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Puff-Gutscheine aus dem Elfenbeinturm: Medienforscher blamiert sich in der ARD beim Thema Fake-News

Professor Wolfgang Schweiger, ARD-Doku über Fake-News
Professor Wolfgang Schweiger, ARD-Doku über Fake-News

Der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger wird gerne zitiert, wenn Medien über das Thema Fake-News berichten. Sein Auftreten in der ARD-Dokumentation „Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News“ wirft allerdings die Frage auf, was außer seinen akademischen Weihen ihn eigentlich zum Experten macht.

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Von Hendrik Steinkuhl

Wer hätte das geahnt: Rechtsausleger sind in der Auswahl ihrer Kombattanten herzlich beliebig, wer will, der darf auch mitmarschieren. Und so ist es zwei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Hohenheimer Professors Wolfgang Schweiger gelungen, sich mit Fake-Profilen in einige sehr deutsche Facebook-Gruppen reinzuschmuggeln – „ohne Kontrollen, ohne Aufnahmetests“ (Off-Stimme). Ja sapperlot!

Es brauchte wohl erst mutige Kommunikationswissenschaftler und den Film-Autor Claus Hanischdörfer, um derart Überraschendes aus dem digitalen Sumpf zu fischen. Oder mit anderen Worten: Gut, dass die ARD die Dokumentation „Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News“ erst um 23.45 Uhr sendet. Denn der Film ist furchtbar schlecht und liefert keine einzige originelle Erkenntnis zum Thema.

Einen erheblichen Anteil daran hat Wolfgang Schweiger. Der Hohenheimer Professor und seine Forschung zum Thema Fake-News stehen im Mittelpunkt der Dokumentation, in der wir Zeugen dieses bahnbrechenden Experiments werden: Zwei Forscherinnen versuchen, Fake-News in Umlauf zu bringen.

Nun mag der anti-intellektuelle Wutbürger einwenden, nicht wenige Wissenschaftler würden das doch täglich tun, zur besseren Tarnung allerdings versehen mit Fußnoten. In diesem Fall soll der Fake aber völlig unakademisch daherkommen und ohne viel Mühe auch als Fake erkennbar sein. Deshalb erfinden die Forscher für ihre Falschmeldung mit dem Titel „Gratis-Sex für Asylanten – Landratsamt zahlt“ die bayerische Gemeinde Bad Eulen und verbreiten sie über die Website der-volksbeobachter.de. Nach wenigen Tagen haben 155 Menschen die Nachricht geteilt, und aus dem Off heißt es, der Herr Professor fühle sich in seiner Grundannahme bestätigt: Viele Menschen würden einfach die Quelle nicht prüfen. „Die Nähe zum Völkischen Beobachter sollte ja für jeden, der einigermaßen historisch gebildet ist, sehr nahe sein. Dass es sich dabei um kein unbedingt glaubwürdiges Medium handelt, sollte man eigentlich merken.“

Aber natürlich. Das NSDAP-Kampfblatt darf man in unserer historisch so kompetenten Gesellschaft (bei einer Studie im Jahr 2009 wussten 33 Prozent der befragten Medizinstudenten nicht, wer Josef Mengele war) als bekannt voraussetzen. Genauso selbstverständlich ist die Transferleistung, vom Volksbeobachter auf den Völkischen Beobachter und damit auf die Unzuverlässigkeit der Quelle zu schließen. Und wo wir gerade bei Transferleistungen sind: Puff-Gutscheine für Migranten oder für Empfänger von eben jenen sind Fake-News, die die Menschen schon in Wallung versetzt haben, als es weder den Begriff Fake-News noch das Internet überhaupt gab. Was für ein originelles Experiment also. Und was für ein Irrsinn, wenn Schweiger zu seinen – vermutlich aus völlig übertriebener Angst vor dem Zorn getäuschter Facebook-User namenlos bleibenden – HiWis sagt: „Wir müssen aufpassen, nicht irgendwelche Bevölkerungsgruppen zu diskriminieren. Das macht die Sache natürlich schwierig. Wäre ja viel einfacher, irgendwelche hasserfüllten Dinge zu posten.“

Stimmt, so etwas wie „Gratis-Sex für Asylanten“ zum Beispiel. Oder, und diese Falschmeldung ist zwar nicht im Film, aber noch immer auf der Website zu sehen: „Flüchtling schnappt Deutschem den Job weg“. Garniert ist diese Fake-News mit dem Facebook-Posting des Malermeisters Reiner D., in dem es unter anderem heißt: „Es ist doch zum kotzen !! Jahrelang rackert man sich ab und bildet sich weiter und wie danken sies mir ?!! Sie geben meinen Job in letzter Sekunde einem ungelernten Flüchtling, der noch nie in seinem Leben einen Pinsel gehalten hat und kein WORT deutsch spricht.“ Niedlich zu sehen, wie namenlose Wissenschaftlerinnen dabei scheitern, eine Wutbürger-Diktion zu imitieren. Diese Falschmeldung ist wirklich leicht als solche zu erkennen.

Um es kurz zusammenzufassen: Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schweiger lässt seine Mitarbeiterinnen im Dienst der Wissenschaft gegen Minderheiten hetzen, sagt aber vorher, dass sie genau das natürlich auf keinen Fall tun dürften. Er holt den Puff-Gutschein aus der digitalen Mottenkiste und entdeckt, oh Wunder, dass die Leute darauf hereinfallen. Und er sieht seine These von einer ungenügenden Quellenprüfung im Netz als bestätigt an, weil in seinem Experiment die Nähe zwischen Volksbeobachter und Völkischem Beobachter ja jedem hätte ins Auge springen müssen.

In einem Interview mit dem MDR im Februar dieses Jahres sagte Wolfgang Schweiger: „Meine Annahme ist, dass die Überforderung in Sachen Medienkompetenz uns alle betrifft.“
Scharf beobachtet, Captain Obvious. Und jetzt husch zurück in den Elfenbeinturm, über die eigene Überforderung in Sachen Medienkompetenz nachdenken und mal für ein paar Monate keine Interview-Anfrage annehmen!

„Im Netz der Lügen – Der Kampf gegen Fake News“ läuft am 31. Juli um 23.45 Uhr in der ARD.

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