wieder selbst über mein Leben bestimmen zu können. Eine Freundin empfahl mir dann das „Dart Center for Journalism and Trauma“, von dem ich vorher auch schon gehört hatte. Dort hat man mir angeboten, mit einer Psychologin zu sprechen, was ich auch getan habe. Sie sagte, dass ich eindeutig unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leide und jetzt zwei Möglichkeiten hätte: entweder weitermachen wie bisher, dann würde ich irgendwann daran zerbrechen; oder aber ganz offen damit umgehen und meiner Frau, meinen Freunden und Kollegen davon erzählen. Vor allem sollte ich akzeptieren, dass mich dieses Trauma auf irgendeine Art mein ganzes Leben lang begleiten wird. Man sieht in solchen Krisengebieten eben Dinge, die ein Mensch nicht sehen sollte. Und man begibt sich in Gefahren, die teilweise erst Wochen, Monate oder Jahre später Folgeerscheinungen zeigen.

Warum sind Sie eigentlich Krisenreporter geworden?
Es hat mich schon immer interessiert, wie Menschen in Krisengebieten leben. Ich habe mich schon in der Schule intensiv mit dem Vietnamkrieg beschäftigt, ich habe Bücher von Kriegsreportern wie Peter Scholl-Latour oder Peter Arnett gelesen, ich habe die Berichterstattung im Fernsehen verfolgt. Nach dem Ende meines Journalistikstudiums habe ich mir dann als Erstes ein One-Way-Ticket nach Kabul besorgt und bin drei Monate lang per Anhalter in Afghanistan unterwegs gewesen. Ich war jung und habe gesagt, dass mir eh nichts passieren kann. Aber natürlich hätte meine Laufbahn als Krisenreporter da auch schon zu Ende sein können.

In Syrien können Sie nicht mehr arbeiten, das Assad-Regime verweigert Ihnen die Einreise. Aus welchem anderen Land werden Sie als nächstes berichten?
Das verrate ich in der Öffentlichkeit nicht, ich tue alles, um das Entführungsrisiko so gering wie möglich zu halten. Aber natürlich wird es wieder eine Krisenregion sein.

Carsten Stormer arbeitet seit vielen Jahren als Journalist in Krisengebieten, hat als freier Journalist unter anderem in Medien wie Stern, Focus, FAZ oder Cicero veröffentlicht. Er ist Autor der Bücher „Die Schatten des Morgenlandes. Die Gewalt im Nahen Osten und warum wir uns einmischen müssen“ und „Das Leben ist ein wildes Tier. Wie ich die Gefahr suchte und mich selber fand“.

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